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27. August 2012

Ein Zuhause für Langzeitjunkies

Auch Drogensüchtige kommen in die Jahre. Und dann weiss niemand, wohin mit ihnen. Niemand? Eine kleine Baselbieter Gemeinde bietet neun Drogenabhängigen ein neues Zuhause. Diesen Monat feiert die Einrichtung Harmonie in Langenbrück ihr fünfjähriges Bestehen.

Chris (48)
Gitarrist mit glasklarer Stimme: Chris (48) ist Stadtbasler und gelernter Sportmasseur. 20 Jahre lang finanzierte er seine Sucht als Strassenmusiker und lebte unter anderem im Zelt im Tessiner Maggiatal. Er ist seit zwei Jahren in der Harmonie und singt am liebsten im Badezimmer.

Die Rockfraktion wohnt im Erdgeschoss. Links liegt das Zimmer von Peter, rechts lebt Chris. Der eine hat ein Poster von Black Sabbath an die Wand gepinnt, beim anderen hängen zwei Gitarren. «Früher besass ich mehrere», sagt Chris (48). Jahrelang war er als Strassenmusiker unterwegs — und als Junkie. Zusammen mit neun Schicksalsgenossen leben Peter und Chris heute im Haus Harmonie in der Baselbieter Gemeinde Langenbrück.

Die Bewohner selber gaben dem Anwesen den Namen Harmonie. Er ist Ausdruck ihrer Hoffnung. Sie möchten endlich zur Ruhe kommen. An einem sicheren Ort leben. Den ganzen Stress der Gasse hinter sich lassen. Sie mögen nicht mehr. Sie sind zu alt für die nervenaufreibende Hektik eines Lebens als Junkie. In der Harmonie finden Menschen Zuflucht, die alles gesehen, alles durchgemacht haben, was Schicksal und Gesellschaft für Süchtige bereithält: Drogenkonsum, Medikamentensucht, Alkoholismus — und damit Beschaffungsstress, Kriminalität, Prostitution, Gefängnis. Sie kennen Krankheit und Tod, Einsamkeit und soziale sowie körperliche Verwahrlosung. Sie haben unzählige Entzüge hinter sich, waren in Dutzenden von Therapien. Genützt hat alles nichts. Jetzt wollen sie nur noch eines: ihre Ruhe.

Chris wohnt seit zwei Jahren in der Harmonie. Er hat Leberzirrhose, eine Diskushernie und seit einem Unfall einen Teil des Fusses amputiert. Er sitzt im Rollstuhl. «Zukunft», sagt er, «Zukunft existiert für mich nicht mehr. Ich lebe schon ein halbes Jahr länger als die Ärzte prognostiziert haben.» Chris ist Stadtbasler, gelernter Sportmasseur und war früher begeisterter Hundesportler. Resigniert oder gar depressiv wirkt er aber nicht. Im Gegenteil. Er erzählt lebhaft, wirkt wach und verbringt die Nachmittage am liebsten in seinem Badezimmer, wegen der Akkustik. Der Raum ist rollstuhlgerecht umgebaut und riesig. Die ohnehin schöne Stimme von Chris klingt hier drin glockenklar und schallt bis hinaus in den Garten — ein friedlicher Moment.

Disco, Drogen und DJs mit fragwürdigem Musikgeschmack

«Nimm Dir das Leben» steht provokativ auf einem Werbeflyer und darunter: «... und lass es nie mehr los. Komm in die Harmonie.» Eine Zeile weiter der Zusatz: ein Zuhause auf dem Land, für Menschen mit langjähriger Suchtproblematik. Die Flyer hängen in Basel überall dort, wo Junkies verkehren. Zum Beispiel im Gassenzimmer. «Wir müssen provokativ sein», sagt Jürg Lützelschwab (60), Leiter der Harmonie. «Sonst werden wir gar nicht wahrgenommen.» Betrieben wird das Projekt vom Verein Haus Harmonie, der Süchtigen Obdach, regelmässige Mahlzeiten, medizinische Betreuung und Tagesstrukturen bietet. Jürg Lützelschwab ist Gründungsmitglied des Vereins und suchte lange nach einem grossen Haus für ältere Drogenabhängige. Die Bezeichnung «Altersheim für Junkies» hört er allerdings nicht gerne. «Das klingt zu sehr nach Endstation. Tatsächlich blühen die meisten auf, kaum sind sie in der Harmonie angekommen.»

Peter (49) aus Basel haute als Teenager zu Hause ab und konsumierte 30 Jahre lang Heroin. Das hinterliess körperliche Schäden. Aus Verzweiflung versuchte er, seinem Elend ein Ende zu setzen. Nun hat er ein neues Zuhause – und neue Zuversicht.
Neue Zuversicht im neuen Zuhause: Peter (49) aus Basel haute als Teenager zu Hause ab und konsumierte 30 Jahre lang Heroin. Das hinterliess körperliche Schäden. Aus Verzweiflung versuchte er, seinem Elend ein Ende zu setzen. Nun hat er ein neues Zuhause – und neue Zuversicht.

Peter (49) ist erst seit wenigen Monaten dabei. Sein Körper ist aufgeschwemmt vom Wasser. Eine Folge der Leberzirrhose. Er war suizidgefährdet und hörte in der Psychiatrie von der Harmonie. «30 Jahre habe ich gejunkt», sagt Peter, dann verlagerte er seine Sucht auf den Alkohol. Vor Kurzem noch knapp dem Tod entronnen, hat er nun Pläne. Er möchte nachmittags in der Plexi, der Kunststoffabrik im Ort, arbeiten.

Er erzählt, wie er in der Harmonie-Disco getanzt habe, ein öffentlicher Anlass, der regelmässig stattfindet. «Zu AC/DC und Deep Purple. Ich war der Einzige!» Später habe der DJ so süsses Zeugs aufgelegt, dass er den Tanzboden den Heimleitern überlassen habe. «Die sind abgegangen bis in die frühen Morgenstunden.» Peter erzählt, dass es ihm in der Harmonie schnell besser gegangen sei und er sich über die Besuche seines Nachbarn Chris zwar freue, es aber nicht haben könne, wenn dessen Rollstuhl schwarze Striemen auf dem Parkett hinterlasse. «Ich habe das schönste Zimmer im Haus, das will ich sauber halten.» Als er auf das Foto seines Sohns zeigt, lächelt Peter sogar. «Er ist 26 und trinkt höchstens am Wochenende ein Bier. Mit Drogen hat er sowieso nichts am Hut.» Er ist sichtlich stolz auf seinen Jungen und hofft, künftig wieder mehr Kontakt mit ihm zu haben.

Als Frühaufsteher hat Peter das Ämtli, den Zmorge für die Bewohner zuzubereiten. «Eine halbe Stunde sitzen wir zusammen am Tisch. Erst dann wird aufgestanden. Das ist die Regel.» Welche Regeln im Haus gelten, bestimmen Bewohner und Betreuerteam in den wöchentlichen Sitzungen selber. «Wir versuchen erst gar nicht, die Bewohner zu therapieren», sagt Leiter Jürg Lützelschwab, «dagegen sind mittlerweile ohnehin alle resistent. Aber ein paar Regeln müssen gelten, sonst funktioniert das Zusammenleben nicht.» Dazu gehört Putzdienst und Mithilfe in der Küche. Zwar wird das Mittagessen von Profi Susanne Hasler zubereitet, die im 60-Prozent-Pensum in der Harmonie arbeitet. Aber beim Tischdecken und Abwaschen muss immer jemand helfen.

Wer gewalttätig wird oder drögelet, fliegt raus

Das Betreuerteam in der Harmonie: Leiter Jürg Lützelschwab mit seinem Hund Chico, Silvia Aerni und Gustavo Sadarriaga (von links).
Das Betreuerteam in der Harmonie: Leiter Jürg Lützelschwab mit seinem Hund Chico, Silvia Aerni und Gustavo Sadarriaga (von links).

Für Frühstück und Abendessen sind die Bewohner selber verantwortlich. «Beschäftigung ist ein wichtiger und stabilisierender Faktor im Alltag», heisst es auf der Homepage. Ebenso grossen Wert gelegt wird auf Selbstverantwortung. Rauchen ist nur in den eigenen Zimmern erlaubt, Bier erst ab 16 Uhr, der Konsum von hartem Alkohol und harten Drogen nicht nur im Haus, sondern auf dem ganzen Dorfareal verboten. Wer gewalttätig wird oder drögelet, fliegt raus. Die Bewohner selber haben das so bestimmt. Abends um 17 Uhr geht das vierköpfige Betreuerteam nach Hause. Für Notfälle klebt auf jeder Etage die Handynummer des Pikettdienstes, der innerhalb einer Viertelstunde vor Ort ist. Alle Bewohner sind in einem Substitutionsprogramm. Methadon und Medikamente bekommen sie nach Stundenplan. Wer trotzdem Drogen konsumieren will, muss den langen Weg nach Basel auf sich nehmen. Abstinenz wird ausdrücklich nicht verlangt — es hätte ohnehin keinen Sinn. In der Harmonie gibt es nur Regeln, die realistischerweise auch eingehalten werden können. «Wir lassen die Leute in Ruhe», sagt Lützelschwab. «Die kennen sich selber bestens aus mit Drogen, die brauchen unsere Ratschläge nicht. Bei uns soll man ehrlich über Drogenkonsum reden können, auch über Abstürze.»

Die Altjunkies blühen regelrecht auf, wenn der Druck weg ist

Heroin als Lebensinhalt: Claudio (52) wuchs in Bern auf und kam schon als 20-Jähriger das erste Mal in eine stationäre Therapie – und dann ins Gefängnis. Seit er den Kontakt zu seinem früheren Freundeskreis und zu seiner Familie meidet, geht es ihm besser.
Heroin als Lebensinhalt: Claudio (52) wuchs in Bern auf und kam schon als 20-Jähriger das erste Mal in eine stationäre Therapie – und dann ins Gefängnis. Seit er den Kontakt zu seinem früheren Freundeskreis und zu seiner Familie meidet, geht es ihm besser.

Zwei, drei Mal im Monat zieht es Claudio (52) in die Stadt. Er ist Tessiner und wuchs in Bern auf. Als 20-Jähriger probierte er das erste Mal Heroin. Er hatte gerade die Handelsschule abgeschlossen und arbeitete beim Bankverein. Dann machte er eine klassische Junkiekarriere inklusive Gefängnis, stationärer Therapie und unzähliger Entzüge. Bevor er in die Harmonie kam, lebte er mit seiner Freundin zusammen. Auch sie ein Junkie. Weder zu ihr noch zu früheren Freunden oder seiner Familie hat Claudio noch Kontakt. Seit zwei Jahren lebt er in Langenbruck. «Die anderen hier haben Ähnliches erlebt wie ich», sagt er. «Darum fühle ich mich aufgehoben. Man lässt mich machen und versucht nicht, an mir herumzutherapieren.»

Claudio muss morgens das Treppenhaus putzen, was ihm «meistens stinkt, aber halt sein muss». Nachmittags arbeitet er bei der Kunststofffabrik im Dorf. Das gibt ihm einen Zusatzverdienst zu den 75 Franken Taschengeld pro Woche, die jeder am Dienstag punkt 13 Uhr bekommt. Sprüchen oder Bemerkungen von den Arbeitskollegen sei er nicht ausgesetzt. «Die sind alle sehr nett.» Und er fügt an: «Für mich könnte es ewig so weitergehen. Darum bleibe ich hier, solange es für mich stimmt.»

In der Harmonie gibt es weder eine Minimal- noch eine Maximalaufenthaltsdauer. Dafür Erfolgsmeldungen: Viermal musste der Trägerverein extern Wohnungen mieten, weil einer den Schritt in die Eigenständigkeit wagen konnte.

Solche Satellitenableger waren eigentlich nicht vorgesehen. Doch es zeigte sich, dass etliche Altjunkies regelrecht aufblühen, sobald der Druck weg ist, clean werden zu müssen. Sie fassen neue Hoffnung, sehen Perspektiven für sich, schmieden Pläne.

Bücher statt Medikamente: Brigitte (51) wuchs im Zürcher Oberland und im Baselbiet auf. Sie war Zahntechnikerin, hat einen 13-jährigen Sohn und war schwer medikamentenabhängig. Ihr tut es nicht gut, alleine zu leben. Wenn sie in der Harmonie Ruhe will, liest sie auf ihrem Zimmer.
Bücher statt Medikamente: Brigitte (51) wuchs im Zürcher Oberland und im Baselbiet auf. Sie war Zahntechnikerin, hat einen 13-jährigen Sohn und war schwer medikamentenabhängig. Ihr tut es nicht gut, alleine zu leben. Wenn sie in der Harmonie Ruhe will, liest sie auf ihrem Zimmer.

Die Baslerin Brigitte (51) macht es unruhig, wenn sie Entscheidungen treffen soll. «Davon fühle ich mich unter Druck gesetzt», sagt sie. «Ich habe zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit wieder ein Zuhause. Mir ist wohl hier.» Seit anderthalb Jahren wohnt die zierliche Frau mit dem sanften Blick in der Harmonie. Sie hat einen 13-jährigen Sohn, der bei Pflegeeltern lebt. «Den bekam ich, weil ich fälschlicherweise dachte, ich könne nach meinen vielen Operationen gar nicht mehr schwanger werden.» Brigitte ist Diabetikerin und schwer lungenkrank. Früher arbeitete sie in ihrem Beruf als Zahntechnikerin, war Hausfrau — und dröhnte sich mit Alkohol und Medikamenten zu, manchmal bis zur Bewusstlosigkeit.

Der Bücherwurm fühlt sich wohl bei dem wilden Haufen

In der Gemeinschaft ist sie der Bücherwurm. Gut bestückte Bücherregale stehen in ihrem freundlichen, grossen Zimmer mit der schönen Aussicht. «Die Atmosphäre macht es aus, dass mir hier so wohl ist», sagt sie und fügt mit verschmitztem Grinsen an: «Zum Teil auch meine Mitbewohner. Manchmal mehr, manchmal weniger, meistens aber mehr. Wir sind halt ein wilder Haufen.» Einer, der kaum Ruhe gibt, wozu auch. Er hat sich das Leben genommen — und hält es fest.

www.hausharmonie.ch

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Matthias Willi