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17. Oktober 2016

Ein ziemlich cooles Camp

Barrieren überwinden und Vorurteile abbauen: Jugendliche mit und ohne Behinderung erleben gemeinsam Projektwochen und -tage. Zum Beispiel im Sommerlager Cooltour in Bern.

Tom (links) und Noah (rechts) trainieren Break- und Streetdance-Moves.
Voll im Element: Tom (links) und Noah (rechts) trainieren Break- und Streetdance-Moves.

Stickige Hitze herrscht im Raum, die Musik pulsiert. Tom (19) ist schweissüberströmt, er gibt alles. Am Boden vor dem Wandspiegel legt er einen rasanten Spin hin – eine Art Kreisel auf dem Rücken. Mehrmals übt er einen schwie­rigen Schräghandstand, springt auf und macht ein paar Streetdance Moves. Er ist voll in seinem Element. «Es ist anstrengend, aber es macht so Spass», sagt der junge Mann mit Trisomie 21 später glücklich.

Vor dem Spiegel an der anderen Wand übt Noah (14) seine Soloeinlage. Versunken legt er eine Abfolge geschmeidiger Moves hin. Er hat keine Behinderung, aber er findet das Kursangebot toll, und Streetdance begeistert ihn. Mitten im Raum, zwischen Tom und Noah, trainiert Frankie ausgelassene Schritte, verschätzt sich und kippt in eine Gruppe Mittänzerinnen. «Holla Frankie», rufen sie lachend und helfen ihm wieder auf: Viele kennen den 20-Jährigen, der mit einer körperlichen und geistigen Behinderung lebt, bereits aus früheren Cooltour-Lagern. Er hat mit seiner unbekümmerten, besonderen Art einen festen Platz in der Gruppe.

Ganz ohne Berührungsängste

Das soll so sein: Cooltour ist ein spezielles Sommerlager auf dem Berner Campingplatz Eichholz, bei dem Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung aus der ganzen Schweiz zusammentreffen. Sie essen an langen Festbänken, teilen sich Sechserzelte, verausgaben sich gemeinsam an Kursen oder singen am Abend versammelt ums Lagerfeuer. Gemeinsam erleben sie, dass Inklusion – nämlich einbe­ziehen statt ausschliessen – ­möglich ist und das Zusammenleben bereichert. Viele werden eine neue Offenheit und mehr Verständnis füreinander in den Alltag mitnehmen, viele werden selbständiger zurückkehren.

Dieses Jahr sind 82 Zehn- bis Neunzehnjährige angereist, 35 von ihnen haben eine Behinderung, die übrigen nicht. «Das ist der ideale Mix», sagt Jonas Staub (41), Sozialpädagoge und Leiter von Cooltour. Er will kein Behindertenlager veranstalten, sondern etwas wirklich Cooles für alle. «Inklusion kann nur wahr werden und nachhaltig wirken, wenn sie Spass macht.» Das ist auch die Idee hinter allen anderen Projekten von Blindspot: dem Winterlager, den Skiwochenenden und den Schulsporttagen (siehe Box links).

Damit das Cooltour-Lager alle anspricht, steht jeden Sommer ein bunter Fächer an beliebten Kursen zur Auswahl: von Fechten und Skaten über Kochen, Schminken und Bogenschiessen bis Streetdance. Oder Selbstverteidigung. Konzentriert beobachten Leonie (13) und Raphaela (13), welche Griffe sie miteinander üben sollen. Sie gehen völlig unbefangen miteinander um, Leonie ohne Behinderung und Raphaela mit Sehbehinderung.

Bei einigen ist die Behinderung auf den ersten Blick gar nicht sichtbar. «Ich will auch nicht nachfragen, weil ich niemandem zu nahe treten möchte», sagt Leonie. Aber letztlich findet sie das auch nicht wichtig: «Ich kann jetzt mit allen viel lockerer umgehen.»

Für den Kurs spielt es sowieso keine Rolle. Trainer Erwin Böni von der Kampfsportschule Skema in Kloten sagt: «Eigentlich ist es für alle genau gleich: Sie lernen, mit wenigen, einfachen Mitteln einen taktischen Vorteil herauszuholen – das nützt allen, ob mit und ohne Behinderung.» Einzig für Fred, der im Rollstuhl sitzt, muss er sich hie und da ­andere Bewegungsabläufe einfallen lassen. Er arbeitet dann mit ausgefeilten Handgriffen statt mit Schritten oder Kicks.

Gleichbehandlung für alle

Dasselbe sagt Streetdance-Kursleiter Martin Schwander von der New Dance Academy in Bern. «Breakdance ist so individuell und hat sowohl rhythmische als auch akrobatische Teile – da können alle ihre eigenen Be­wegungen einbauen, die ihnen liegen.» Er möchte allendie Hemmungen nehmen und Freude an der Bewegung zu Musik vermitteln. Das ist ihm heute einmal mehr gelungen. Jetzt ziehen alle erschöpft, aber zufrieden in die Mittagspause.

An diesem Mittag eröffnet im Eichholz die Crêperie für Gäste, eine Lagergruppe übernimmt Bestellungen und Service. Ob mit oder ohne Behinderung, die jungen Kellnerinnen und Küchengehilfen machen ihre ­Sache fast professionell, und die Gäste – Angehörige und Feriengäste vom Camping – lassen sich gern so freundlich etwas servieren.

Das ist ein Teil der Inklusion: «Auf dem Zeltplatz werden die anderen Gäste für die verschiedenartigen Kinder und Jugendlichen sensibilisiert», erklärt Staub. «Andererseits müssen diejenigen, die mit Regeln Mühe haben, weil sie sonst immer geschont werden, lernen, dass sie sich an die Gesellschaft anpassen müssen.» Und sie müssen teilweise zum ersten Mal selber für sich sorgen und ihre Siebensachen im Griff haben, einschliesslich ihrer Körperhygiene. Auf der anderen Seite lernen alle ohne Behinderung, wie gut diejenigen mit Behinderung bei fast allem mitmachen können, ja, wie normal sie eigentlich sind.

Inzwischen haben es sich die zurückgekehrten Gruppen auf Kissensofas bequem gemacht, lachen, schwatzen, hören Musik oder schauen zusammen auf dem Handy Facebook-Seiten an. Entspanntes Lagerleben. Abends werden sich alle hungrig an die langen Festbänke im grossen, weissen Zelt setzen und voller Vorfreude auf die frisch zubereiteten Crêpes warten. Für viele ist die stimmungsvolle Runde um das Feuer vor dem Schlafengehen ebenso wichtig: Zeit für ein besinnliches Zusammensein, für ruhige Gitarrenmusik und Geschichten. Und manchmal legt sich Tom, der junge Mann mit Trisomie 21, abends noch einmal voll ins Zeug, diesmal mit Gesang. Solche Momente machen ihn genauso glücklich wie das Breakdancen tagsüber. 

Tom Perren (19)

Tom Perren
Tom Perren

«Das ist schon mein viertes Lager, und es gefällt mir jedes Jahr wieder sehr gut hier: Ich habe schon so viele neue Leute kennengelernt, es läuft immer etwas. Klar, das Bett ist zwar nicht so bequem wie zu Hause, und das Zelt ist ein bisschen eng. Aber daheim wohne ich mit meinem älteren Bruder bei den Eltern. Deshalb ist es eine tolle Abwechslung, hier mit so vielen anderen jungen Leuten zusammen zu sein. Letztes Jahr habe ich beim Skaten mitgemacht, dieses Jahr probiere ich Breakdance aus. Beide Sportarten sind sehr cool und total schwungvoll. Das ist für mich die Hauptsache.»

Noah Bütikofer (14)

Noah Bütikofer
Noah Bütikofer

«Ich fand die Idee cool, auch mal Leute mit einer Behinderung kennenzulernen. Nun bin ich schon das fünfte Mal dabei. Und zwar extra ohne Freund: So habe ich für alle Zeit. Im ersten Lager fand ich es noch seltsam, wenn mich Frankie umklammerte. Heute habe ich keine Berührungsängste mehr, sondern sage ihm ganz normal, er tue mir weh und solle mich loslassen. Manchmal passiert mir noch, dass ich zu jemandem, der blind ist, ‹schau da› sage. Aber dann merke ich es sofort und nehme ihn oder sie total natürlich an der Hand. Und nach dem Lager bleiben wir per WhatsApp in lockerem Kontakt.»

Leonie Lanz (13, l.)

«Vor drei Jahren meinte die Mutter einer Freundin, ob Cooltour nicht etwas für uns wäre. Es gefiel uns dann so gut, dass wir letztes Jahr noch eine weitere Freundin mitnahmen. Anfangs war ich etwas gehemmt gegenüber denjenigen mit Behinderung und dachte, oh mein Gott, die sind anders. Jetzt kann ganz entspannt ein Gespräch anfangen. Alle schauen hier füreinander, deshalb ist selten jemand allein. Sehr stimmungsvoll finde ich die Feuerrunde am Abend.»

Leonie Lanz
Leonie Lanz

Raphaela Calisti (13, r.)

«Ich bin das erste Mal dabei, und es gefällt mir ­aus­gesprochen gut – ganz über­raschend. Denn trotz meiner Sehbehinderung nehme ich sonst immer an regulären Sportcamps teil, fahre gern Ski oder Kajak: Ich will einfach ganz normal sein. Aber jetzt bin ich froh, hier zu sein, es macht sehr viel Spass mit all den Gleichaltrigen, und ich habe schnell viele Leute kennengelernt. Der Selbstverteidigungskurs ist cool, das Programm abwechslungsreich und die Stimmung super.»

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Fabian Unternährer