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03. November 2014

Ein Walliser Schaf-Drama

Direkt von der Alp weg wurde eine ganze Herde der seltenen Saaser Mutten geklaut. Die Schafe stammten alle aus dem Walliser Dorf Saas-Balen. Für die Besitzer ist der Krimi noch nicht zu Ende.

Saaser Mutten
Mit den wenigen verbliebenen Schafen wird die Zucht schwierig.

Brav trotten die 35 weissen Schafe Herbert Zurbriggen hinterher. Der 76-jährige Walliser Hobbyschäfer war am frühen Morgen in die Höhe gestiegen, um die verbliebenen Tiere von der untersten Alp noch ganz zurück ins Tal zu bringen. Zur Teilet. «Das ist normalerweise ein freudiger Tag», sagt er, aber dieses Jahr ist alles anders. Denn anstatt über 130 Schafe, die hätten nach Hause kommen sollen, sind es nur gerade 35.» Sie gehören sechs Besitzern aus Saas Balen. Herbert Zurbriggen ist einer von ihnen. Von 26 Tieren sind ihm 12 geblieben. Und schuld ist nicht der Wolf.

Herbert Zurbriggen holt die wenigen Saaser Mutten, die dem Dorf Saas-Balen geblieben sind, von der Alp herunter.
Herbert Zurbriggen holt die wenigen Saaser Mutten, die dem Dorf Saas-Balen geblieben sind, von der Alp herunter.

Die Schafe folgen dem pensionierten Elektromonteur. Ihre grossen Hängeohren baumeln im Takt ihrer Schritte. Zwischen sanft dreinblickenden Augen dominiert bei jedem eine mächtige, krumme Nase das Gesicht. Sie haben etwas Anmutiges, diese Schafe, und sie sind selten, heisst es. Seit diesem Herbst noch seltener. Denn um den 3. September trieb ein Fremder zusammen mit seinem Hund eine ganze Herde in der Nähe des Monte-Moro-Passes Richtung Italien nach Macugnaga.

So etwas habe er noch nie erlebt, sagt Herbert Zurbriggen, «vor rund 20 Jahren wurden zwar auch einmal ein paar Schafe geklaut, aber über 100!» Etwas verloren blickt er hinüber zu der winzigen Herde, die noch da ist und jetzt für die Teilet ins Gatter getrieben wird. Es ist bereits Mitte Oktober, und der Grossteil der Schafe ist seit über einem Monat verschwunden.

103 Schafe wie vom Erdboden verschluckt

Noch schlimmer als Herbert Zurbriggen hat es Franz Andenmatten getroffen: Von seinen 30 Schafen, die er im Sommer auf die Alp geschickt hat, kann er heute gerade noch zwei entgegennehmen, die anderen 28 bleiben vermisst.

Andenmatten ist ein kräftiger Mann, der sehr leise spricht. An dem Tag, an dem die Schafe von den verschiedenen hoch gelegenen Alpen hinunter nach Saas Almagell und dort zur ersten Trennung in Gatter getrieben wurden, konnte er nicht dabei sein. «Aber ein Schwager von mir, der beim Kraftwerk arbeitet, hat zugeschaut. Am Abend erzählte er mir dann, es seien nur fünf oder sechs von mir da gewesen. Schliesslich stellte sich heraus, dass sogar nur zwei dabei waren. Und dass noch viele weitere fehlten, von anderen Besitzern. 103 insgesamt. Wir vermuteten sie noch immer im Gelände oben.» Gemeinsam suchte man Mitte September das Gebiet ab, zuerst mit einem gemieteten Helikopter, dann zu Fuss. «Als wir nach mehreren Tagen noch immer keine Schafe fanden, wussten wir mit Sicherheit, dass keines mehr da oben sein kann.»

Urban Kalbermatten mit einem seiner Schafe.
Urban Kalbermatten mit einem seiner Schafe.

Franz Andenmatten ist wie Herbert Zurbriggen und die anderen Besitzer der Saaser Mutten Hobbyzüchter. Er arbeitet hauptberuflich als Postautochauffeur. Ursprünglich hätten die Menschen im Tal von der Natur und den Tieren gelebt, berichtet er, «heute arbeiten die meisten im Tourismus oder im Rhonetal und sind wenn überhaupt nur noch nebenbei Bauern.» Einigen seiner Schafe hat Andenmatten Namen gegeben – Marina, Chiara, Susi etwa. Wo sie sich jetzt befinden, ob sie noch leben, weiss er nicht. Andenmatten vermisst sie seit über einem Monat und geht davon aus, dass sie es, falls sie noch leben, nicht so schön haben wie bei ihm. Der Verlust sei sicher auch finanzieller Art, bei seinen vielen Schafen mache das über 10 000 Franken aus, und versichert war er nicht. Aber das sei alles zweitrangig: «Am meisten trifft es einen emotional. Man kann es nicht begreifen. Man fragt sich andauernd, wie es ihnen geht. Man hängt ja auch an diesen Tieren, hat eine Beziehung zu ihnen und umgekehrt: Sie kennen einen. Ich habe zwei Wochen wenig geschlafen.» Heute kann er zwei Schafe nach Hause bringen, «wie sagt man noch mal? Mit einem lachenden und einem weinenden Auge.»

Die Saaser Mutten gehören zur Walliser Kultur

Dem gemeinsamen Picknick mit Käse, Trockenfleisch, Wein und Bier bleibt Andenmatten fern. Dafür greift Urban Kalbermatten herzhaft zu, man sitzt im kurzen Gras am Hang oberhalb von Bidermatten, das zu Saas-Balen gehört, das Wetter ist traumhaft, die Nadeln der Lärchen leuchten in Gelb und Orange. 5 Schafe kann Kalbermatten heute nach Hause bringen, von einst 26. Seit 1973 hält der 59-Jährige hobbymässig Saaser Mutten, einst zusammen mit seinem Vater, heute allein. Neffe Pascal Burgener hilft ihm, und er ist auch gekommen, um die letzten verbliebenen Schafe nach Saas-Balen zu bringen. Burgener arbeitet bei der Lonza, Kalbermatten bei den Bergbahnen in Saas-Fee. Von den vermissten Schafen sind zwei Mutterschafe. «Ein herber Verlust», sagt der Hobbyschäfer, «sie fehlen nun für die Zucht.»

Herbert mit Antonia Zurbriggen.
Herbert und Antonia Zurbriggen.

Schon bis anhin haben die Besitzer der selten gewordenen Saaser Mutten aufpassen müssen, dass es nicht zu Inzucht kommt – jetzt wird es noch schwieriger. Denn der gesamte Bestand im Tal ist um rund einen Viertel dezimiert. Zurbriggen, Andenmatten, Kalbermatten und die anderen Züchter hoffen zusammen mit der Organisation Pro Specie Rara (siehe Box rechts), dass mehr Menschen sich für die Saaser Mutten begeistern mögen und sogar selber züchten wollen, am liebsten im Tal selber oder in der Nähe. Sie hätten sich zu einem «Lokalschlag» entwickelt, sagt der Verantwortliche bei Pro Specie Rara, Philippe Ammann. «Sie haben sich perfekt an die Gegend angepasst, und neben der genetischen Rechtfertigung für ihre Erhaltung gibt es auch eine kulturhistorische: Dieses Schaf gehört einige Generationen zurück zu diesem Tal.» Gäbe es genetisch Engpässe, wäre es immerhin denkbar, wieder frisches Blut aus Italien einzukreuzen.

Sanfte, zutrauliche Schafe lokalen Schlags: Franz Andenmatten ist stolz auf seine Tiere.
Sanfte, zutrauliche Schafe lokalen Schlags: Franz Andenmatten ist stolz auf seine Tiere.

Gut möglich, dass der Dieb beim Anblick der Saaser Mutten fand, die gehörten ohnehin auf die andere, seine, Seite der Grenze. Aber wahrscheinlich ist es so, wie es die Saaser sagen: dass er sie sich holte, um offene Rechnungen zu begleichen. Als Franz Andenmatten und Kollegen in Macugnaga ennet des Bergs sechs der Schafe ausfindig machen und den Dieb zur Rede stellen konnten, wollte dieser ihnen nichts über den Verbleib der weiteren 97 Tiere sagen. Der Dieb hatte die sechs Schafe an einen Restaurantbesitzer verkauft, um Schulden zu tilgen. Ende September war das. Die sechs Schafe sind mittlerweile zurück in Saas-Balen, aber über den Verbleib der anderen ist auch Wochen später nichts Genaueres bekannt. Man vermutet, dass zumindest die für die Zucht wertvollen Weibchen und Widder noch leben. Die Walliser Polizei ist eingeschaltet worden, kann aber bis Redaktionsschluss nichts über den Verbleib sagen. Die Schäfer haben Anzeige gegen den geständigen Dieb erstattet. Der ist weiterhin auf freiem Fuss. «Schon verrückt», meint Pascal Burgener, «100 Schafe wie vom Erdboden verschluckt. Und das in der heutigen Zeit.» So was würde nicht einmal der Wolf zustande bringen. Apropos: Der hätte auf den Alpen, wo die Saaser Mutten den Sommer verbringen, leichtes Spiel gehabt. Der Dieb musste weder gegen einen Hirten ankämpfen, noch sah er sich einem Herdenschutzhund gegenüber.

Autor: Esther Banz