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23. November 2015

Ein Volk von Hornissen zu Gast

Zuerst kam die Anführerin, dann das ganzeVolk: Hans Luder überliess den Insekten sein Zimmer, begann sie zu erforschen – und suchte schliesslich anderswo im Haus einen Ort zum Schlafen.

65 Zentimeter lang, etwa einen halben Meter breit: das Zuhause eines Hornissenvolks bei Hans Luder zu Hause.
65 Zentimeter lang, etwa einen halben Meter breit: das Zuhause eines Hornissenvolks bei Hans Luder zu Hause.

Das Problem wäre schnell beseitigt gewesen, wenn man es denn so bezeichnen möchte. Im Mai beobachtet Hans Luder (80), wie eine Hornisse sich an der Decke seines Schlafzimmers zu schaffen macht.

Das Fenster ist immer einen Spaltbreit offen. Und so kommt es rein, dieses Insekt, eine Königin. 35 Millimeter gross, rötlich um den Kopf, schwarz-gelb der Körper. Hans Luder beobachtet und sagt zu sich selbst: «Noch interessant».

Der 80-Jährige will eine Zeit lang zuschauen, was die Hornisse in seinem Zimmer treibt. Zuerst entsteht nur ein kleiner Stiel an der Decke, dann eine Zellstruktur, so gross wie eine Eichel, darüber ein kleiner Schirm.

Man hätte das alles mit dem Besen leicht wegwischen können. Doch dann hätte Hans Luder nicht den Sommer erlebt, als das Abenteuer zu ihm kam. Ein kleines, aber eines, das einen Blick auf die Welt nochmals ein wenig veränderte.

Der 80-Jährige ist einer, der sich für Neues begeistert

Die Königin kommt und geht. In ihrem Mund transportiert sie kleine Bällchen, Baumaterial aus morschem Holz. Mit ihrem Speichel spinnt sie Fäden und vergrössert ihren Bau. Hans Luder holt seine Kamera und schiesst die ersten Bilder. Bis im Herbst sollen es über 200 werden, die dokumentieren, wie das Nest täglich grösser wird.

Nun, Mitte November, klebt es an der Wand, braun-weiss meliert. Es breitet sich über die Vorhangstange aus und ragt ins Fenster. Rund 65 Zentimeter lang ist es und etwa einen halben Meter breit, ein ungewöhnlich grosses Nest.

Bis zu 700 Hornissen lebten in Hans Luders Hornissennest.
Bis zu 700 Hornissen lebten in Hans Luders Hornissennest.

Hans Luder startet in seinem Büro den Computer. Am Sonntag vor 80 Jahren kam er in diesem Zimmer in Oetwil am See ZH zur Welt. Vor Kurzem musste er das Knie operieren lassen, es wollte nicht mehr. Abgesehen davon ist Luder jemand, der noch nicht alles gesehen hat. Seine Frau Nelly, ein Jahr jünger, sagt, ihr Mann sei schon immer einer gewesen, der sich für etwas begeistern liess.

Vor 40 Jahren war es das Kochen. Wenn sich die Mitglieder des Kochclubs treffen, teilt er noch heute mit denselben drei Männern den Herd. Diese scherzen, der Luder schlafe jetzt mit einer Königin. Hans Luder lacht, als er das erzählt, seine Frau auch. Sie bringt Kaffee, er erzählt weiter.

Ob Drohnen oder Königinnen – Hans Luder kennt sie

Seine Sätze beginnen mit: «Da habe ich beobachtet, dass …». Er spricht klar, die Stimme fest. Und dann kommen Details, viele Details. In wenigen Wochen wurde Hans Luder zum Hornissenexperten.

Er kann selbstverständlich die Arbeiterinnen von den Drohnen, den männlichen Hornissen, und den jungen Königinnen unterscheiden (an der Grösse und den Fühlern), er weiss, wie lange ein Ei reift, bis eine Larve schlüpft (5–8 Tage), wie oft eine Wabe nach der Verpuppung wiederbelegt wird (bei den Arbeiterinnen bis zu vier Mal).

Es ist nun nicht nur die Königin, die das Nest baut. Die ersten Arbeiterinnen sind längst geschlüpft. Es ist Juni, und es geht schnell voran. Ein Stockwerk nach dem anderen entsteht.

«Eine fängt an, die nächste arbeitet weiter», sagt Hans Luder, «ziemlich chaotisch.» Aber alle wüssten, was sie zu tun hätten. Wieso, das wisse er nicht. Was er aber wisse, sei, dass die Menschen so was nie fertigbrächten. Die Waben so regelmässig, die Struktur so fein.Der gelernte Mechaniker staunt.

Am Anfang traut Luder sich nicht, sich der Königin zu nähern.Dann, mit der Zeit, wird er mutiger. Mit einer Lampe beleuchtet er das Nest von unten, schaut hinein.

Die Hornissen, vom Licht angezogen, fliegen ihm um den Kopf. Er bleibt ruhig. «Die machen nichts», sagt er. Obwohl das nicht ganz stimmt. Einmal wird er in den Kopf gestochen. Nachts in die Zehe.

Bis Ende Juni schläft er noch im Zimmer. Dann überlässt er es den Hornissen. Die Waben werden gegen Ende Sommer grösser und tiefer. Hier legt die Königin die Eier für die Drohnen und die jungen Königinnen.

Wenn die Maden Hunger haben und warten müssen, bis sie die Arbeiterinnen mit Insekten füttern, knabbern sie an den Zellwänden. Das töne dann, als würde es regnen, sagt Luder. Es wird Oktober, bis sie schlüpfen, zusammen tanzen, sich beim Begatten am Boden wälzen. Er filmt auch das mit seiner Kompaktkamera.

Der Einzug der Königin weckte Interesse an Insekten

Für Insekten hatte Luder sich zuvor nie interessiert – bis die Königin bei ihm einzog. Er sagt, er sei achtsamer geworden. Im Leben die kleinen Dinge sehen, das habe ihn das Hornissenvolk gelehrt. Die letzten sind noch da, vermutlich Drohnen. Jeden Morgen liegen tote Hornissen unter dem Nest.

Bald verstummt das Surren im Zimmer ganz. Die jungen Königinnen sind längst ausgeflogen, um sich einen Ort zum Überwintern zu suchen. Sie werden nächsten Frühling ihr eigenes Nest bauen. Ende September hat er seine Königin das letzte Mal gesehen. Was ihm bleibt, ist das Nest.

Hans Luder wird versuchen, es sorgfältig von der Wand zu lösen.

Autor: Erika Burri

Fotograf: Daniel Winkler