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23. Juni 2014

Ein Tor im Himmel

Gefüllte Zucchettiblüten, Olivenbrot, Rhabarbercrème, Lasagne, Aprikosenwähe, frische Erdbeeren, Curryreis … Wir überlegen uns schon die ganze Zeit, womit wir unsere Tochter verwöhnen können, wenn sie bald wieder heimkommt: mit Speisen, die sie in Kentucky womöglich vermisst hat. Unsere Wiedersehensfreude wird ungetrübt sein, derweil sich in die ihre der Schmerz des Abschieds mischt – von den neuen Freundinnen, dem lieb gewonnenen Ort und einer Gastfamilie, in der sie sich so wohlgefühlt hat. Umso mehr möchten wir ihr die Heimkehr versüssen. Und natürlich werde ich ihr eine Züpfe backen, original flach – what else? Sonst wärs ja keine Vatizüpfe.

die flach geflochtene
Das ist sie, die flach geflochtene...

«Jetzt fängt der schon wieder mit seinem Butterzopf an!», werden Sie ausrufen. Aber ehe Sie das Migros-Blättli in hohem Bogen durch die Küche werfen: Gemach! Ich wollte Sie echt nicht länger mit dem Thema langweilen, als ich es hier unlängst ein vermeintlich letztes Mal aufgriff. Aber dann kam die Zuschrift von Denise, und sie war nicht wie die Hunderten anderen Mails und Briefe, die ich zuvor erhalten und in zwei Bundesordnern abgelegt hatte. Sondern ganz anders. Denise wollte mir nicht beibringen, wie man einen schön aufgegangenen Hefezopf bäckt. «Sie haben wieder einmal Ihren Butterzopf erwähnt, der immer noch flach herauskommt», hob sie freundlich an. «Dies gibt mir Gelegenheit, mit meinem Anliegen an Sie zu gelangen: Ich suche nämlich schon lange nach der Flechtart für genau diesen flachen Zopf. Habe Bücher gewälzt, gegoogelt, bei Berufsbäckerinnen und -bäckern nachgefragt, aber bis jetzt wurde ich nirgends fündig. Ihr Zopf wurde ja auch schon im ‹Migros-Magazin› abgebildet, auch anhand dieser Fotos versuchte ich zu einem Resultat zu kommen. Vergeblich!»

Zunächst dachte ich, was Sie jetzt auch denken: Da will mich jemand veräppeln. Doch auf mein schriftliches Nachhaken wurde klar: Denise meinte es ernst, und sie freute sich wirklich, als ich ihr eine Broschüre der Fachschule Richemont in Aussicht stellte, in der tatsächlich zwei Flechtweisen dargestellt sind: der hohe Zopf, den neunundneunzigkommaneun Prozent der Menschen für die hohe Schule halten – und der flache, wie ihn mir meine Grossmutter selig einst beigebracht hat. Denise bedankte sich herzlich. «Ich freue mich bereits auf meinen flachen Zopf. Diesen hatte ich lieben gelernt, als ich einmal zusammen mit anderen Beteiligten für einen Anlass um die hundert Butterzöpfe herstellte und meine Züpfen im ‹Gejufel› eben falsch, sprich: flach herauskamen. Sie waren dann gut als die meinen erkennbar …! Wie ich den ‹Fehler› aber fertiggebracht hatte, konnte ich nachher nie mehr nachvollziehen», schrieb sie. Und hier bekam unser Mailwechsel eine philosophische Note: Was andere als höchste backtechnische Schmach empfinden, wäre für Denise erstrebenswert …
Man könnte ins Sinnieren geraten, was denn nun «perfekt» sei und was «abartig». Aber, Schluss, jetzt! Fertig Butterzopf. Ich schwörs!

Wenigstens, werden Sie sich sagen, hat er nicht schon wieder über Fussball geschrieben. Wobei … Als besagte Denise mir darlegte, sie hätte den «Fehler» nachher nie mehr zustande gebracht, kam mir Roberto Baggio in den Sinn, unweigerlich. Mein Baggio, der Spieler, der nicht seiner zahlreichen schönen Tore wegen unsterblich wurde, sondern um des einen Fehlschusses willen. Sie wissen schon: der Penalty im Final der Weltmeisterschaft 1994, der nicht nur ein bisschen, sondern um Meter übers Tor ging. Längst ist sein Scheitern zum Sinnbild geronnen, zur Ikone. Für Werbespots und dergleichen sei er danach gebeten worden, noch mal so in den Himmel zu schiessen, schreibt Baggio in seiner Biografie, die den sinnigen Titel «Ein Tor im Himmel» trägt: «Ich habe später oft versucht, den Fehlschuss nachzustellen, doch ich traf immer.»


ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr fern von zu Hause ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Lesen Sie aktuell, weshalb die «Graduation»-Feier lustig war. Zum Blog

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Autor: Bänz Friedli

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