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05. September 2016

Ein Teil der Familie

In Polen hat Krankenpflegerin hat Gosia J. trotz guter Ausbildung keine Arbeit gefunden. Sie beschloss, ihr Glück im Ausland zu versuchen. Seit ein paar Monaten pflegt sie in der Schweiz eine demenzkranke Frau und lebt dafür im Haus der Familie. Ein Arrangement, das für beide Seiten ideal ist.

Gosia J. hilft der demenzkranken Claudia
Gosia J. hilft der demenzkranken Claudia bei der Körperpflege, unter anderem auch beim Schminken.
Die Foto der Tochter und ein Buch
Familienbande: In ihrem Zimmer hat Gosia J. ein Bild mit ihrer Tochter aufgestellt.

Auf dem Nachttisch in dem kleinen Dachzimmer liegen einige Nachhilfebücher für Deutsch sowie ein Foto von ihr und ihrer Tochter. Viel mehr Persönliches ist in dem praktisch eingerichteten Zimmer nicht auszumachen. Die meiste Zeit verbringt die 53-jährige Gosia J. (sprich «Goscha») sowieso mit der ihr anvertrauten demenzkranken Claudia S. (56, Name von der Redaktion geändert) und deren Familie. Sie lebt mit ihnen zusammen in einem ländlich gelegenen Einfamilienhaus im Kanton Aargau.

Per Zufall hat Gosia in Polen online die Anzeige gelesen und sich sofort gemeldet. Dann ging es rasch. Die Familie fand die gebildete, gut Deutsch sprechende Frau auf Anhieb sympathisch und holte sie umgehend in die Schweiz für die Pflege der erkrankten Mutter von drei erwachsenen Töchtern. Mit einem offiziellen Arbeitsvertrag in der Tasche reiste sie an einem Sonntagabend im März 2015 als Touristin in die Schweiz ein und holte am nächsten Morgen auf der Gemeinde die auf ein Jahr beschränkte Arbeitsbewilligung.

Gosia ist gelernte Röntgen-Assistentin, hat zudem Wirtschaft studiert. Sie hat in Polen Deutsch gelernt, das sie in Kursen immer wieder auffrischte.
13 Jahre arbeitete sie als HR-Managerin in einer Firma, die dann jedoch in finanzielle Schieflage geriet. Ihr wurde gekündigt. Weil sie keine Arbeit mehr fand, entschied sie sich, ein Aufbaustudium in Gerontologie und Geriatrie zu machen. Denn schon als junge Frau hatte sie ihre demenzkranke Grossmutter gepflegt und ihren Vater, der an Lungenkrebs litt.

In jener Zeit dachte sie viel darüber nach, wie es weitergehen und was sie aus ihrem Leben machen sollte. Es gab intensive Gespräche mit ihrem Lebenspartner und den beiden Kindern. Ihr Sohn (30) hat Informatik und Management studiert, lebt heute in London und hat eine gute Stelle. Gosia ist sichtlich stolz auf ihn. Die 25-jährige Tochter lebt in Polen und macht ein Jurastudium. Ihr Partner, mit dem sie schon 20 Jahre zusammen ist, leitet eine in Polen sehr bekannte Non-Profit-Organisation.

Unglücklicher Start in Deutschland
Die ganze Familie habe sie in ihrem Plan unterstützt, als Pflegerin ins Ausland zu gehen. «Probiere es doch aus! Hier ist die Arbeitssituation schwierig. Du kannst nur gewinnen!», fanden sie. Natürlich hätte sie auch in Polen bleiben und den Haushalt führen können. Doch Gosia will arbeiten. Ein selbständiges Leben zu führen, bedeutet ihr alles. Über eine Agentur bot sich die Möglichkeit zu einem Pflegeeinsatz in Deutschland.
Gosia nahm die Herausforderung an. Der Abschied war nicht einfach, die Beziehung aber durch die vielen gemeinsamen Jahre gefestigt. Und die Kinder brauchen sie nicht mehr so wie früher.

Der Start in Deutschland war schwierig. Beim kranken Ehepaar, das sie betreute, fühlte sie sich oft einsam und traurig. Die alten Leute hatten Mühe, Vertrauen aufzubauen. Ihre Kinder kamen nur ein Mal pro Woche vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Da beide krank waren, konnte sie fast nichts mit ihnen unternehmen. Als die Frau nach zwei Monaten ins Krankenhaus musste, wusste Gosia, dass sie sich nach einer anderen Arbeit umschauen musste.

Jeweils am Sonntag hat Gosia J. frei
Verschnaufpause: Jeweils am Sonntag hat Gosia J. frei.

Die neue Stelle in der Schweiz war ein Glücksfall. Hier fühlt sich Gosia wie daheim, erhält viel Wärme und Geborgenheit. Sie wird wie ein Familienmitglied behandelt, ist bei den Ausflügen dabei und sitzt beim Essen mit am Tisch. «Natürlich vermisse ich meine eigene Familie», sagt Gosia. «Aber ich wurde so herzlich aufgenommen und fühle mich so wohl, dass sich das Heimweh in Grenzen hält. Die drei Töchter sind für mich wie Ersatzkinder, und ich freue mich über ihre Erfolge.»
Sie zieht eine von Hand geschriebene Karte aus einem farbigen Couvert, ein Geschenk der Familie für die Sportbegeisterte: ein Gutschein für einen Spinningkurs als Wertschätzung für ihre Arbeit und als Dank dafür, dass sie so gut für die Kranke sorgt. Dieses Zeichen bedeutet ihr viel.

Zusammen anziehen, spazieren, Glace essen
Gosia gibt auch viel zurück. Ihr Arbeitstag beginnt zwischen 5 und 6 Uhr morgens. Dann ist Claudia meistens schon wach. Oft kann sie ihr aber gut zureden, sodass sie nochmals etwas schläft. Später unterstützt sie sie bei der Körperpflege, der Auswahl der Kleider und schminkt die adrett aussehende Frau. Nach dem Frühstück geht es mit Hund Pipa raus. Am Nachmittag gehen sie öfters eine Glace essen oder treffen Claudias Schwester in Zürich. Sie waren sogar schon an der Street Parade, um sich die lustig gekleideten Menschen anzuschauen. Ein Mal pro Woche essen sie im Restaurant von Claudias Ehemann.

Claudias Familie lebte früher einige Jahre in Hongkong und Südafrika. Damals hatten sie ein Kindermädchen und Hilfe im Haushalt. Deshalb war ihnen die Idee, dass eine Angestellte mit der Familie lebt, nicht fremd. Für die demenzkranke Frau ist die Pflege zu Hause die beste Lösung. So kann sie in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Fünf Jahre ist es her, dass die Diagnose Alzheimer das gewohnte Leben der Familie durcheinanderwirbelte. Damals war die jüngste Tochter gerade mal 14 Jahre alt.

Der Vater der Familie ist in einer Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alzheimerkranken. Viele Mitglieder seien gegenüber dem Pflegemodell in den eigenen vier Wänden sehr skeptisch eingestellt. Es sei ihnen nicht wohl dabei, fremden Menschen freien Zugang zu ihren privaten Räumen zu geben. Dann doch lieber die Spitex. Oder das teure Pflegeheim.

Herzlichkeit ist wichtiger als ein Fachausweis
Die Bürokratie mache alles teurer, ereifert sich Claudias Ehemann. In den Heimen benötige heute jede Pflegerin einen Fachausweis. Um Übergriffen vorzubeugen, müsse sie jede noch so kleine Handlung aufschreiben und den Angehörigen rapportieren. «Patienten dürfen in den Pflegeheimen nicht einmal umarmt werden. Dabei brauchen wir eigentlich nur eine liebevolle Pflege, die von Menschen mit Herz ausgeführt wird.»

Gosia liebt ihre Arbeit und pflegt ihren Schützling mit viel Herzblut. Beide mögen dieselbe Musik, halten sich gerne fit und haben einen ähnlichen Geschmack, wenn es um Mode geht. «Für mich ist Claudia wie eine Schwester, die ich nie hatte», sagt Gosia.

Sie hat es gut getroffen mit «ihrer» Familie, die Arbeitsbedingungen sind fair. Nicht alle Frauen, die als Betreuerinnen aus dem Ausland in einen Schweizer Haushalt kommen, haben so viel Glück (siehe Interview rechts). Gosia aber schwärmt: «Ich bin glücklich, dass meine Arbeitsbewilligung um ein Jahr verlängert wurde. Denn es gefällt mir hier in der Schweiz und bei der Familie so gut, dass ich gar nicht daran denken mag, dass es einmal vorbei sein könnte.» 

TIPPS & LINKS

Unterstützung und Betreuung

Schweizerische Alzheimervereinigung: www.alz.ch
Hier erhalten Sie Infoblätter und Broschüren zum Thema Alzheimer.
Alzheimer Beratungs-Telefon: 024 426 06 06

Hauspflege-Service: www.hauspflegeservice.ch / 044 500 46 50.
Betreuung und Pflege zu Hause durch ausgebildete Seniorpairs und dipl. Pflegefachpersonal

Demenz in jungen Jahren
Selbsthilfegruppe Labyrinth für Menschen mit Demenz, die das Pensionsalter noch nicht erreicht haben. Austausch von Betroffenen. treffpunkt@demenz-kultur.ch

Ausländische Haushalthilfe zur Pflege der Angehörigen: www.stadt-zuerich.ch/gleichstellung
Der Ratgeber Haushaltshilfe beschäftigen – Das müssen Sie wissen erklärt die rechtliche Situation und sagt, worauf geachtet werden muss, um faire Anstellungsbedingungen zu bieten.
Fachliteratur zum Thema
Liste von Beratungsstellen

www.care-info.ch
CareInfo ist ein Treffpunkt sowie eine Informationsplattform. Es vernetzt, bietet Antworten zu rechtlichen Fragen und verfolgt aktuelle Diskussionen.

Autor: Ruth Stylianou-Oberli

Fotograf: Renate Wernli