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25. August 2014

Ein Stück unbeschwerte Kindheit

Sind Eltern psychisch krank, leidet auch das Kind. Patinnen und Paten von «HELP! For Families» entlasten betroffene Familien und kümmern sich tageweise um die Kinder.

Abwechslung, die beiden Freude macht: Jutta Durst mit Jamila im Park.
Abwechslung, die beiden Freude macht: Jutta Durst mit Jamila im Park.

Jamilas* Zelt ist blau. Es hat eine rote Tür und gelbe Fenster, die man hochrollen kann, wenn man hinausschauen möchte. In dem Zelt liegt immer ein grosser Sack mit farbigen Bällen. Die schüttet die Zweieinhalbjährige als Allererstes aus, wenn sie kommt.

Das Zelt steht im Schlafzimmer von Jutta Durst (46) in Basel. Jeden Donnerstagnachmittag ist Jamila bei ihr zu Besuch, spielt im blauen Zelt, geht mit ihr spazieren, auf den Spielplatz. Dann hat ihre Mutter Zeit für sich, kann Behördengänge erledigen, in Ruhe einkaufen. Jamilas Mutter ist alleinerziehend und leidet unter Depressionen. Der gemeinnützige Verein «HELP! For Families» hat für ihre Tochter im Rahmen eines Patenschaftsprojekts eine Patin vermittelt. Das entlastet Jamilas Mutter sehr.

Fachleute schätzen, dass in der Schweiz rund 50 000 Kinder leben, deren Eltern unter einer Überlastungsdepression, einer Bipolaren Störung oder einer Schizophrenie leiden. Jede dritte psychisch kranke Frau ist Mutter, jeder sechste kranke Mann ist Vater eines oder mehrerer Kinder.

Was aber geschieht mit den Kindern, wenn Mama Stimmen hört oder Papa mit sich selber spricht? «Die Kinder leiden unter der familiären Situation», weiss Franza Flechl (55), Sozialpädagogin, Familientherapeutin und Koordinatorin des Projekts «HELP! Patenschaften» in Basel. Schon früh lernen sie im Gesicht der Mutter zu lesen, wie es Mami heute geht, sie passen ihr Verhalten deren Gefühlslage an. Und sie übernehmen Verantwortung und die Rolle der Mutter, wenn diese es nicht schafft beispielsweise die kleineren Kinder für den Chindsgi bereit zu machen.

«Sie haben es ungleich schwerer als andere Kinder, ihre eigenen Bedürfnisse, einen Selbstwert zu entwickeln», sagt Franza Flechl. Mit dem Projekt «HELP! Patenschaften für psychisch belastete und erkrankte Eltern» sollen diese Kinder unterstützt, ihnen ein paar unbeschwerte Stunden beschert werden. Seit dem Start Ende 2012 konnten neun Patenschaften im Raum Basel-Stadt und Basel-Landschaft vermittelt werden. Weitere zehn angemeldete Kinder warten noch auf einen Paten.

Dabei komme es in den Patenschaften weniger darauf an, für die Kinder ein spektakuläres Programm auf die Beine zu stellen, als vielmehr Alltag zu leben, gemeinsam zu essen, auf den Spielplatz zu gehen. Eine Regelmässigkeit, die es so häufig zu Hause nicht gibt und daher umso wichtiger für diese Kinder ist.

Schauen, wer zusammenpasst

Jamila ist eines der ersten Kinder, die vermittelt worden sind. Damals war sie kaum anderthalb Jahre alt. «Mein Mann und ich haben uns gut überlegt, ob wir ein so kleines Kind begleiten wollen», sagt Jutta Durst. Sie hatte sich schon lange ehrenamtlich engagieren wollen, dachte zuerst an eine Patenschaft im Ausland. «Aber ich wollte eine Beziehung zu dem Kind aufbauen können.»

Der Kontakt zu Jamilas Mutter Nadia K. ist über Franza Flechl zustande gekommen. Sie bringt interessierte Paten mit Eltern zusammen, schaut, wer zusammenpassen könnte. Man muss einander sympathisch sein, sonst hat die Patenschaft keine Zukunft. Lebensverhältnisse, Motivation, Erfahrungen im Umgang mit Kindern der potenziellen Paten werden im Vorfeld abgeklärt. Einen Nachmittag pro Woche und ein Wochenende im Monat sollen sie verlässlich und kontinuierlich mit ihrem Patenkind verbringen können. Individuelle Absprachen sind natürlich möglich.

Donnerstagnachmittags ist Jutta Durst meist allein mit Jamila. Aber an einem Wochenende im Monat ist das Patenamt Familienangelegenheit. «Dann nimmt sich auch mein Mann Zeit für Jamila und freut sich wie ich», sagt Jutta Durst. «Ohne seinen Rückhalt wäre ich das Patenamt nicht eingegangen.»

Mit Jamilas Mutter versteht sie sich sehr gut, und auch wenn das im Projekt nicht zwingend vorgesehen ist, hat sich eine Freundschaft zwischen den Frauen entwickelt, erzählt die Ethnologin. Kämen doch einmal Probleme auf, wäre Franza Flechl ihre Ansprechpartnerin. Die Projektkoordinatorin begleitet die Patenschaften und betont, dass die Mütter trotz ihrer Krankheit bereit und in der Lage sind, sich an Abmachungen und an Termine zu halten. Das ist eine Bedingung für die Teilnahme am Projekt.

«Anfangs hatte ich Sorge, dass die Eltern die Paten als Konkurrenz sehen könnten», erzählt Franza Flechl. Dies bestätigt sich bisher nicht. Wie andere Mütter ist auch Nadia K. einfach nur froh, dass ihre Tochter eine solch liebevolle Patin gefunden hat, sagt sie, und sie selbst eine Unterstützung. Denn Jamila wird auch dann zu ihrer Patin gehen können, wenn ihre Mutter bald an zwei Tagen im Monat einen Ausbildungskurs zur Pflegehelferin beginnt.

Aber auch Jutta Durst freut sich jede Woche aufs Neue auf ihren Patinnentag. «Letztlich ist es auch für mich eine grosse Bereicherung. Ohne Jamila wäre ich beispielsweise nie zum Mutter-Kind-­Basteln gegangen. Durch sie lerne ich mein Quartier ganz neu kennen», sagt sie und winkt Jamila zu, die aus ihrem Zelt herausschaut und lacht.

* Name der Redaktion bekannt

Autor: Evelin Hartmann

Fotograf: Tina Steinauer