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08. Oktober 2012

Ein Star in Sachen Haar

Orlando Bassis Haarteile und Perücken sind am Broadway ebenso im Einsatz wie in grossen Hollywoodfilmen. Hergestellt werden sie in einer Fabrik auf Bali, wo der Bündner seit über zehn Jahren lebt.

Orlando Bassi
Irren ist menschlich: Der Berufsberater riet Orlando Bassi dringend davon ab, Maskenbildner zu werden. Vergeblich.

Die Fahrt führt über immer engere und holprigere Strassen hinein in den Dschungel. Eine gute halbe Stunde vom touristischen Kleinstädtchen Ubud entfernt, liegt Orlando Bassis Operationsbasis: eine Gruppe von Gebäuden, umgeben von Reisfeldern und dem intensiven Grün der balinesischen Tropenwelt. Von seinem Schreibtisch aus kann der 46-jährige Schweizer glücklichen Hühnern zusehen, die vor dem Fenster im Gras picken.

Auf den Theaterbühnen in New York und London werden die von Orlando Bassis Firma produzierten Haarteile ebenso verwendet wie in den grossen Filmproduktionen Hollywoods.
Auf den Theaterbühnen in New York und London werden die von Orlando Bassis Firma produzierten Haarteile ebenso verwendet wie in den grossen Filmproduktionen Hollywoods.
Die Haarteile in «Astérix aux jeux olympiques» (2008) stammen von Orlando Bassis Fabrik in Bali.
Die Haarteile in «Astérix aux jeux olympiques» (2008) stammen von Orlando Bassis Fabrik in Bali.

Bassis stetig expandierendes Unternehmen beschäftigt mittlerweile 150 Personen, die meisten aus dem Dorf Abuan, in dem seine Firma PT. Sari Rambut angesiedelt ist. Damit ist er einer der grössten Arbeitgeber in der Region; entsprechend grossen Wert legt er auf gute Beziehungen zu den Einheimischen. «Früher habe ich noch regelmässig an den religiösen Zeremonien teilgenommen, aber inzwischen sind wir einfach zu gross geworden», sagt Bassi. Gehe er zur Hochzeit eines Mitarbeiters, müsse er auch zu den Familienfeierlichkeiten aller anderen gehen, «und dann komme ich zu gar nichts mehr».

Mit dem Stolz des Self-made-Unternehmers zeigt der gebürtige Bündner die verschiedenen Teile seiner Firma. Kernstück ist die Perückenfabrik, mit der vor 14 Jahren alles begonnen hat und die Bassi zu einem Faktor in der globalen Film- und Theaterwelt gemacht hat. «Vor uns gab es niemanden, der diese Art von Perücken industriell hergestellt hat», erklärt Bassi. «Wir haben rund 300 fertig geknüpfte Filmperücken an Lager. Wenn ein Kunde uns anfragt, schicken wir ihm 80 zu, er sucht sich aus, was er braucht, und schickt den Rest zurück. Ausser uns bietet das niemand.»

Mit elf Jahren machte Bassi die ersten Schritte als Theaterfriseur

Bassis Perücken sind in vielen Produktionen des Schweizer Fernsehens zu sehen, in Musicals wie etwa «Ewigi Liebi» oder «Die Schweizermacher», und auch im Zürcher Opernhaus. Vor allem aber ist es dem Schweizer gelungen, in die angelsächsischen Märkte vorzustossen. Auf den Theaterbühnen in New York und London werden die Haarteile ebenso verwendet wie in den grossen Filmproduktionen Hollywoods – etwa in den beiden grössten Fantasyfilmreihen des letzten Jahrzehnts, mit deren Namen er allerdings offiziell keine Werbung machen darf, weil er zwar die Perücken produziert hat, die Rechte zur Nutzung aber beim Kunden liegen, in diesem Fall bei den Make-up- und Haardesignern dieser Produktionen.

Und auch in «Wickie auf grosser Fahrt» (2011, Bild links) sowie «10 000 BC» (2008, Bild rechts) wurden Perücken aus Orlando Bassis Produktion verwendet.
Und auch in «Wickie auf grosser Fahrt» (2011, Bild links) sowie «10 000 BC» (2008, Bild rechts) wurden Perücken aus Orlando Bassis Produktion verwendet.

Mit anderen Titeln darf er hingegen werben. Zum Beispiel mit Roland Emmerichs Steinzeitspektakel «10 000 BC», mit der Musical-Verfilmung «The Producers», mit den französischen Asterix-Filmen oder mit Michael ‹Bully› Herbigs «Wickie und die starken Männer». Und für die US-TV-Serie «Spartacus» musste er unlängst ein paar männliche Schamhaare liefern, wie er schmunzelnd berichtet.

Wie aber wird ein Schweizer auf Bali zu einer derart grossen Nummer in der internationalen Unterhaltungsbranche? Alles fing damit an, dass er mit elf Jahren in Buchs SG, wo er aufgewachsen ist, als Samichlaus verkleidet wurde. «Das machte damals ein 70-jähriger Theatercoiffeur, und ich war total fasziniert von seiner Arbeit. Am nächsten Tag ging ich zu ihm und fragte, ob ich helfen darf.»

Der erfahrene Friseur brachte ihm dann alles bei, und er durfte mit ihm zu Laientheatern mitgehen und Leute schminken. Der kleine Orlando beschloss, Maskenbildner zu werden. Zwar riet ihm der Berufsberater ab, davon könne man nicht leben. Dennoch entschied er sich für eine Lehre als Coiffeur, eine Voraussetzung für Maskenbildner. Schnell realisierte er, dass es grossen Bedarf gab an Spezialeffekt- und Make-up-Material sowie an spezialisierten Perücken. Und bereits Ende der 80er-Jahre arbeitete er mit Perückenfabriken in Korea zusammen. «Die Preise waren extrem günstig, aber die Qualität nicht das, was ich wollte.»

Wegen religiösen Ritualen in Indien gibts den Rohstoff Haar

1991 stieg sein damaliger Lebenspartner Giuseppe Abbate in Bassis kleine Firma ein. Er übernahm das Administrative, Bassi konnte sich ganz auf das Künstlerische konzentrieren.

Die Perücken bestehen grösstenteils aus Menschenhaar.
Die Perücken bestehen grösstenteils aus Menschenhaar.

Die Alternative zu Korea fand sich in Indonesien, auf Java und Bali. «Wir haben ein paar gute lokale Leute kennengelernt, die uns halfen und heute noch im Unternehmen sind.» Darunter Bassis rechte Hand, Nengah Suasta, der wusste, mit wem man reden muss und wer welchen finanziellen Zustupf erhält. «Ohne Extrageld geht in Indonesien gar nichts», erklärt Bassi. «Es gehört einfach dazu, ist Teil der Kultur.» Am Anfang war es nicht leicht für die kleine Firma. «Aber wir hatten schon früh die Sympathien einiger Branchengrössen – darunter die des damaligen Chefmaskenbildners des Opernhauses Zürich.» 1997 schaffte er gar den Sprung nach Hollywood. Damals nahm er an einem Branchentreffen für Make-up-Spezialisten in Los Angeles teil, dem ersten überhaupt.«Die Leute waren begeistert von den Möglichkeiten, die die industrielle Herstellung bot.» Rasch kamen erste Aufträge, und so schuf sich Bassi einen Namen. Plötzlich konnte er Perücken für Musicals wie «Beauty and the Beast» oder «Wicked» am Broadway in New York liefern. «‹The Swiss wig guys›, die Schweizer Perücken-Typen, nannten sie uns damals.»

Haare aus Osteuropa sind gefragt, weil sie heller sind und weniger bearbeitet werden müssen.
Haare aus Osteuropa sind gefragt, weil sie heller sind und weniger bearbeitet werden müssen.

Die Perücken bestehen grösstenteils aus Menschenhaar. Hauptbezugsquelle ist Indien, wo Frauen traditionell lange Haare tragen, die in religiösen Ritualen abgeschnitten werden und den Perückenmachern der Welt als Rohmaterial dienen. Rarer und teurer ist europäisches Haar, das Bassi aus Osteuropa bezieht. «Dort gibt es Händler, die den Leuten Geld bieten für ihre Haare.» Sie sind gefragt, weil sie heller sind und weniger bearbeitet werden müssen.

Bassis Geschäfte laufen gut. So gut, dass er expandiert hat. Seit sechs Jahren produziert er in seiner Fabrik auch Körperprothesen für Spezialeffekte, die vor allem in Horrorfilmen Verwendung finden. Vor drei Jahren hat er das erste Filmstudio auf Bali gegründet, das gerade für HBO Asia die Spezialeffekte im TV-Film «Dead Mine» entwickelt. Im Laufe der Jahre allerdings wurde Lebenspartner Abbate zum reinen Geschäftspartner, 2010 zog er sich dann ganz aus dem Unternehmen zurück.

Neben der allgegenwärtigen Korruption gibt es weitere Herausforderungen für westliche Unternehmer auf Bali. «Die Firma funktioniert, weil ich ständig präsent bin. Die Leute müssen sehen, dass man selbst engagiert ist. Ein technokratischer Manager hat hier keine Chance.» So ist aus Bassi ein Patron alter Schule geworden, der seine Mitarbeiter kennt, über jeden Teil des Geschäfts Bescheid weiss und täglich mitmischt.

Lernen, wann Ja auf Bali wirklich Ja bedeutet – und wann Nein

Über die Jahre hat er gelernt herauszuhören, ob ein Ja seiner balinesischen Mitarbeiter wirklich Ja heisst – oder Nein. «Am Anfang dachte ich, die Leute lügen. Heute sehe ich das entspannter: Sie haben eine andere Art von Wahrheit. Der Schein ist das Wichtige, wie die anderen dich sehen, nicht wie es ist.»

150 Personen arbeiten in Orlando Bassis Firma.
150 Personen arbeiten in Orlando Bassis Firma.
Orlando Bassi legt grossen Wert auf gute Beziehungen zu den Einheimischen.
Orlando Bassi legt grossen Wert auf gute Beziehungen zu den Einheimischen.

Interessant war auch das Überstundenproblem. «Die Arbeiter machen gerne Überstunden, weil sie dann mehr verdienen. Aber wenn sie im nächsten Monat weniger Überstunden machen, gibts auch weniger Geld. Logisch, oder?» Dies sei ihnen nicht in den Kopf gegangen. «Sie haben ja schliesslich gearbeitet, genau wie letztes Mal. Warum also bekommen sie weniger Geld?» Bassi lacht. «Die Balinesen haben ein anderes Verhältnis zur Zeit als wir.»

Balinesen haben ein ganz anderes Verhältnis zur Zeit.

Dennoch, Bassi kann sich nicht vorstellen, je wieder in die Schweiz zurückzukehren, obwohl das Stammhaus der Firma noch immer dort ist. Von Rotkreuz und Buchs aus wird Vertrieb und Versand organisiert. «Wenn ich beruflich in der alten Heimat bin, habe ich Heimweh nach Bali, umgekehrt passiert mir das nie.» Und natürlich profitiert er auch von gewissen Annehmlichkeiten, denn das Leben ist im Vergleich zur Schweiz sehr billig.

Bassi schwärmt von der Lebensqualität auf Bali, dem Klima, den Menschen. «Die Leute hier haben sich ihre Kinderseelen bewahrt, sie denken anders, verspielter, sind freundlicher. In der Schweiz ist man so erwachsen und kalkuliert.» Die Balinesen lebten auch viel stärker im Jetzt, in den Tag hinein, derweil Westler immer von der Vergangenheit geprägt seien und sich um die Zukunft sorgten. «Das ist hier völlig anders und entspricht mir viel mehr.»

www.atelierbassi.com

Fotograf: Gustu Suparna, Olivier Brandenberg