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09. Juli 2012

Ein Sprint in die Unabhängigkeit

Alex Wilson wohnt erst seit 2005 in der Schweiz, gehört mit 21 Jahren aber zu den grössten Schweizer Sprinthoffnungen an den Olympischen Spielen. Sein Förderer Hansjörg Haas ist für ihn eine Art Ersatzvater.

Auf der Basler Sportanlage Schützenmatte trainiert Alex Wilson für seine ehrgeizigen Ziele. Hansjörg Haas unterstützte ihn von Beginn weg in seiner Sport- und Berufsausbildung. (Bild: Gerry Nitsch)

Alex Wilson (21) ist schnell, sogar sehr schnell: Mit 20,51 Sekunden über 200 Meter stellte er letztes Jahr einen Schweizer Rekord bei den U-23 auf. Zu verdanken hat er diesen Erfolg unter anderem auch seinem Freund, Trainer und Förderer Hansjörg Haas (63). «Wir haben so etwas wie eine Vater-Sohn-Beziehung. Dank ihm bin ich mutiger geworden», sagt Alex Wilson und schaut seinen Trainer an, als ob er auf eine Bestätigung warten würde. Hansjörg Haas habe ihm früher oft auf die Finger geklopft. «Heute realisiere ich, dass er immer recht hatte.»

Hansjörg Haas war 1973 Schweizer Meister

Das kommt nicht von ungefähr. Hansjörg Haas verfügt über grosse Erfahrung in der Leichtathletik und im Umgang mit Menschen: 1973 wurde er Schweizer Meister über 400 Meter Hürden, war danach beim Leichtathletik-Verband Kaderchef und betreute in derselben Disziplin seinen Cousin Peter Haas, den heutigen Leistungssportchef des Schweizerischen Leichtathletik-Verbands (Swiss Athletics). Als Sekundarlehrer kurz vor der Pensionierung und verheirateter Vater von zwei Söhnen weiss Hansjörg Haas, wie man mit jungen Menschen umgehen muss. Dieses Wissen war bei seinem Schützling besonders nützlich.

Alex Wilson wuchs in den ersten 14 Jahren mit seinen jamaikanischen Eltern in der Hauptstadt Kingston auf und kam erst 2005 nach Basel, und zwar mit seiner Mutter, die einen Schweizer geheiratet hatte. Ausgerechnet im Dezember landete der junge Alex in der Schweiz. Schnee und Kälte hatte er bisher noch nie erlebt. «Die Schweiz ist ein schönes Land. Ich finde es cool, hier zu sein — nur im Winter nicht …» Er fühle sich aber als Schweizer. Den roten Pass mit dem weissen Kreuz besitzt er seit Mai 2010.

Dank Hansjörg bin ich mutiger geworden.

Alex Wilson sprach in seiner neuen Heimat anfangs nur jamaikanisches Englisch und musste sich im Schweizer Schulsystem und einer komplett anderen Kultur und Gesellschaft zurechtfinden. «Die Schweiz ist total anders als Jamaika. Dort sind die Menschen lockerer drauf und helfen einander. Dafür haben wir hier eine viel bessere Ausbildung und zahlreiche berufliche Möglichkeiten», sagt Alex Wilson.

Hansjörg Haas wurde erstmals auf ihn aufmerksam, als Alex dank seiner guten Leistungen am Schulsporttag aufgefallen war und von einer Turnlehrerin in den Leichtathletik-Klub Old Boys Basel geschickt wurde. Haas half dem Talent, einen Platz in einer Anschlussschule für Migrationsjugendliche zu suchen, weil ihm die schulischen Grundlagen fehlten. Erste berufliche Erfahrungen hatte er bei SportXX im Basler Einkaufszentrum Dreispitz gesammelt, wo er im Rahmen einer «Job-Lehre» in der Sportabteilung arbeitete. Abgeschlossen hat er jedoch eine Anlehre als Landschaftsgärtner. Auch hier unterstützte ihn Hansjörg Haas. Heute kümmert er sich um die Terminabstimmungen beim Training mit Sprinttrainer Christian Oberer sowie die Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Leichtathletikverband. Dieser hat ihn in die Leistungsgruppe hoch talentierter Athleten mit Weltklassepotenzial («World Class Potential») aufgenommen. Dank dieser Unterstützung kann sich Alex Wilson professionell auf London vorbereiten.

Ein Instinktläufer auf Rekordjagd

(Keystone/Arno Balzarini)
(Keystone/Arno Balzarini)

Der Sprinter der BSC Old Boys wohnt alleine in einer kleinen Wohnung in der Nähe der Sportanlage Schützenmatte in der Stadt Basel. «Meine Wohnung ist ruhig gelegen, das ist ideal für einen Sportler», sagt er. Auf der «Schützenmatte» befindet sich die 400-Meter-Tartanbahn, auf der er regelmässig trainiert. Wenn er mal nicht rennt, schaut er sich im Internet die Bestenlisten der Sprinter an. Mit seinem 200-Meter-Nachwuchsrekord hat er letztes Jahr den 38. Platz in der Weltrangliste belegt. Über 100 Meter steht seine Bestzeit bei 10,40, was vergleichsweise schlechter ist als die Zeit, die er in seiner Paradedisziplin, dem 200-Meter-Lauf, läuft. «Im Sport kann mir niemand Grenzen setzen», sagt die Schweizer Hoffnung. So möchte er an den Olympischen Spielen über 200 Meter bis ins Halbfinale vorstossen und sich von 20,51 auf 20,40 verbessern. Damit würde er den bald 17 Jahre alten Schweizer Rekord von Kevin Widmer brechen. Im 4-mal-100-Meter-Staffellauf ist er zusammen mit seinen Mannschaftskollegen bereits Schweizer Rekordhalter.

Der Sport hat Alex stark und selbstbewusst gemacht. Und in der Kategorie Sprinter, die sich gerne cool gibt, fühlt er sich wohl. «Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ich den 17 Jahre alten Rekord breche», sagt er. 2014, an den Europameisterschaften in Zürich, möchte er sogar eine Zeit unter 20 Sekunden laufen. Eine Steigerung von mehr als vier Zehntelsekunden ist in der Welt der 200-Meter-Läufer eine halbe Ewigkeit. Mit einem der besten seines Fachs hat er bereits Kontakt: An den Leichtathletikmeetings tauscht sich der Neo-Schweizer manchmal mit Superstar Usain Bolt aus, der ebenfalls aus Jamaika stammt.

Hansjörg Haas bezeichnet Alex Wilson als «liebenswürdigen und dankbaren Instinktläufer, der auf Rekordjagd ist». Es erstaunt wenig, dass auch seine 19-jährige Freundin Leichtathletik macht. Ihren Namen gibt Alex Wilson nicht preis. Das sei Privatsache.

Autor: Reto Wild