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05. November 2012

Ein Schweizer zeigt den Koreanern den Meister

An der Schwertkampf-WM in Südkorea schockte der Dübendorfer Robbi Dale die asiatische Konkurrenz und gewann den WM-Titel im Bambusschneiden. Dieser soll die Basis für eine erfolgreiche berufliche Zukunft legen.

«Samurang» Robbi Dale
«Samurang» Robbi Dale in Aktion: Er trainiert in Baar ZG und startet an der ersten Schwertkunst-Schweizer-Meisterschaft.

Stellen Sie sich vor, an den Ski-Weltmeisterschaften in der Schweiz gewinnt ein Koreaner die Abfahrt. Die ganze Nation würde mit ungläubigem Staunen reagieren. Ziemlich ähnlich war die Gemütslage im Juli in Südkorea, als der 26-jährige Robbi Dale an der Schwertkampf-Weltmeisterschaft als erster Nichtkoreaner den Samurang-Titel gewann – in der Disziplin «Bamboo Cut» (Bambusschneiden). Der in Wangen bei Dübendorf wohnhafte Zürcher mit Wurzeln in Birmingham setzte sich gegen über 100 Konkurrenten durch – darunter Meister und Instruktoren. Nach einem festgelegten Ablauf mit verschiedenen Drehungen, bei denen perfekte Körperbeherrschung gefragt ist, musste er drei dicke Bambusstangen innerhalb von 30 Sekunden blitzschnell und präzis schneiden.

Das Schwert ist messerscharf.
Das Schwert ist messerscharf.

Seine Waffe ist ein messerscharfes Schwert, Jingum genannt, das vom Griff bis zur Klingenspitze über einen Meter misst und ein Kilogramm schwer ist. Robbi Dale geht mit ihm so virtuos um wie Roger Federer mit dem Tennisschläger. Jeder Schnitt, in Hundertsteln von Sekunden vor den Kampfrichtern ausgetragen, sitzt. Jedes Körperteil, vom Kopf bis zur Zehenspitze, trägt zur Schwertkunst bei. Treffen die Schwertkünstler die Ringe des Bambus oder fällt dieser aus der Halterung, ist der Wettkampf verloren. Abzug gibt es, wenn beim Schneiden Bambuspartikel stieben.

«Bambusschneiden ist für die Koreaner das Herzstück. Und der Samurang-Titel wird höher gewertet als eine Goldmedaille. Deshalb erfüllt sich mit diesem Erfolg ein Traum. Das harte Training hat sich ausgezahlt», sagt Weltmeister Robbi Dale nüchtern, beherrscht und konzentriert. Mit den gezielten Schwertschwüngen eliminiere er negative Energie. Dass Geist und Körper eins werden, sei in der so traditionsreichen asiatischen Schwertkunst-Sportart Haidong Gumdo ganz allgemein sehr wichtig. Er widme den Titel seinem Meister und Ausbildner Lee, der ihn in Baar streng, manchmal laut und immer fördernd unterrichtet und weitergebildet habe.

Lee sei einer wie in einem asiatischen Kampffilm. Diese Streifen hätten ihn schon als Bub begeistert. Spricht Robbi Dale über Lee, tut er dies fast schon ehrfürchtig. Die Sportart war für den jungen Dübendorfer schon von jeher eine Passion: «Seit ich denken kann, war ich von der Schwertkunst fasziniert. 2006 fing ich mit Kung-Fu an. Nach zwei Monaten sah ich im Trainingszentrum eine Ausschreibung zur Instruktorenausbildung in Haidong Gumdo», erinnert er sich. Er habe sofort gewusst, dass er endlich das gefunden hatte, wonach er wirklich suchte. Der Sport sei für ihn «wie Luft ablassen, den Stresspegel senken; sobald ich im Training bin, kommt in mir ein Gefühl von Freiheit auf. Mein Kopf wird auf einen Schlag ganz klar». Durch die Schwertkunst sei er im Alltag flexibler und lockerer geworden und ärgere sich nicht mehr über Kleinigkeiten.

Robbi Dale investiert wöchentlich acht Stunden in den Schwertkampf.
Robbi Dale investiert wöchentlich acht Stunden in den Schwertkampf.

Dabei hätte der Schwarzgurtträger durchaus Gründe, von seiner positiven Lebenseinstellung abzukommen: Nach der Schule wollte er so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen und von zu Hause wegziehen. Er entschied sich deshalb gegen eine Lehre und startete seine Berufskarriere in einer Gärtnerei. Inzwischen arbeitet Robbi Dale im Rahmen einer 90-Prozent-Anstellung für die Klinik Lindberg, wo er sich in der Logistik um den Einkauf von ärztlichen Instrumenten kümmert. Der Schwertkampfkünstler hofft, mit dieser Stelle seine berufliche Karriere neu lancieren zu können. Sein Fernziel ist es, einst selbständig eine eigene Haidong-Gumdo-Schule zu führen. Ein erster Schritt dazu ist getan: Er unterrichtet seit drei Jahren Erwachsene und Kinder. Dabei darf man nicht vergessen, dass es Haidong Gumdo in der Schweiz erst seit 2004 gibt. Schweizweit betreiben nur rund 200 Personen diese Sportart.

Der Dübendorfer investiert wöchentlich acht Stunden in den Schwertkampf. Im Vorfeld der WM war es noch mehr, weil er nach Bambus Ausschau halten und die Besitzer fragen musste, ob er die grasartig wachsenden verholzenden Pflanzen abschneiden und zum Trainieren benutzen dürfe. Seine Freundin Sarah Schmidli (29), mit der Robbi Dale zusammenlebt, unterstützt sein Hobby, «weil ich auch ihres unterstütze». Sie ist leidenschaftliche Salsa-Tänzerin. «Obwohl ich sehr beweglich bin, kann ich einfach nicht tanzen», sagt Dale. Im Vorfeld der WM habe er seine Familie und seine Freundin vernachlässigt. «Ich liebe Sarah dafür, dass sie mich nicht verlassen hat und Verständnis für meinen Sport aufbringt.» Sein nächstes grosses Ziel: 2014 seinen WM-Titel in Südkorea verteidigen.

Autor: Reto Wild