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22. September 2014

Ein Schweizer rüttelt Berlin auf

Philipp Ruch ist Theaterregisseur, seine Bühne sind die Strassen von Berlin. Dort will er Menschen und Politiker dazu bewegen, Stellung zu beziehen – zum Beispiel zum syrischen Flüchtlingselend.

Philipp Ruch vor dem Reichstag in Berlin.
Philipp Ruch vor dem Reichstag in Berlin. Bei seinen öffentlichen Aktionen schmiert sich der ­Theaterregisseur meist schwarze Farbe ins Gesicht. Dies symbolisiere «die Spurreste der verbrannten politischen Hoffnungen Deutschlands, in denen unsere Gruppe gerne wühlt».

Einen Termin im Kanzleramt in Berlin – so was schafft nicht jeder, und erst recht nicht ein Künstler. Philipp Ruch schon. Allerdings hat es dafür einen gewissen moralischen Druck gebraucht, aber das ist seine Spezialität.

Ruch (33) ist Theaterregisseur und Kopf des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS), einer Gruppe von Aktionskünstlern, die seit einigen Jahren mit ihren öffentlichen Vorführungen Schlagzeilen macht. 2009 versuchte sie, Kanzlerin Angela Merkel auf Ebay zu versteigern, um mit dem Erlös Rettungsinseln für Flüchtlinge im Mittelmeer zu verankern. 2012 setzte das ZPS ein Kopfgeld von 25 000 Euro auf die Gesellschafter des Waffenherstellers Krauss-Maffei Wegmann aus. Folgen: ein gewaltiger Medienwirbel und ein gescheiterter Panzerdeal mit Saudi-Arabien.

Aktionstheater zur Rettung syrischer Flüchtlingskinder

Den Termin im Kanzleramt verschaffte sich Ruch mit seiner neusten Aktion: Er will die Bundesregierung dazu bringen, mehr Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen, wo seit 2011 ein heftiger Bürgerkrieg tobt. Bis Ende Jahr rechnen die Hilfswerke mit 3,6 Millionen Flüchtlingen, die Hälfte davon Kinder. Ruch zog mit zwei Holocaust-Überlebenden und den Medien vors Kanzleramt und verkündete, man hätte einen Termin. Den bekamen sie dann prompt – dem moralischen Gewicht der Holocaust-Überlebenden konnte sich die Regierungszentrale nicht entziehen. Inge Lammel (90) und Kurt Gutmann (87) waren 1939 als jüdische Flüchtlinge vom deutschen Kriegsgegner Grossbritannien aufgenommen worden – sie überlebten als einzige ihrer Familien den Genozid an den deutschen Juden während des Zweiten Weltkriegs. Heute setzen sie sich dafür ein, dass Deutschland eine solche Überlebenschance auch möglichst vielen syrischen Kindern gibt.

Kurz darauf liess Ruch mitten in Berlin eine fiktive Quizshow aufführen, in der das Publikum jeden Abend eines von 100 syrischen Flüchtlingskindern auswählen durfte, das von der Bundesregierung gerettet werden sollte. Slogan: «Nur ein Kind gewinnt, 99 können weitersterben.» Das wirkte. «Vor unserer Aktion war vorgesehen, 5000 Flüchtlinge aufzunehmen», sagt Philipp Ruch, «eine Woche später waren es plötzlich 10 000. Ein Tropfen auf den heissen Stein, aber immerhin.»

Ruch spricht mit leidenschaftlicher Intensität über seine Sache; man spürt die Verwunderung über die weit verbreitete Gleichgültigkeit von Politik, Medien und der Bevölkerung gegenüber den Gräueln der Welt. «Es ist nicht leicht, diesen Panzer zu durchdringen.» Aber die Aktionen des ZPS bezwecken genau das, sie appellieren an die Ideale der Menschlichkeit – und das mit Erfolg.

Dabei war Ruch lange Zeit ein unpolitischer Mensch. Geboren 1981 in Dresden als Sohn eines Schweizer Vaters und einer deutschen Mutter, erlebte er seine Kindheitsjahre in der DDR. «Meine Eltern haben sich dort kennen- und lieben gelernt.» Kurz vor dem Mauerfall 1989 übersiedelte die Familie in die Schweiz, nach Bern – möglich war das wegen der Nationalität seines Vaters. «Es war ein gewaltiger Kulturschock. Nur schon die Glacé! Aus der DDR kannte ich nur Wassereis.» Seine alte Heimat hat er nicht vermisst, und den Berner Akzent hört man noch heute.

Nach der Schule arbeitete er zwei Jahre bei einer Filmpromotionsfirma in Zürich. «Eigentlich ein Traumjob.» Aber trotzdem zog es ihn zurück nach Deutschland. «Ich wollte an einem ruhigen Ort Drehbücher schreiben. Also zog ich nach Parey, das kleinste Dorf in Brandenburg.» Dort war es zwar wunderschön, aber letztlich doch zu einsam. «Ich wollte zurück zur Natur, auf dass dort grosse Kunst entstehe – nach anderthalb Monaten bin ich schreiend davongerannt», sagt Ruch und lacht. «Quakende Frösche sind schlimmer als jeder Verkehrslärm.»

Die Schweiz ist kosmopolitischer als Deutschland

Er realisierte, dass er Menschen um sich braucht. So kam er 2003 nach Berlin, studierte politische Philosophie und blieb. Seine Jugend in der Schweiz hat ihn jedoch geprägt. «Die Schweiz ist viel kosmopolitischer als Deutschland. In hiesigen Zeitungen findet praktisch nur deutsche Nabelschau statt. Die Schweizer Medien hingegen berichten aus der ganzen Welt.» Dennoch geschah seine Politisierung erst während des Studiums an der Humboldt-Universität. Entscheidend dafür waren seine Professoren: der politische Philosoph Volker Gerhardt und der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. «Die beiden sind sich spinnefeind. Aber ihr ganz unterschiedlicher Zugang zum Humanismus hat mich geprägt. Die Spannung zwischen beiden machte mich erst möglich.»

Bei der «Grossen Abendshow 1 aus 100» mitten in Berlin konnte das Publikum abstimmen, welches von 100 syrischen Flüchtlingskindern von der deutschen Bundesregierung gerettet werden soll.
Bei der «Grossen Abendshow 1 aus 100» mitten in Berlin konnte das Publikum abstimmen, welches von 100 syrischen Flüchtlingskindern von der deutschen Bundesregierung gerettet werden soll.

Ruch lebt mit einer deutschen Regisseurin und dem gemeinsamen zweijährigen Sohn im Prenzlauer Berg. Derzeit steht er kurz vor dem Doktorat in politischer Philosophie, finanziert hat er sich bisher über sein Stipendium und mit Einsätzen als Regieassistent und Dramaturg auf regulären Theaterbühnen. «Aber im klassischen Theater entsteht leider viel zu wenig. Nach dem Stück wird alles mental in einen Karton gepackt, wo ‹Vorsicht Kunst› draufsteht.» Auch deshalb gründete er 2008 das Zentrum für Politische Schönheit. «Theater und Film im klassischen Sinne sind scheintote Medien. In der Aktionskunst liegt die Zukunft des Theaters.»

Vor dem ZPS hat er kurz mit der Politik geliebäugelt und einen Blick ins Innenleben der SPD geworfen. «Aber dort ist alles so starr und geregelt. Ich wollte wissen, wo bei der Partei Raum ist, um Ideen zu entwickeln, um Neues zu wagen, etwas zu bewegen. Diesen Raum gibt es nicht. Kein Wunder, ist der Ausdruck Politverdrossenheit in aller Munde.» Er habe noch nie eine unpolitischere Jugend erlebt als die in Berlin. «Mir macht das Angst. Aber das ist auch die Schuld von inspirationslosen Politikern wie Merkel und Steinbrück. Haben die irgendeine Überzeugung, für die sie zu sterben bereit sind? Würde Merkel sich in Syrien vor die Zivilisten stellen und rufen: ‹Nur über meine Leiche!›?»

Politische Poesie als Gegenmittel zur Politverdrossenheit

Genau da setzt das ZPS an. Es will Anstösse geben, um Leidenschaften und Engagement zu wecken. Und das mithilfe politischer Poesie, wie Ruch das nennt. «Willy Brandts Kniefall in Warschau 1970, diese Versöhnungsgeste – das war ein Akt politischer Schönheit. Er wühlt die Menschen noch heute auf, wenn sie ihn sehen. Politik, die begeistern will, braucht politische Poesie.»

Dennoch sieht Ruch sich nicht als Politaktivist. «Ich bin Theaterregisseur und Aktionskünstler. Das ZPS hat keine politischen Ziele, es macht Kunst.» Aber politische Nebenwirkungen sind natürlich erwünscht. Ruch will den Begriff des Theaters dahin zurückführen, wo er herkommt: «Ich will im Wortsinn ein Theater veranstalten, Lärm machen, aufrütteln, zum Denken anregen.»

Eine seiner Aktionen trug Philipp Ruch (stehend, rechts) gar einen Termin beim Bundeskanzleramt ein, gemeinsam mit den Holocaust-Überlebenden Inge Lammel (90) und Kurt Gutmann (87). Die beiden  wurden 1939 als jüdische Flüchtlingskinder von Grossbritannien aufgenommen und überlebten nur deshalb. Heute plädieren sie für mehr deutsche Grosszügigkeit gegenüber syrischen Flüchtlingen.
Eine seiner Aktionen trug Philipp Ruch (stehend, rechts) gar einen Termin beim Bundeskanzleramt ein, gemeinsam mit den Holocaust-Überlebenden Inge Lammel (90) und Kurt Gutmann (87). Die beiden wurden 1939 als jüdische Flüchtlingskinder von Grossbritannien aufgenommen und überlebten nur deshalb. Heute plädieren sie für mehr deutsche Grosszügigkeit gegenüber syrischen Flüchtlingen.

Für seine Projekte arbeitet er oft mit etablierten Theatern zusammen, teilweise werden diese von denen auch finanziell unterstützt. Die Kerngruppe um Ruch besteht derzeit nur aus fünf Leuten. Für die Aktionskunst stehen aber teils Hunderte im Einsatz, ehrenamtlich. «Viele haben gutbezahlte Jobs, die sie aber nicht inspirieren. Also machen sie bei uns mit.» Jede Aktion braucht monatelange, möglichst diskrete Vorbereitungen, finanziert durch Sponsoren und Spenden.

Und Ruch kann sich durchaus vorstellen, so etwas auch in der Schweiz zu machen. «Es hängt an der Finanzierung – vielleicht ist ja das Migros-Kulturprozent interessiert?» Reizen würde es ihn auf jeden Fall. «Auch in der Schweiz laufen Dinge schief, Stichwort Masseneinwanderung.» Obwohl, für die Deutschen sei das Abstimmungsergebnis pädagogisch wertvoll. «Da erleben sie mal am eigenen Leib, wie es ist, von einem reicheren Land als unerwünscht betrachtet zu werden.» Dennoch hält er viele der SVP-Aktivitäten für «absolut menschenverachtend». Gut möglich also, dass Ruch bald auch der Schweiz demonstriert, wie politische Schönheit aussieht.