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29. Februar 2016

Ein Samstag wars

YB-Logo
Bänz Friedlis heisst geliebtes YB-Logo.

Schwer auszumachen, woher der Spruch stammt, aber er ist oft zu hören unter ruchlosen Journalisten. Und von denen kannte ich einige. Einer war sogar mal mein Chef: «Never let the truth kill a good story», pflegte er zwischen zwei ­Linien Kokain salopp zu sagen, wenn jemand eine Meldung anzweifelte. Frei übersetzt: Es muss dich nicht kümmern, dass eine Story nicht stimmt, ­solange sie eine geile Schlagzeile hergibt…
Also liess er Gespenstergeschichten in die Zeitschrift rücken. Wer sollte deren Wahrheitsgehalt schon überprüfen? Heute genügt dazu oft ein Klick. Gleichzeitig sorgt das Internet aber dafür, dass sich Falschmeldungen in Sekundenbruchteilen verbreiten und auch dann nicht mehr zu stoppen sind, wenn längst erwiesen wäre, dass sie zu gut sind, um wahr zu sein: Immer wieder wird angeblich eine Beere entdeckt, die binnen Minuten Krebs heilt, immer wieder sichtet jemand Nessie, und Sängerin Rihanna erwartet mindestens Drillinge.

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50) erinnert sich vage.

Manche Geschichten freilich sind schlicht zu schlecht, um wahr zu sein. Wie lange hatte ich mir eingebildet, ich hätte das Spiel, in dem mein YB zum letzten Mal die Meisterschaft errang, aus schierem Pflichtbewusstsein verpasst? Jedenfalls lange genug, um es am Ende zu glauben. An dem Donnerstag vor 30 Jahren, an dem die Young Boys auswärts bei Neuchâtel Xamax eine Runde früher als erwartet Meister geworden seien, an jenem Donnerstag hätte ich im Gemeinderat von Wohlen bei Bern gesessen. So habe ich es herumerzählt. Die Fahrt nach Neuenburg sei mir versagt gewesen. Statt Tinu Weber, Robert Prytz und Lars Lunde beim Siegen zuzuschauen, hätte ich im Gremium, in das ich Monate zuvor gewählt worden war, über die Besoldung einer Schulhausabwartin und den Jubiläumsbeitrag an einen Männerchor debattieren müssen.

Unlängst gebe ich meine Version wieder mal in einer Runde zum Besten, und zwar im Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Worauf Sue aufbegehrt: «Falsch!», der 24. Mai 1986 sei ein Samstag gewesen, kein Donnerstag. Und am Samstag habe der Gemeinderat bestimmt nicht getagt. «Ich war mit meinem grossen Bruder auf der Maladière», schwärmt Sue. Was aber tat ich an besagtem Samstag? Keine Ahnung mehr. Ich weiss nur, dass es das Falsche war. Nicht amtliche Pflicht hinderte mich also, die ­historische Stunde live zu erleben, nein, ich verschlampte sie ganz banal. Da klang die unwahre Version doch irgendwie besser …

Und was meinen einstigen Chef betrifft: Mit dem Koksen bin ich mir nicht mehr so sicher. Aber wie hiess es so schön? «Never let the truth …»

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

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Website: www.baenzfriedli.ch

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli