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31. August 2015

Werden die Falschen zur Kasse gebeten?

Der Bundesrat will die Franchisen bei den Krankenkassen anpassen. Zwei sollen ganz verschwinden, und wer die höchste von 2500 Franken wählt, muss künftig mehr bezahlen. Erste Reaktionen zeigen: Der Unmut ist gross. Dazu Konsumentenschützerin Sara Stalder im Interview.

MRI-Maschine
Kostentreiber im Gesundheitssystem sind unter anderem neue Geräte, deren Anschaffung rentieren muss: Für eine MRI-Untersuchung (Magnetic Resonance Imaging) werden zwischen 450 und 730 Franken verrechnet.

Jedes Jahr das Gleiche: Der Herbst naht, und für das kommende Jahr wird eine Erhöhung der Krankenkassenprämien verkündet. Bald jedoch sollen viele Versicherte noch tiefer in die Tasche greifen müssen als üblich: Ab 2017 fallen die Franchisen von 1000 und 2000 Franken weg, und wer die höchste von 2500 Franken wählt, soll künftig weniger Rabatt bekommen.

Rund eine Million Versicherte müssten so jährlich bis zu 440 Franken mehr bezahlen. Erste Reaktionen zeigen: Der ­Unmut darüber ist gross – jene, die wegen der hohen Franchise weniger ­Kosten verursachen, fühlen sich unfair behandelt. Pascal Strupler, Direktor des Bundesamts für Gesundheit, relativiert im «Tages-Anzeiger»: «Versicherte können damit auch in Zukunft 1100 Franken pro Jahr einsparen.» Dies sei weiterhin ein schöner Anreiz, sich gesundheitsbewusst zu verhalten. Die Reform begründet Strupler damit, dass die Rabatte derzeit zu hoch seien – höher offenbar als die Einsparungen, die sich durch das Verhalten dieser Versicherten im Gesundheitssystem ergeben. Mit der Folge, dass die Prämien für die anderen Versicherten entsprechend erhöht werden müssten. Dies widerspreche dem Gedanken der Solidarität, sagt Strupler.

Die junge GLP hat bereits angekündigt, die Pläne mit einer Petition zu bekämpfen. Auch bei den Krankenkassen selbst kommt die Reform schlecht an. Laut Dachverband Santésuisse stärken gerade die hohen Franchisen die Selbstverantwortung der Versicherten. Eine Reduktion der Auswahl schwäche diesen Anreiz.

«Es besteht das Risiko, dass damit die Selbstverantwortung untergraben wird»

Sara Stalder (48) ist Geschäftsleiterin der Stiftung 
für Konsumentenschutz.
Sara Stalder (48) ist Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz.

Sara Stalder, der Rabatt für die höchste Krankenkassen-Franchise soll sinken. Was halten Sie davon?

Wir haben ein gewisses Verständnis dafür, denn das Bundesamt für Gesundheit hat die Reform ja mathematisch plausibel begründet. Schliesslich soll eine gewisse Solidarität zwischen Gesunden und Kranken bestehen. Mit zu tiefen Rabatten besteht allerdings das Risiko, dass die Selbstverantwortung der Versicherten untergraben wird.

Das sehen Sie als Gefahr?

Ja. Es ist gut möglich, dass Leute mit der höchsten Franchise künftig eine tiefere wählen und so das Gesundheitssysstem mit unnötigen Abklärungen oder grösserem Medikamentenverbrauch finanziell stärker belasten. Der Anreiz steigt also, mehr über die Krankenkasse abzurechnen, und das wäre kontraproduktiv.

Sind Franchisen nicht generell unsozial, weil sich nur die Gutbetuchten eine höhere leisten können?

Über Jahre betrachtet, kann man mit der höchsten Franchise durchaus besser wegkommen, weil man ja weniger Prämien bezahlt. Und es ist eine der wenigen Möglichkeiten, die Kosten selbst zu beeinflussen. Unsozial ist, dass ein Drittel der Bevölkerung die Prämien gar nicht bezahlen kann und Verbilligungen braucht. Dort müsste man ansetzen.

Unser Gesundheitssystem ist eine 70-Milliarden-Kuh, die man melken kann. Und jeder Akteur im System will möglichst viel «Milch» in den eigenen Kessel lenken.

Was müsste man denn tun?

Unser Gesundheitssystem ist eine 70-Milliarden-Kuh, die man melken kann. Und jeder Akteur im System will möglichst viel «Milch» in den eigenen Kessel lenken: Ärzte, Apotheken, Spitäler, Pharmaindustrie und die Versicherten. Es gibt keine nationalen Kostenkontrollen, keine Bremsen. Es werden viele Dinge praktiziert, die unnötig sind: zu viele Abklärungen, zu viele Operationen, zu viele Medikamente. Wir haben eine Überversorgung, die zudem gesundheitlich schädlich ist.

Wer sind die schwarzen Schafe?

Ein Beispiel: Die Spitäler, auch die in öffentlicher Hand, müssen wirtschaftlich erfolgreich sein. Wird ein neues Gerät angeschafft, soll sich diese Investition lohnen, also werden mehr Leute damit untersucht als eigentlich nötig. Abgerechnet wird über die Krankenkasse.

Gibt es besonders schlimme schwarze Schafe?

Mit Sicherheit. Die Versicherungen kennen die rabenschwarzen Schafe und intervenieren in den allerschlimmsten Fällen auch. Namen werden aber leider nicht genannt.

Die Gesundheitsdaten müssten zentralisiert und anonymisiert erhoben werden, damit die Geldflüsse im Gesundheitswesen offengelegt werden.

Wie könnte man gegensteuern?

Die Gesundheitsdaten müssten zentralisiert und anonymisiert erhoben werden, damit die Geldflüsse im Gesundheitswesen offengelegt werden. Zum Teil gibt es bereits elektronische Datenerhebungen, aber sie sind sehr verzettelt, und niemand hat die Übersicht. Jeder Kanton, teils sogar jedes Spital, hat ein anderes System. Es bräuchte ein einheitliches Verfahren wie in Dänemark. Aber davor schreckt man hierzulande zurück.

Erste Umfragen zeigen eine starke Ablehnung für die geplante Reform bei den Franchisen. Reagieren die Leute so allergisch, weil die Prämien eh schon jedes Jahr steigen?

Ganz sicher, man fühlt sich im System gefangen. Und trotz stetiger Kostenzunahme werden die Leute nicht gesünder. Schaut man sich andere, gut funktionierende Gesundheitswesen an, etwa in Nordeuropa, sind die Kosten dort deutlich tiefer, und die Bevölkerung ist nicht weniger gesund als wir. Vielleicht könnte die Schweiz daraus etwas lernen.

Lässt die Reform sich irgendwie noch aufhalten?

Es ist wichtig, dass der Bundesrat im Gesundheitswesen Änderungen angeht, auch wenn diese nicht beliebt sind. Vorerst holt er die Meinungen zu dieser Änderung ein und wird dann erst über die weiteren Schritte entscheiden.

Autor: Ralf Kaminski