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03. April 2017

Ein Rentner wird Praktikant

Livio Arfini ist 68 Jahre alt und Praktikant in einer Luzerner Werbeagentur. Bloss PR oder ein Modellbeispiel für die erfolgreiche Integration älterer Arbeitnehmer?

Rentner und Praktikant Livio Arfini und Lehrling Sam Herzog
50 Jahre Altersunterschied: Praktikant Livio Arfini lässt sich von Lehrling Sam Herzog das Bildbearbeitungsprogramm Photoshop erklären.

Warum nicht noch mal etwas ganz Neues lernen? Livio Arfini (68) hat sich im Februar für ein dreimonatiges Praktikum bei der Luzerner Werbeagentur Rocket beworben. Das Setting erinnert an die Komödie «The Intern», in der Robert De Niro in die Rolle eines betagten Praktikanten schlüpft. Anders als De Niro in Hollywood spielt Arfini in Luzern aber weder Fahrer noch hütet er Kinder, sondern er beschäftigt sich mit realen Projekten.

«Da oben kannst du die gewünschte Auflösung eingeben. Da, ganz rechts. Genau. 300 DPI. Das ist die Auflösung. Super», erklärt Grafikerlehrling Sam Herzog Praktikant Livio eine Photoshop-Anwendung. Ein halbes Jahrhundert trennt die beiden. Der Rentner lässt seinen Blick suchend über den Bildschirm schweifen, klickt auf Geheiss des 19-Jährigen da und dort, um dann festzustellen: «Faszinierend, wirklich eine neue Welt.»

Werbeagenturen besetzen ihre Praktikumsstellen normalerweise mit sogenannten Digital Natives, jungen Menschen unter 30 Jahren, die in der Regel nicht viel Zeit brauchen, um sich neue Fähigkeiten am Computer anzueignen. Selbst die festangestellten Mitarbeiter gehören meist der jüngeren Generation an. Das älteste Teammitglied bei Rocket, wo insgesamt elf Personen arbeiten, ist gerade mal 44 Jahre alt.

«Wir haben die Praktikumsstelle explizit für einen Rentner ausgeschrieben, weil wir Kunden haben, die mit ihren Produkten gezielt ältere Menschen ansprechen wollen», erklärt Agenturmitinhaber Mathias Schürmann (42). Rund 20 Bewerbungen hat die Agentur auf die Stellenausschreibung erhalten, die so aussergewöhnlich war, das mehrere Medien darüber berichteten.

Livio Arfinis Motivationsschreiben fiel auf. Er hatte eine E-Mail verfasst, die sich auch auf Twitter gut gemacht hätte: «Gute Idee. Bin interessiert. Eine Bewerbung schreibe ich keine, aber vorstellen würde ich mich schon.» Ein Volltreffer: In der Werbebranche mag man es knapp und frech.

Konstruktive Kritik an der Firmenkultur

Bis zu seiner Pensionierung vor vier Jahren war Livio Arfini als Ausbildungsleiter bei einem Detailhändler mit rund 10 000 Angestellten tätig. Heute fühlt er sich im Ruhestand eigentlich ganz wohl. Seine Partnerin, die noch immer im Arbeitsleben steht, meinte jedoch hin und wieder, er sei doch noch zu jung dafür. Zudem hielt Arfini seine Mitarbeiter stets zu lebenslangem Lernen an. Nun wollte er wissen, ob er das selbst überhaupt noch kann.

In der Regel spielt das Rocket-Team dem Rentner Aufgaben zu, die ihn eher auf der inhaltlichen und nicht so sehr auf der technischen Ebene fordern. So hat er etwa an einem Prospekt zum Thema Altersvorsorge mitgearbeitet, auf dem ursprünglich ein Schaukelstuhl abgebildet war. «Das sah sehr nach Altersheim aus und war nicht unbedingt das, was man sich als Senior wünscht», so der Experte für das dritte Lebensalter. Die neue Version mit einer schematisch dargestellten Strandliege sei da schon viel einladender.

Arfini übt konstruktive Kritik – nicht nur bei der Arbeit, sondern auch punkto Kultur: «Er hat die Erfahrung und den Mut, uns den Spiegel vorzuhalten», sagt Mitinhaber Mathias Schürmann. Arfini habe etwa festgestellt, dass sich am Telefon alle unterschiedlich vorstellen, mal mit, mal ohne Namen, mal formell, mal salopp. «Wir haben unsere Begrüssung nun vereinheitlicht, da dies nach aussen einfach besser wirkt.»

Rentner-Praktikant Livio Arfini liefert wertvolle Inputs, verdient mit einem 80-Prozent-Pensum aber bloss 1350 Franken pro Monat. Fühlt er sich dabei nicht etwas ausgenutzt? «Für mich stimmt der Deal. Ich mache das nicht wegen des Geldes, sondern wegen der Herausforderung», sagt Livio Arfini. Er könne zwar mit Lebenserfahrung trumpfen, sei im Umgang mit Word, Excel und Powerpoint recht sicher unterwegs, aber in Sachen Photoshop, Illustrator und Co. staune er nur noch: «Da bin ich froh, dass ich bloss der Praktikant bin und ungeniert fragen darf.»

Heidi Joos (62), die sich als Geschäftsleiterin des Verbands Avenir 50Plus für die Interessen von älteren Erwerbslosen und Ausgesteuerten einsetzt, kritisiert dieses spezielle Arbeitsverhältnis dennoch. Sie findet, die Agentur missbrauche die Aktion als PR-Gag und hätte lieber einem Erwerbslosen eine Chance geben sollen, statt einen AHV-Bezüger einzustellen (siehe rechts).

Fortsetzung nicht ausgeschlossen

Rocket-Mitinhaber Mathias Schürmann hält diese Kritik für ungerechtfertigt: «Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun: Wir wollten explizit einen Rentner und keinen Werber.» Man habe jemanden gesucht, der völlig unbelastet sei und wirklich aus der Perspektive eines Pensionierten denke. «Zudem setzen wir uns mit den beschränkten Mitteln einer kleinen Agentur für die Diversität ein.»

Rocket habe auch schon mit dem RAV zusammengearbeitet, und nicht zuletzt zeige der Versuch mit Prak­tikant Livio Arfini, dass ältere Teammit­glieder wertvolle Inputs liefern können. So habe das Projekt doch durchaus Beispielcharakter. «Um Bilanz ziehen zu können, ist es noch zu früh. Eine Wiederholung der Ü65-Praktika ist jedoch sicher nicht ausgeschlossen. Ich könnte mir auch vorstellen, Livio Arfini nach Praktikumsabschluss auf Mandats­basis zu engagieren.» 

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Christof Schürpf