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14. Juli 2014

Ein mühsamer Kunde

Hab ich Ihnen noch gar nicht erzählt! Die Sache mit dem Zelt … Da sind der Hans und ich also auf Velotour, haben eben die Steigung von Aarberg hinauf nach Täuffelen bewältigt, und ich schleppe noch den Anhänger mit allem Gepäck hinter mir her. Ein kühles Getränk wäre jetzt fein, aber alles, was uns auf der Schiefertafel der Metzgerei feilgeboten wird, ist Bärlauchbratwurst. Pfui, Teufel! Also lassen wirs sausen bis hinunter an den See. Leider nur, um festzustellen, dass dort ein paar Mehrbessere unmittelbar am Ufer wohnen, für Fussgängerinnen und Velofahrer jedoch kein Durchkommen ist. Also plagen wir uns eine weitere Anhöhe hinauf, ehe wir ziemlich abgekämpft den Campingplatz in Sutz-Lattrigen erreichen. Feierabend! Rasch noch das Zelt aufgestellt! Der Beipackzettel verspricht, es sei in dreieinhalb Minuten bewerkstelligt …

«Wir haben eigens das teurere genommen ...»
«Wir haben eigens das teurere genommen ...»

Eben, das Zelt. In der Vorwoche beim Grossverteiler meines Vertrauens erworben, Qualitätsware. Wir haben eigens das teurere genommen. Gestern ging alles glatt, heute benutzen wirs zum zweiten Mal. Rasch die Kunststoffhülle ausgebreitet, die beiden Stangen zusammengesteckt … Wobei diese Wunderdinger sich heute ja von selbst zusammenstecken! Mit so was bin sogar ich imstand, ein Zelt zu erricht… Zack! Schon bricht die schöne Alu-Stange. «Das darf nicht passieren», stellt Hans nüchtern fest.

Was nun? Er sucht mit einem «Lustigen Taschenbuch» im halb aufgebauten Zelt Schatten, ich schwinge mich, wiewohl erschöpft und hungrig nach der Tagestour, mit der defekten Stange aufs Rad, ab nach Biel. Eine coupierte Zusatzschlaufe. Nein, wird mir beim Grossverteiler in der Innenstadt beschieden, eine Sportabteilung gebe es hier nicht mehr. Da müsse ich schon nach Brügg ins Centre … «Nach wo?», keuche ich, und ich muss dabei verzweifelt ausgesehen haben.

Zusatzschlaufe. Hinaus nach Brügg, Nähe Autobahn. Unwirtliche Gegend, für Radfahrer ungeeignet. Vor dem Eingang lümmeln Punks mit Kampfhunden, drinnen erwartet mich eine Mall amerikanischen Zuschnitts. Riesig! Endlich stehe ich im Outdoor-Rayon am Kundendienst. Gefasst erklärt mir ein Herr, das dürfe tatsächlich nicht passieren, er werde gern dafür sorgen, dass mir die Stange in drei, vier Wochen ersetzt … «Nein!», platze ich dazwischen, «nein, Herr-ääh …» Tami, ich kann das Schildchen nicht lesen, entziffere irgendwie B-e-a-t und spreche es englisch aus, ich Affe … «Nein, Herr ‹Biiti› … » – «Beati», korrigiert er seelenruhig, «Ahmed Al Beati.» – «Beati, meinetwegen. Nicht in drei Wochen, Herr Al-Dingsbums, sondern jetzt. Mein Bub sitzt allein in einem halb aufgebauten Zelt am See. Ich brauche die Stange jetzt! Verstehen Sie?»
Und nun geschieht Wundersames. Unklar, ob es bare Kundenfreundlichkeit ist oder – so verschwitzt und garstig und hochrot und kurz vor dem Explodieren, wie ich vor ihm stehe – eher sein inneres «Wie werde ich den Kerl bloss am schnellsten und mit geringstmöglichem Schaden fürs Unternehmen wieder los?», jedenfalls schreitet Herr Al Beati stracks zum Regal mit den Zelten, zupft aus einer Verpackung die fragliche Stange, reicht sie mir und wünscht einen schönen Abend.

Den hatten wir. Hans, der sein Taschenbuch längst nur noch halb so lustig fand, baute im Nu das Zelt fertig, im Dämmerrot bereiteten wir danach auf dem Gaskocher mit der einen Pfanne, die wir dabeihatten, Macaroni zu, und es waren die besten Macaroni meines Lebens.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli