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26. Mai 2014

Ein Millionär ganz unten

Urs Baumann verlor innert kürzester Zeit 12 Millionen Franken. Aber deshalb ist er keineswegs verbittert.

Urs Baumann
Urs Baumann: Früher dutzendfacher Millionär, heute auch mal Strassenwischer.

Vom Fenster her klimpert ein japanisches Windspiel beruhigende Klänge in den Himmel über Zürich-Schwamendingen. Wo der Mann sitzt, im Schatten unter Efeu, ist ein kleines Paradies. Eines mit hoch gewachsenem Schilf, mit Himbeeren, Zwetschgenbaum, Haselnussstauden und einem Gemüsegarten mit Fenchel und Rüben, Kohlrabi und Sellerie. «Im Sommer», sagt der Mann, «bin ich mit Gemüse Selbstversorger. Der Garten macht mir Spass, auch wenn er mit viel Arbeit verbunden ist. Man könnte jeden Tag jäten.»

Das Areal – teilweise ein sympathischer Dschungel – ist 5100 Quadratmeter gross. Das Häuschen darauf diente früher einem Bankdirektor als Sommerfrische. Die Hecke steht unter Naturschutz. Das Grundstück liegt ausserhalb der Wohnzone. Deshalb darf der Mann hier nicht übernachten.

Tiefer Fall

Der Mann heisst Urs Baumann. Er hat Jahrgang 1948 und war einst Millionär. Mit 22 verdiente er in ein paar Monaten 110'000 Franken. Aber das war vor mehr als 30 Jahren. Er fuhr Rolls-Royce, Ferrari, Mercedes. Heute kann er sich kein Auto mehr leisten. Seine Vergangenheit zu skizzieren benötigt drei A4-Seiten, dicht beschrieben. Aus dem Lebenslauf: «An meinem 40. Geburtstag hatte ich eine glückliche Familie, ein schönes Heim und genügend Geld, ein Vermögen von 12 Millionen, sowie ein Jahreseinkommen von über einer Million Franken. Also eigentlich alles, was ein Mensch sich wünschen kann, um sich zur Ruhe zu setzen. Ein bisschen zu früh, dachte ich.»

Später kaufte er teure Jachten in den USA, liess sie an die Adria überführen und vermietete sie an der kroatischen Küste. Dann fielen Granaten auf Ex-Jugoslawien. Das Geschäft war im Eimer. Urs Baumann gründete Handels- und Immobilienfirmen, engagierte sich in der Gastronomie und in der Fussballbranche. Anfang des letzten Jahrzehnts machten ihm aber äussere Umstände – hohe Hypothekarzinsen, eine miese Wirtschaftslage, die Scheidung von seiner Frau – das Leben schwerer und das Portemonnaie leichter.

Seine Firmen machten Konkurs, seine Liegenschaften wurden versteigert. Eine Zeit lang konnte er die vom Gericht gesprochenen 15'000 Franken Alimente an seine geschiedene Frau noch bezahlen. Dann reichte es plötzlich für nichts mehr. «Heute», seufzt der Mann, «muss ich mir jeden Stutz vom Mund absparen. Es ist halt ein anderes Leben.»

Der Ex-Millionär beim Anbringen der Schilder
Der Ex-Millionär beim Anbringen der Schilder an den Bahnwagen.

Dieses ist ein paar Stufen bescheidener als früher. Eine Weile war er bei der Wagenreinigung der SBB: «Wer die WC-Tour hatte, verdiente 1.60 Franken mehr pro Stunde.» Baumann ist heute noch bei den SBB tätig, als Mitglied des Reservationsteams, für 24 Franken die Stunde. Er muss international fahrende Züge mit den Tafeln des Ziels versehen: Hamburg, Venedig, Paris... Für ihn bleiben die Ziele ein unerreichbarer Traum. Jeden Monat schreibt er mindestens acht Bewerbungen. Damit tut er sich schwer, denn: «Ich kann kaum einen Brief in den Computer ‹töggelen›. Früher hatte ich dafür eine Sekretärin.»

Urs Baumann bringt an Zügen die Tafeln mit den fernen Destinationen an. Er ist zuversichtlich, dank der positiveren Konjunkturlage bald einen Job zu bekommen. Am liebsten wieder im Immobiliensektor. «Der liegt mir, ich bin ein guter Verkäufer, habe Häuser an den Mann gebracht, die eigentlich gar nicht verkäuflich waren», schmunzelt er.

Müllmann nach Street Parade

«Manchmal wäre es schon schön, ich hätte wieder etwas mehr Geld», sagt der Mann, und zieht genüsslich an seiner Zigarre. Eine leistet er sich noch jeden Tag. «Sechs Franken – irgendwas muss man sich ja noch gönnen, gell.» Wofür fehlt ihm denn das Geld? «Um mit meinen beiden Kindern, sieben und neunjährig, mehr zu unternehmen, um wieder Kultur wie Theater zu geniessen, um mit einem eigenen Auto mobiler zu sein.»

«Wer wenig verdient, muss mehr arbeiten.» Er sagt es ganz ohne Verbitterung. Deshalb nahm er auch noch das Angebot an, um Mitternacht nach der Steet Parade als Strassenwischer die Zürcher Bahnhofshalle vom Unrat zu befreien. Dabei erhielt er spontan von zwei heimkehrenden jungen Burschen je einen Fünfliber. Das Trinkgeld hat ihn gefreut – ihn, den Ex-Millionär.

Ein Flugzeug donnert über Schwamendingen hinweg. Baumann blickt hinauf zum Himmel, dann zurück in die Vergangenheit.«Ferien kann ich mir nicht mehr leisten. Aber ich habe kein langweiliges Leben gehabt.» Urs Baumann hat das Lachen nicht verlernt. Er macht nicht den Eindruck eines unglücklichen Mannes.

Dieser Artikel wurde erstmals am 23. August 2004 publiziert.

Autor: Carl Bieler

Fotograf: Marvin Zilm