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05. Januar 2015

«Ein Mensch ohne Wurzeln fliegt»

Madeleine Schadegg-Rück ist das uneheliche Kind eines Polen, der im Zweiten Weltkrieg in Winterthur interniert gewesen ist. Eine Anzeige im Migros-Magazin führte sie auf seine Spur. Ihre Suche hat sie in einem rührenden Buch verarbeitet.

Madeleine Schadegg-Rück
Madeleine Schadegg-Rück in ihrem Wohnzimmer in Stäfa ZH.

Das Buch heisst «Spuren – von einer Vatersuche und Millionen nahtloser Strümpfe». Madeleine Schadegg-Rück, vor 72 Jahren in Zürich geboren, hat es im Eigenverlag herausgegeben. Es ist das Resultat einer lebenslangen Sehnsucht – der nach dem Vater, den sie nie kennenlernen durfte.

Da war nur dieser Zettel, den ihr die Mutter in die Hand drückte, als sie mit 19 Jahren von zu Hause auszog, aus der dunklen Wohnung in Zürich, die sie mit ihrer zeitlebens partnerlosen Mutter und ihrer dominanten, geschiedenen Grossmutter teilte. Auf dem Zettel stand in Französisch: Bernard Giberstein, geboren am 26. Mai 1916, ledig, polnischer Jude. Dazu die Namen seiner Eltern und die Information, dass er Agronomie studiert und das Internierungslager in Winterthur am 5. Mai 1942 verlassen hatte. Destination unbekannt.
Auch das kleine Foto von dem Mann, der laut ihrer Mutter der Vater ist, hat sie damals zum ersten Mal gesehen. Es zeigt einen attraktiven, freundlich wirkenden jungen Soldaten inmitten einer Gruppe anderer Männer in Uniformen. Madeleine Schadegg-Rück schreibt im Buch darunter: «Polnische Internierte; mein Vater oben links mit Schnauz.»

Heute ist das uneheliche Einzelkind selber Mutter und Grossmutter. Sie ist nicht im Besitz eines DNA-Tests, der die Vaterschaft von Bernard Giberstein zweifelsfrei belegen könnte. Aber ihr Aussehen und das ihres jüngeren Sohns sind starke Indizien. «Absolut keinen», lautet denn auch ihre Antwort auf die Frage, ob es für sie noch einen Hauch von Zweifel an der Identität ihres Vaters gebe. Seit Längerem bemüht sie sich nun, mit der Familie ihres Vaters, die in Paris lebt, in Kontakt zu treten, insbesondere mit den beiden Halbbrüdern. Aber bis vor Kurzem haben sie jeden Kontakt abgeblockt. «Vielleicht befürchten sie, dass ich mit Geldansprüchen komme, obwohl ich immer wieder geschrieben habe, dass mich das nicht interessiert. Oder es ist wieder ein Ignorierenwollen der Realität. Ich scheine von Lebenslügen umgeben: Die Mutter liess mich meine ganze Kindheit und Jugend im Glauben, der Vater sei verschollen, und jetzt, da ich den Vater und seine Familie gefunden habe, tut diese so, als gebe es die Schweiz im Leben meines Vaters nicht.»

Auch sonst war es keine leichte Kindheit

Madeleine Schadegg-Rück wuchs mit ihrer Mutter und Grossmutter auf.
Drei-Frauen-Haushalt: Madeleine Schadegg-Rück wuchs mit ihrer Mutter und Grossmutter auf.

Die 72-Jährige macht nicht den Eindruck einer verbitterten Ausgestossenen, ganz im Gegenteil: Sie wirkt offen, neugierig und unternehmungslustig. Aus ihrer Stube in Stäfa haben sie und ihr Ehemann, mit dem sie seit ihrem 19. Lebensjahr zusammen ist, freie Sicht auf den Zürichsee, bei schönem Wetter würde die Sonne das Wohnzimmer durchfluten.
Sie erzählt von ihrer Kindheit: Die ersten Monate getrennt von der Mutter («Sie durfte mich nicht nach Hause nehmen»), keine zwei Jahre später musste sie als Kleinkind ins Sanatorium: Tuberkulose. Zwei Jahre war sie von der Mutter dieses Mal getrennt. Später wird sie, inzwischen wohnen Mutter, Grossmutter und sie in einem Drei-Generationen-Haushalt zusammen, von der Grossmutter mit harter Hand erzogen. Die Mutter arbeitet, um alle drei zu ernähren. Und wenn die Last zu gross ist, sagt sie ihrem Töchterchen auch mal, dass es ohne es einfacher wäre, dass sie hätte heiraten und eine Familie gründen können ohne es, das Mädchen. Das müssen verzweifelte Momente gewesen sein, denn die Tagebucheinträge von Madeleines Mutter zeugen von einer liebenden Frau.

In der Schule ist die vife Madeleine nicht gut, es wundert sie nachträglich nicht, sie arbeitete später als Therapeutin mit Erwachsenen, vor allem im Familienbereich: «Wenn es ein Kind sehr hart hat im Leben, kann es in der Schule nicht gut die nötige Konzentration aufbringen.» Als Teenager wäre es für Madeleine an der Zeit, zu rebellieren, aber da gerät sie, «stockkatholisch», an einen Priester, der ihre Vatersehnsucht missbraucht. Sie kann sich aus eigener Kraft befreien. Es folgen glückliche Jahre mit ihrem späteren Ehemann. Sie bekommen zwei Söhne und ziehen nach Stäfa.

Schadegg-Rück war 36 Jahre alt, als es ihr plötzlich schlecht ging. «Alles war aus den Fugen, von der Gebärmutter über die Schilddrüse bis zum Rücken, Letzterer war am schlimmsten.» In der Kur sagte ihr ein Psychosomatiker, sie müsse ihre Seele anschauen, dann würde sie wieder gesund.

Das Migros-Magazin hat mir bei der Suche nach meinem Vater sehr geholfen.

Das nahm sich die junge Frau zu Herzen, sie fing eine Therapie an und liess sich schliesslich selber zur Therapeutin ausbilden. Ab da ging es weiter mit der Vatersuche – und aufwärts.
Bis zu dem Tag, an dem sie realisierte, dass ihr Vater bereits tot war. Das war ein Schock für die Forscherin in eigener Sache – bis dahin hatte sie geglaubt, ihren Vater noch kennenzulernen. Jetzt hatte sie ihn endgültig verpasst.

Die pensionierte Gestalttherapeutin neigt nicht zum Weinerlichen, auch die Sprache in ihrer Biografie ist sachlich. Und dennoch können Tränen kullern beim Lesen des Buchs, das für sie ein langer Prozess war. Sie habe es für ihre Kinder und die Enkelin geschrieben, sagt Madeleine Schadegg-Rück, und ein bisschen auch als Vermächtnis, «damit die andern eine Ahnung davon haben, wie das Leben damals war – meines, das meiner Mutter und Grossmutter, das in Zürich. Und das der internierten Polen, wie mein Vater einer war.»

Wer den internierten Polen zu nahe kam, dem drohte Gefängnis

Rund 13 000 polnische Soldaten, eine ganze Armee, flüchteten während des Zweiten Weltkriegs von Frankreich her über die Schweizer Grenze und wurden von den Behörden interniert. Alsbald erregten einige von ihnen die Gemüter mancher Frauen und in der Folge auch der Schweizer Männer: besorgt und eifersüchtig waren sie. Nach dem zunächst offenen Empfang musste die Zivilbevölkerung ab dem 1. November 1941 auf Distanz gehen. Unter anderem verboten war: den Internierten Geld, Kleider oder rationierte Lebensmittel zu geben, ihnen Fahrkarten zu kaufen, man durfte ihnen auch nichts abkaufen, und überhaupt galt es, den fremden Gästen in keiner Weise zu nahe zu kommen. Sonst drohte Gefängnis.

Die Internierten durften zwar studieren, aber sie mussten in den Semesterferien auch hart arbeiten, «Polenwege» in der ganzen Schweiz zeugen noch heute davon. Und im Kanton Glarus gibt es den Weiher auf dem Sulzboden ob Näfels – auch Bernard Giberstein hat daran gebaut, ein Foto zeigt ihn bei den Arbeiten.

Mein Vater, das Phantom, war ein berühmter Mann, ein Erfinder und Mann von Welt!

Was später aus diesem Bernard Giberstein wurde, erfuhr Madeleine Schadegg-Rück dank eines Aufrufs im «Brückenbauer» (heute Migros-Magazin») in der Rubrik «Einer weiss es sicher»: Ein ehemaliger Migros-Einkäufer, der Giberstein beruflich kennengelernt hatte und ein Freund von ihm wurde, meldete sich. Die Autorin erfuhr: «Mein Vater war ein berühmter Mann. Er war es, der die Damenstrumpfhose ohne Naht erfand.» Giberstein gründete die Marke Dim, die Strümpfe gingen millionenfach über den Ladentisch. Ihr Vater, das Phantom, ist ein Erfinder und Mann von Welt!

Auf der langjährigen Suche nach ihrer Identität ist die Frau, die in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen ist und lange eine Daseinsschuld mit sich trug, einen grossen Schritt weitergekommen. Aber noch nicht weit genug. Jetzt will sie ihre beiden Halbgeschwister kennenlernen, «und von ihnen mehr über meinen Vater erfahren, um meiner Identität noch näher zu kommen.» Denn ohne Wurzeln, sagt die ewig Suchende, «fliegt der Mensch».

Nachdem sie ihren Pariser Verwandten Unterlagen und Fotos zu ihrem Buch geschickt hatte, erhielt sie kurz vor Weihnachten endlich die ersehnte Antwort: Ihr Halbbruder Daniel Giberstein will sie treffen – so rasch wie möglich. Bereits im Januar wird er sie besuchen. «Ich bin sehr glücklich, ein wunderbares Weihnachtsgeschenk!»

Das erste Bild, das Madeleine Schadegg-Rück vom Vater (obere Reihe ganz links) besass
Das erste Bild, das Madeleine Schadegg-Rück vom Vater (obere Reihe ganz links) besass.

Diese beiden Fotos aus den frühen 40er-Jahren waren alles, was Madeleine Schadegg-Rück von ihrem Vater besass.

Auf dieser Aufnahme schaut ihr Vater in der Mitte gegen die Kamera
Auf dieser Aufnahme schaut ihr Vater in der Mitte gegen die Kamera.


Madeleine Schadegg-Rück: «Spuren – Von einer Vatersuche und Millionen nahtloser Strümpfe».
Zu bestellen bei der Autorin: madeleine.schadegg@goldnet.ch

Autor: Esther Banz

Fotograf: Tanja Demarmels