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05. September 2016

Ein Mann zeigt Flagge

Daniel May hisst für jeden Anlass die richtige Fahne. Als Verantwortlicher für die internationale Beflaggung beim Bund weiss er aber auch mit einem Bügeleisen umzugehen.

Daniel May
Daniel May bereitet die Berner Kaserne für den Besuch eines polnischen Generals vor.

Dunkelrot und feierlich liegen die sieben Meter Teppich vor dem Hauptportal der Berner Kaserne. Die Chromständer mit den dicken Kordeln und die Blumentöpfe sind an ihrem Platz. Daniel May (47) macht ein paar Schritte zurück, sein Kontrollblick ist scharf: Ja, Symmetrie und Abstände stimmen. Nun noch die Fahnen über dem Portal. «Zuerst hänge ich auf der rechten Seite die Schweizer Fahne auf, danach die polnische», erklärt May. «Die Gastfahne kommt vom Betrachter aus gesehen immer links von der Nationalfahne hin.»

Der polnische General Mieczyslaw Gocul ist auf Arbeitsbesuch. Keine grosse Sache, doch der Empfang muss würdig sein, jedes Detail stimmen. Für Daniel May kein Problem: Das Flaggeneinmaleins kennt der Fahnenmanager aus dem Effeff, nur in seltenen Fällen muss er das 80-seitige Flaggenreglement der Schweizer Armee konsultieren.

Daniel May im Fahnenlager
Daniel May im Fahnenlager: Mehr als 3000 Flaggen werden hier aufbewahrt.

Daniel Mays Reich ist das Fahnenlager im Bundesamt für Bauten und Logistik in Bern (BBL). 2500 Fahnen plus 800 Tischfahnen werden dort aufbewahrt, verteilt auf 357 Schubladen. China füllt drei davon, Portugal braucht sechs. Für Pazifik-Länder wie Tuvalu wiederum ist eine einzige viel zu gross. Alle Fahnen haben eine eigene Nummer, geordnet sind sie weder nach Alphabet noch nach Geografie. «Es gibt kein System», sagt der Verantwortliche Bereich Infrastruktur und Anlässe – so Mays offizieller Titel – mit einem verschmitzten Lächeln. «Diese Sammlung ist nach und nach entstanden.»

Teppich, Fahnen und Ständer
Von jedem Land gibt es mindestens eine Fahne, ein Meter auf einen Meter fünfzig; alle Exemplare passen auf die Stehmasten mit Füssen, die bei Anlässen jeweils beflaggt im Hintergrund aufgestellt werden.
Das wird immer häufiger gewünscht, denn die schön drapierten Landesfahnen machen sich gut auf Fotos.

Auch heute stehen mehrere Stück davon bereit, um am nächsten Tag ins Bundeshaus West gebracht zu werden. «Für die Beglaubigung von Botschaftern, die etwa sechsmal pro Jahr stattfindet», erklärt Daniel May. So richtig interessant sind für den Fahnenmanager die unvorhersehbaren Sondereinsätze. Wie im Juni, als der indische Premierminister Narendra Modi auf eine Stippvisite nach Genf kam: am späten Abend Landung mit dem Jumbojet, Fahrt ins Hotel, Arbeitsfrühstück, Sitzung, Pressekonferenz, am Mittag wieder Abflug. Überall mussten roter Teppich, Fahnen, Ständer mit Kordeln, Blumen und Tischfähnchen zur richtigen Zeit am richtigen Ort in richtiger Zahl platziert sein.

Ein Mann für alles
Ein Mann für alles: May ist auch für rote Teppiche und Blumen zuständig.

Diesmal war der Vorlauf sehr knapp: «Wir hatten erst zwei Tage zuvor davon erfahren», sagt May. Gut, dass er genug indische Fahnen und Fähnchen hatte, und zum Glück war die Landesflagge auch nicht modifiziert worden. «Das ist meine grösste Sorge: dass eine Fahne sich verändert hat und unser Exemplar nicht mehr stimmt», so der Oberaargauer. Darum überprüft er die Richtigkeit doppelt und dreifach, vor allem bei eher unbekannten und komplizierten Flaggen.
Als etwa im Mai der König von Bahrain zu Besuch kam, gab es ein langes Hin und Her zwischen Daniel May und den zuständigen Protokollen, dem EDA-Protokoll und dem Protokoll von Bahrain in Paris. «Wir mussten abklären, ob dem König die offizielle Landesfahne recht ist oder ob er seine persönliche Variante bevorzugt, auf der zudem eine Krone aufgedruckt ist.» Einen «betupften» König kann und will sich die Eidgenossenschaft nicht leisten.

Ganz dicht dran an den Politpromis
Der gelernte Schreiner arbeitet schon seit 17 Jahren beim BBL und ist Schritt für Schritt in seine Aufgabe hineingewachsen. Dank seiner Erfahrung wurde er erst zum Stellvertreter des Flaggenchefs befördert, dann bekam er den Topjob – der May die Möglichkeit gibt, kreativ zu sein. So hat er den Fahnenabstandhalter erfunden, der dafür sorgt, dass die Stoffe an den Stehmasten in schöner Dreiecksform hängen. Und er hat einen Wagen konstruiert, auf dem sich die alltägliche Grundausrüstung leicht verstauen und transportieren lässt.

Zurzeit liegen zwei der vier grössten Fahnen des Bundeshauses bei Daniel May im Lager. «Sie müssen repariert respektive ersetzt werden.» Die 13 Meter langen Stoffteile, die am 1. August, am Neujahrsempfang und bei Staatsempfängen an den Ecken der Bundeshauskuppel gehisst werden, sind zerschlissen. Kein Wunder: «Dort oben wehen die Winde mit unglaublicher Kraft», erklärt May.

Und immer wieder ist May ganz dicht dran an den hohen Gästen. Er hat sie in den vergangenen 17 Jahren alle aus wenigen Metern Entfernung gesehen: Merkel, Hollande, Geun-hye, Napolitano, Juan Carlos I. In
besonderer Erinnerung hat er den Besuch des russischen Präsidenten in Kehrsatz BE, wo sich das Landgut Lohn, das Gästehaus des Bundesrats, befindet. Helikopter schwirrten in der Luft, Dutzende von Security-Leuten waren im Einsatz, der Konvoi bewegte sich im Schritttempo.

«Medwedews Limousine hielt genau vor mir», erzählt Daniel May mit leuchtenden Augen. «Der russische Präsident winkte – ich winkte natürlich zurück.» Ein unvergesslicher Moment für May; er lacht.
Der Alltag hat ihn wieder: Daniel May muss noch fünf Länderfahnen bügeln, damit er sie perfekt an den Masten drapieren kann.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Michael Sieber