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14. Mai 2012

Ein Mann erlebt sein blaues Wunder

Als einer der ersten Menschen will Ernst Bromeis im Mai den Rhein von der Quelle bis zum Meer durchschwimmen. Der Grenzschwimmer und Wasserbotschafter möchte mit dem 1232 Kilometer langen Abenteuer keinen neuen Rekord aufstellen, sondern die Menschen für die Schönheit des Wassers begeistern.

Ernst Bromeis bei der Durchquerung des 
Lac Léman 
zwischen Nyon und Genf, 2010.

Das hier ist kein Wellnesstrip», sagt Ernst Bromeis, nachdem er in Reichenau GR dem sechs Grad kühlen Rhein entstiegen ist. «Das Bergwasser ist eiskalt, es hat Steine, die Strömung ist enorm stark. Im Fluss spüre ich die Kraft des Wassers am ganzen Körper», sagt er. Ein Neoprenanzug bewahrt den 44-Jährigen vor Unterkühlung; Helm, Rückenprotektor und Beinschoner schützen vor den Steinen, die wie Prellböcke aus dem niedrigen Wasser ragen.

Der Bündner hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Er will von der Quelle des Rheins bis zum Meer schwimmen – 1232 Kilometer weit. Eingetaucht ins Rheinabenteuer ist er am 2. Mai. Sein Helferteam hat ein fünf mal zwei Meter grosses Loch aus der Eisdecke des Tomasees beim Oberalppass gesägt. Startpunkt auf 2345 Metern über Meer. Hier wagte er einige Züge durch das eisige Wasser. Er wollte sein Abteuer unbedingt schwimmend beginnen. Danach musste Bromeis auf Skier umsteigen, auf denen er über das noch zugeschneite erste Teilstück talwärts gleitete. Erst in Richtung Ilanz war es möglich, im Vorderrhein zu schwimmen. Von der Quelle bis zur Mündung des Rheins in Hoek van Holland bei Rotterdam sind es 27 Tagesetappen von durchschnittlich jeweils 50 Kilometern Länge, die Ernst Bromeis mithilfe der Strömung zurücklegen will. Dazwischen gönnt er sich drei Ruhetage. Ende Mai will Bromeis im Meer ankommen. «Ich schwimme so lange, bis ich Salz auf der Zunge spüre.»

Ernst Bromeis wuchs im Engadin auf und lebt heute mit seiner Familie in Davos. Er trainierte Schweizer Spitzentriathleten, machte sich vor fünf Jahren als sogenannter Wasserbotschafter selbständig und startete das Projekt «Das blaue Wunder». 2008 schwamm er durch 200 Bündner Seen, 2010 durchquerte er in jedem Kanton den jeweils grössten See. Der kalte Rhein war bis anhin seine grösste Herausforderung. Was treibt ihn an? Ein Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde sei es nicht.

Das Wasser ist sein Element: Ernst Bromeis posiert bei der Oberen Au in Chur am Rhein.
Das Wasser ist sein Element: Ernst Bromeis posiert bei der Oberen Au in Chur am Rhein.
Damit er sein Projekt schwimmend starten konnte, wurde für Ernst Bromeis ein fünf mal zwei Meter grosses Loch in den zugefrorenen Tomasee gesägt.
Damit er sein Projekt schwimmend starten konnte, wurde für Ernst Bromeis ein fünf mal zwei Meter grosses Loch in den zugefrorenen Tomasee gesägt.

«Schaut auf den Fluss und nicht auf mich!», ruft er den vielen Fans in Reichenau zu. «Der Fluss ist das Wichtige, nicht ich!» Er will die Menschen auf das Element Wasser aufmerksam machen, ihnen bewusst machen, dass es eine endliche Ressource und nicht unbeschränkt verfügbar ist. «Der Rhein versorgt uns mit allem, was wir zum Leben brauchen – bis zum Überfluss. Geht achtsam mit seinem Wasser um!»

Müde von der Tagesetappe im sechs Grad kalten Wasser, reibt er sich in Reichenau die Augen. Neun Stunden lang war er an diesem Tag unterwegs. Alle zwei Stunden machte er an Land eine Pause, wärmte sich mit Tee auf, trank Sportlerdrinks. Abends erhält er Massagen – ein Physiotherapeut ist fester Bestandteil des Teams, das ihn begleitet.

Mit Ernst Bromeis fiebern Tausende mit. Sein Hauptsponsor, Schweiz Tourismus, hat seine diesjährige Sommerkampagne unter das Motto «Schweiz – Land des Wassers» gestellt.

Ich schwimme so lange, bis ich Salz auf der Zunge spüre.

Dass Wasser immer knapper werde, müsse auch die Schweiz noch begreifen. Mit der Klimaerwärmung steigt die Permafrostgrenze; die Gletscher schmelzen, sodass Wasser auch in den Alpen knapper wird. Viele Gemeinden würden sich in Zukunft darüber streiten, ob sie das vorhandene Wasser für Kunstschnee, für Wasserkraft oder für die Mineralwasserindustrie verwenden wollten, sagt der Wasserbotschafter voraus.

Den Bodensee hat Bromeis hinter sich gelassen. Der Rheinfall, den er auf dem Landweg passiert hat, ebenso. Den tosenden Wasserfall zu durchschwimmen, wäre lebensgefährlich gewesen. Der Wasserbotschafter ist im Hochrhein in Richtung Nordsee unterwegs, begleitet von einem Boot der Schweizer Rettungsschwimmer. Am Hafen in Rotterdam wird ihn ein ehemaliger Profilotse an Frachtkähnen, Grossfähren und Ozeandampfern vorbeimanövrieren. Falls er es bis dorthin schafft. «Es gibt keine Garantie, dass es klappt», sagt er. Das letzte Mal wird Ernst Bromeis nicht ins blaue Wunder eingetaucht sein. Sein Projekt geht weiter. Im Bündnerland will er ein Wasserzentrum gründen − einen Think Tank, ähnlich dem World Economic Forum (WEF), wo Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik sich austauschen und Forscher gemeinsam nach Lösungen rund ums Wasser suchen. «Denn es ist unser aller Lebenselixier.»

www.myswitzerland.com/blue

www.dasblauewunder.ch

Autor: Daniela Schwegler

Fotograf: Samuel Trümpy, Andrea Badrutt