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10. Februar 2014

Ein Leben lang Schoggi

Ich muss von Mike erzählen! Der Mann ist famos. Seit 28 Jahren arbeitet er in der Schoggifabrik,und dort habe ich ihn besucht. Dieser Duft,schon draussen! Man purzelt an einem graunebligen Wintertag irgendwo im Aargau aus dem Bus, die Haltestelle heisst «Industrie»–und schonsteigt einem der Duft von Schokolade in die Nase. Rundherum Asphalt und Beton, dazu dieser Nebel und der starke Duft… Die Szenerie hat etwas Bizarres. Aber dann kam ja Mike. Mike Carlin, 54-jährig, festes graues Haarunter der Hygienehaube, begrüsst mich mit einem schallenden Lachen. Und ich merke auf Anhieb: Er ist ein Herzensguter.

Mike Carlin (links) und Hausmann
Mike Carlin (links) und Hausmann Bänz Friedli.

Schüchtern und jovial, zuvorkommend und zurückhaltend zugleich, führt er mich durch verschlungene Gänge, Kühlhallen und Fabrikationsstrassen, zeigt mir, wie Schoggihasen in der Kunststoffform maschinell gerüttelt und gedreht werden, bis sie innen hohl sind, lässt mich hier ein Praliné naschen und langt dort aufs Förderband, um mir einen gussfrischen Mahony-Riegel anzubieten. Und immer wieder dieses Lachen! Je verlegener Mike ist, desto lauter lacht er. Wuchs als Sohn irischer Einwanderer in Schottland auf, führte noch kurze Zeit das elterliche Hotel, zog aber das Rucksackreisen vor, lernte in einem Kibbuz in Israel seine grosse Liebe kennen– und die war Schweizerin.«Dursch dä Liäbi» sei er hierhin gelangt, als Saisonnier zunächst. Er arbeitete auf dem Bau. «Abr Baustellä isch nit mii Sach», sagt er mit seinem rührend drolligen Akzent. «Mi Aggsänt bringi nit wägg», lacht er, wissend vermutlich, dass man ihn gerade auch deshalb mag. 1986 kam Mike zu Chocolat Frey, schob zuerst Nachtschichten, sechsmal pro Woche. Kaum eine Charge im Betrieb, die er seither nicht bekleidet hätte. Heute ist er Teamleiter, unter anderem zuständig für spezielle Verpackungen, «mit Mäschäly unn so»,wie er sagt.«Manchmal,wenn ich am Wochenende etwas in der Fabrik zu erledigen hatte, nahm ich unsere beiden Kinder mit – und sie stürzten sich sogleich auf den Besuchertisch voller Schoggi», erzählt er.«Daheim schimpfte meine Frau dann, weil sie keinen Appetit aufs Abendessen mehr hatten…»

Als Mike hier anfing, wurden die Mengen der Zutaten noch mit Bleistift notiert. Nun wähnt man sich in einem Hochsicherheitstrakt; überall Hi-Tech, Automatik, elektronisch verriegelte Türen. Und dann, plötzlich, stehen wir vor Tank Nummer 2020, beschriftet mit «Giandor» – für mich als Migroskind Inbegriff von Schoggi, ich muss davon schon eine Tonne verzehrt haben. Aber nun, da ich vor diesem turmhohen Silo stehe, gefüllt mit Abertonnen flüssiger Giandor, die darauf wartet, in Tafeln gegossen zu werden… nun nimmt sich meine Tonne bescheiden aus. Täglich verlassen eine halbe Million Schokoladetafeln das Werk, Chocolat Frey ist mit nahezu 40 Prozent Marktanteil die Nummer eins in der Schweiz. Und beliefert Anbieter auf allen Kontinenten. Kann sein, dass Anna Luna in einem Supermarkt in Kentucky auf hiesige Frey-Schoggi stösst, nur steht dann nicht «Frey» drauf. Im Betrieb arbeiten 900 Personen aus 32 Nationen, aber nur ein Schotte: Mike; immer noch Schotte genug,um im Fussball die schottische Elf zu unterstützen, längst so verschweizert indes, dass er Roger Federer die Daumen drückt, wenn der gegen den Schotten Andy Murray antritt.

28 lange Jahre dieser Duft! Mike isst am Feierabend bestimmt keine Schokolade mehr? «Doch, doch», sagt er, «abends vor dem Fernseher nasche ich gern ein bisschen weisse ‹Tourist›.» Ich aber habe fürs Erste genug, denk ich mir – reisse dann aber schon auf der Heimfahrt eine der Tafeln auf, die Mike mir mitgegeben hat …

ANNA LUNA GOES WEST
Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA in einem Blog, wie es ihr fern von zu Hause ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Erfahren Sie, welche Schoggi Anna Luna vermisst. Zum Blog

Bänz Friedli live: 13.2. Ilanz GR, «Cinema Sil Plaz»

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli