Archiv
05. November 2012

Ein Leben für den Club

Sie lieben ihren Fussballverein über alles. Sie leiden, wenn es ihm schlecht geht, und machen Luftsprünge, wenn er siegreich ist. Sie sind Materialwart, Pfleger oder Teambetreuer – vor allem aber sind sie die gute Seele ihres Clubs.

Heinz Minder (YB) betreut 
die Kinder, die 
mit den Spielern ein
laufen
Vor dem grossen Auftritt: Heinz Minder betreut 
die Kinder, die 
mit den Spielern aufs Feld ein
laufen.

Meischter! Burgermeischter!», skandieren die Fans bei Spielen des FC Zürich in der Südkurve des Letzigrund-Stadions. Sie tun das immer dann, wenn ein beleibter Mann auf den Platz rennt, um einen verletzt auf dem Rasen liegenden Spieler zu pflegen. Der Ausruf ist eine Hommage an den Pfleger und soll sagen: «Mögen andere Meister werden, wir haben immer unseren Burgermeister.

Seit 37 Jahren ist der inzwischen 65-Jährige Hermann Burgermeister schon beim FCZ aktiv, als Pfleger und Materialwart und lange auch als Masseur. Burgermeister ist der Mann im Hintergrund – und ein Monument, die Verkörperung der Tradition.

Fussballer kommen, werden zu Stars, schwören, dass ihr Club der beste und einzige sei und dessen Fans sowieso einzigartig. Und im nächsten Moment sind sie weg, wechseln ins Ausland, wo die Bezahlung besser ist. In der Schweiz ist das Alltag, denn die Super League ist eine Ausbildungsliga.
Zurück bleiben die Fans – und eben jene altgedienten Funktionäre im «Staff», die schon da waren, als es diesen Begriff im deutschsprachigen Wortschatz noch gar nicht gab. Beim FC Basel ist dies Teamcoach Gusti Nussbaumer, beim FC St. Gallen Materialwart und Sponsorenbetreuer Franz Malara und bei den Berner Young Boys Heinz «Henä» Minder, der zum Beispiel Autogrammstunden organisiert.

Burgermeister, Malara, Minder – die «guten Seelen» vom Dienst
Diese Männer kamen als Fans in den Fussballbetrieb. Sie arbeiteten zunächst fast oder ganz unentgeltlich, wie das früher üblich war. Sie blieben ihren Clubs auch in schlechten Zeiten treu, etwa nach einem Abstieg. Damals wie heute tun sie das, was getan werden muss: den Spielern die Leibchen bereitlegen, Bälle wegräumen – oder den Hund eines Spielers spazieren führen. «Gute Seelen» werden sie genannt, weil sie stets da sind, beim Kosenamen gerufen, weil sie einem vertraut sind, selbst wenn man sie nicht persönlich kennt. Sie verkörpern im Fussball einen altmodischen Teil, der aber in Zeiten des ständigen Wechsels an symbolischer Kraft ge­wonnen hat und für den traditionellen Sportsgeist, für Begeisterung, Hingabe und Fairplay, steht.

«Ich habe die Young Boys in den Genen»

Heinz Minder organisiert für die Young Boys Autogrammstunden und betreut Kinder.

Heinz Minder trägt die rote Trainingsjacke der Young Boys, mit Sponsorenaufdruck und dem gelb-schwarzen YB-Emblem über dem Herzen. Sie ist mehr als bloss Arbeitskleidung. Minder hat, wie er sagt, die «Young Boys in den Genen». Als Bub besuchte er an der Hand seines Vaters, eines ehemaligen YB-Spielers, die ersten Matches. Später spielte er bei den YB-Junioren, ehe er zu unterklassigen Vereinen wechselte.

«1985 bin ich zurückgekommen zu YB», sagt er. Rechtzeitig, um beim Meistertitel 1986 und beim Cupsieg 1987, den bisher letzten Titeln der Berner, mitzufeiern. Minder besuchte einen Kurs für Masseure, betreute Spieler der zweiten Mannschaft und wurde bald zum Manager des Fanionteams. Er bestellte das Material, organisierte die Reisen, war immer dabei. «Mit den Spielern war es sensationell. Und am Ende einer Saison gabs jeweils Tränen, wenn wieder ein Spieler den Klub verliess», sagt Heinz Minder. «Sehr schlimm» war dann der Abstieg 1997. «Vielleicht war der aber gut, so konnten wir uns in Ruhe wieder aufbauen.» Er denkt positiv.

All die Jahre arbeitete er beim kantonalen Amt für Jugend und Sport, mit einem vollen Pensum. Wie das möglich war? «Ich begann jeweils früh und arbeitete mittags durch. So konnte ich um 16 Uhr gehen», sagt er. Aber funktioniert habe diese Doppelbelastung nur dank seiner Frau. «Sie ist fast noch mehr von YB angefressen als ich.»

Mit 63 liess er sich vom Amt pensionieren und bei YB anstellen. Vier Jahre lang kümmerte er sich vollamtlich um das Material. Dann wurde es ihm zu viel. Die kurzen Nächte nach den Auswärtsspielen, die «hängten an». Vermutlich ganz besonders jene Nacht im Mai 2010, als YB als Tabellenführer im zweitletzten Saisonspiel in Luzern 1:5 verlor. Im Film «Meisterträume – eine Berner Fussballgeschichte» ist er auf der Rückfahrt von jenem Match zu sehen. «Bleib doch jetzt verdammt noch mal positiv», sagt sein Materialwartkollege «Housi» Imboden. «Henä» entgegnet trocken: «Ich bin jetzt 25 Jahre lang positiv gewesen.» Mit diesem Satz wurde Minder für viele Fans zur Kultfigur.

Heute hat Minder, inzwischen 69, mehr Zeit für die Grosskinder und den Garten. Für YB arbeitet er noch zwei Tage pro Woche, organisiert Autogrammstunden und Benefizanlässe, an denen YB-Spieler zugunsten krebskranker Kinder Büchlein mit Gutenachtgeschichten verkaufen – geschrieben von Silvia, Minders Frau.

Und an jedem Heimspiel betreut Minder die Kinder, die mit den Spielern einlaufen. «Das ist das Schönste», sagt er.

«Für die Spieler bin ich wie ein Vater»

Franz Malara ist Materialwart beim FC St. Gallen und betreut auch die Sponsoren.

«Reden, damit eine gute Stimmung herrscht, das ist mein Job», sagt Franz Malara (64), eine Basketballmütze verkehrt herum auf dem Kopf tragend und immerfort redend. Er sagt: «Für die Spieler bin ich wie ein Vater.» Und: «Mein Herz ist grün-weiss» – wie die Trikots des FC St. Gallen.

«Er sorgt für Stimmung. Er hat immer gute Sprüche auf Lager», bestätigt Marco Mathys, Mittelfeldspieler bei den St. Gallern. «Er kann die Leute aufstellen mit seinem Humor», sagt Vizepräsident Michael Hüppi.

Doch eigentlich ist Franz Malara beim FC St. Gallen Materialwart. Leibchen richten, Hürden auf den Trainingsplatz bringen, Bälle waschen. Dafür ist er seit zwölf Jahren angestellt. Und er macht es gerne. Davor war er jahrelang nebenamtlich für den FC tätig – als Juniorentrainer, als Leiter der Fussballschule und als Assistenztrainer der U-17- und ­U-19-Teams. Hauptberuflich arbeitete er als Gästebetreuer in einem Kurhaus. «Ich bin gerne unter Leuten», sagt er. Gäbe es den FC nicht, wäre er Animator in einem Altersheim.

Aber er hat ja, was er als «Traumjob» bezeichnet. «Das Wichtigste ist, dass die Spieler glücklich sind», betont er. Dafür hütet er während des Trainings auch mal die Kinder oder den Hund eines Spielers.

An der Wand seines Materialraums hängen signierte Autogrammkarten zahlreicher aktueller und ehemaliger Spieler. Besonders stolz ist Malara auf die Karten der Ex-Missen Christa Rigozzi und Linda Fäh, die er an Anlässen des FC begrüssen durfte.

Franz Malara betreut nämlich auch Sponsoren. «Weil er so gut mit den Leuten umgehen kann und dann und wann jemanden dazu bringt, etwas für den FC springen zu lassen», wie Vizepräsident Hüppi sagt. So organisiert Malara das «333er Spiel». Das ist ein Anlass, bei dem während eines Essens Lose verkauft werden, um die Trainingslager zu finanzieren. Wie viel jeder Teilnehmer für das Essen bezahlen muss, entscheidet sein Los. Die Preise bewegen sich zwischen einem und 333 Franken.

Vor und nach den Spielen wirbelt Franz Malara als Betreuer von Sponsoren durch die Haupttribüne des St. Galler Stadions. Hier schätzt man sein Insiderwissen und seine Qualitäten als Unterhalter, der es versteht, selbst nach Niederlagen «für gute Stimmung zu sorgen», wie Andreas Feurer, Chef der Druckerei E-Druck und Gold-Sponsor, sagt.

Nächsten Sommer wird Malara 65 Jahre alt. Als Materialwart wird er dann zwar aufhören, aber die Sponsoren, die wird er weiterhin betreuen.

«Disziplin braucht es auch in der Garderobe»

Hermann Burgermeister ist beim FC Zürich als Materialchef und Pfleger lebenslänglich angestellt.

«Hermi – es anders Wort für Treui» stand auf einem grossen Transparent, das vor der Südkurve hing. Damals feierte Hermann Burgermeister sein 30-Jahre-Dienst­jubiläum als Masseur und Materialwart beim FCZ. Das war 2005. Sieben Jahre später ist er immer noch da und soeben 65-jährig geworden. Aber ans Aufhören denkt der AHV-Bezüger nicht, auch wenn er das Massieren inzwischen aufgegeben hat. Und vermutlich werde er nicht ewig als Pfleger aufs Feld rennen. Der FCZ hat ihn schon vor ein paar Jahren mit einem Vertrag auf «Lebenszeit» bedacht und soeben seine Memoiren veröffentlicht (siehe unten).

Materialchef Burgermeister gilt als extrem pflichtbewusst, ja, als einer, der für zwei arbeitet. Er kümmert sich um alles – von der Tenue­bestellung über die Balllagerung bis zum allmorgendlichen Früchteeinkauf für die Garderobe. Bei den Trainings und Spielen sorgt er dafür, dass alles rechtzeitig am richtigen Ort ist. Mancher Spieler, der etwas liegen liess, fing einen Rüffel von Hermi ein. «Will man Disziplin auf dem Platz, braucht man sie auch in der Garderobe», sagt der einstige Feldweibel.

Gleichzeitig ist Burgermeister darum bemüht, Spezialwünsche der Spieler zu erfüllen. Der eine trainiert lieber mit kurzem Trikot, der andere braucht einen Rollkragenpulli, weil er sonst friert. «Den Spielern die Wünsche von den Augen ablesen, damit sie sich auf den Fussball konzentrieren können», das sei sein Beitrag zum Erfolg des Teams. «Hermi ist mit dem FCZ verheiratet», spotten Kollegen über den Einsatz des Junggesellen.

Über Umwege war der gelernte Heizungsmonteur 1975 zum FCZ gekommen. Köbi Kuhn, der damalige Captain, setzte sich nach einer Probezeit für dessen Verpflichtung als Masseur ein. «Man kann sich den FCZ ohne Hermi gar nicht mehr vorstellen. Er gehört zu den Menschen, die einfach immer da sind, wenn man sie braucht», sagt der Ex-Nationalcoach heute. Burgermeister sei «wie ein enger Freund der Spieler» gewesen. «Mit ihm konnte man Spass haben.» Das gilt auch heute noch. Ein Sieg wird beim FCZ seit Jahren nach einem Ritual gefeiert: Die Spieler bilden auf dem Platz einen Kreis – in der Mitte tanzt Burgermeister.

Hermann Burgermeister und Michael Lütscher: «Meister! Burgermeister!». Das Buch gibts bei Exlibris für 28 Franken.

«Eigentlich bin ich ein Dienstleistungscenter»

Gusti Nussbaumer ist beim FC Basel fürs Organisatorische verantwortlich und doziert nebenbei an der ETH Zürich.

Einen «Organisationsgrossmeister» nannte ihn die «Basler Zeitung» mal. Gusti Nussbaumer schmunzelt. Nicht zuletzt deshalb, weil er sich schwertut, einen Begriff für seine Tätigkeit zu finden. Ein «Administrator» sei er nicht und ein «Manager» wolle er nicht sein. «Teamcoach» gefalle ihm am besten. Aber darunter verstehe man vielleicht etwas anderes, als das, was er tue.

«Ich halte dem Trainer und dem Staff den Rücken von Administrativem frei», sagt Nussbaumer, ein graumelierter, elegant gekleideter Mann von 60 Jahren. «Eigentlich bin ich ein Dienstleistungscenter», stellt er fest. Er organisiert die Reisen der ersten Mannschaft, bucht Hotels, sucht Testspielgegner. Oder er hilft einem Spieler bei der Wohnungssuche. Kürzlich hat er versucht, einen Apéro zu organisieren. Mittelfeldspieler Fabian Frei hatte ihn am Abend zuvor darum gebeten, weil er seine Vertragsverlängerung feiern wollte. «Die Spieler sind es gewohnt, dass immer alles möglich ist», sagt Nussbaumer. Doch diesmal musste er kapitulieren; er fand so schnell keinen Caterer. Hätte er mehr Zeit gehabt, wäre er gleich selbst Champagner und Chips kaufen gegangen. Doch das ging nicht, weil Nussbaumer in Zürich war.

Ein Basler in Zürich? Nussbaumer arbeitet zusätzlich an der ETH, doziert über Fragen der Raumplanung. «An beiden Orten habe ich mit Menschen zu tun, die vorwärtskommen wollen und leistungsbereit sind. Es gibt nichts Tolleres, als mit solchen Leuten zusammen-­­ zu­arbeiten», sagt der Junggeselle. Ausserdem schätze er den Gegensatz zwischen Logik und Analyse an der Hochschule und Schicksal und Emotionen im Fussball. Letztlich gebe ihm die Tätigkeit an der ETH auch finanzielle Sicherheit – beim FCB arbeitete er früher ehrenamtlich.

Als B-Junior war er in den 60er-Jahren dem Verein beigetreten. Früh verletzte er sich; er wurde Juniorentrainer, dann Juniorenobmann, sass später im Vorstand und war, als der FCB in der Nationalliga B kickte, Transferchef. Seit den späten 90er-Jahren ist er Teamcoach. Und das beinhaltet mehr als Organisieren: «Ein Gespür für die Probleme der Spieler zu haben, gehört dazu.» Sich Sorgen anzuhören, allfällige Anliegen beim Trainer vorzubringen, ohne den betreffenden Spieler zu diskreditieren.

«Die Spieler wussten, dass Gusti immer ein offenes Ohr für sie hatte», sagt Ex-FCB-Trainer Christian Gross. «Gusti ist eine gute Seele, ein ganz positiver Mensch und extrem hilfsbereit. Jeder Trainer wünscht sich, einen solchen Coach an seiner Seite zu haben.»

Autor: Michael Lütscher

Fotograf: Manuel Zingg