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05. Dezember 2016

Ein Lächeln für Flüchtlingskinder

Lorena Camenzind ist erst 11, aber in humanitärer Hilfe bereits ein alter Hase: Mit ihrer Spendeninitiative Refugeesmile sammelt die Winterthurerin Geld für jugendliche Flüchtlinge und erhält Lob von prominenter Stelle.

Hat gut lächeln: Lorena
Hat gut lächeln: Lorenas Kuchenstücke gehen weg wie warme Weggli.

Winterthur ZH, Quartier Neuwiesen in der Nähe des Bahnhofs: Lorena Camenzind (11) verkauft mit ihren Schulfreundinnen Yara (10) und Leni (11) an diesem schulfreien Nachmittag selbstgemachte Rüebli- und Schoggikuchen, Cupcakes, Brownies sowie Armbändeli. Die Mädchen, die sich seit dem Kindergarten kennen, sammeln für Lorenas Projekt Refugeesmile. Yara fragt: «Lorena, was sollen wir mit dem zu dünn geschnittenen Kuchenstück machen?» – «Auf keinen Fall selber essen», antwortet sie. «Verkauft es einfach als Letztes.»

Der kleine Tisch mit den Backwaren leert sich überraschend schnell. Einige Passanten verzichten gar aufs Wechselgeld. Und so kommen an diesem Nachmittag 248.85 Franken zusammen. Lorenas Eltern werden das gesammelte Geld, wie nach jeder Standaktion, an das Kinderhilfswerk Terre des hommes überweisen.

Angefangen hatte alles im Frühling 2015, als Lorena im Fernsehen Bilder von Flüchtlingen aus Ungarn sah, die sich in der Nähe von Bahngleisen versteckten. Bilder von aufgerollten Stacheldrähten und hart durchgreifenden Polizisten. Das schockierte die aufgeweckte Schülerin. Mutter Florence (42), die als selbständige Kommunikationsberaterin arbeitet, erinnert sich: «Eines Morgens kam Lorena zu mir und sagte, dass wir etwas für diese Menschen machen müssen. Ich fand das Schicksal der Flüchtlinge auch dramatisch, war aber ideenlos.»

Lorena hingegen wollte unbedingt handeln. Sie erkundigte sich bei ihrer Mutter, welche Organisationen helfen könnten. Und so kam die Sprache schnell auf Terre des hommes, die das interessierte Mädchen daraufhin prompt mit Material über Hilfsprojekte für Flüchtlinge eindeckte. Lorena tauschte sich mit ihren Schulfreundinnen aus und erstellte auf Facebook die Fanseite Refugeesmile». Damit Kinder wieder lachen können und sich nicht ständig überlegen müssen, wie sie etwas zu essen bekommen.

Kofi Annan sorgt für viele Likes

Das Hilfsprojekt hat auf Facebook schon über 3300 Likes. Lorenas Ziel ist, 10'000 Franken für Terre des hommes zu sammeln. Zusammengekommen sind inzwischen rund 4900 Franken – dank dem Verkauf von Kuchen, Spenden über Facebook und Gaben von Nachbarn, die gezügelt und das überzählige Mobiliar zum Verkauf zurückgelassen haben. Lorena hat auch schon auf der Strasse Musik gespielt und so Geld für ihre Herzenssache verdient. Ihr Vater Peter (50) wiederum wünschte sich zum Geburtstag Geld, das er dann Refgeesmile gespendet hat.

Kofi Annan unterstützt Lorena mit lieben Worten und einer Spende
Grosses Lob: Kofi Annan unterstützt Lorena mit lieben Worten und einer Spende.

Am meisten jedoch berührte Lorena ein Brief des früheren Uno-Generalsekretärs Kofi Annan. «Du hast Recht, wenn alle ihren Beitrag leisten, werdet ihr euer Ziel gemeinsam erreichen und damit das Leben von Menschen in Not positiv verändern», schrieb er Lorena, nachdem er ihre Facebook-Seite mit Gefällt mir markiert und ihr so viele weitere Likes verschafft hatte. Ausserdem unterstützte er Refugeesmile mit einer Spende.

Lorena realisierte, dass sie auch als Kind etwas bewegen kann. «Wie ich gehört habe, sind weltweit über 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Ich bin zwar erst elf Jahre alt. Aber ich kann zählen und weiss, wie viel das ist. Wärt ihr in dieser Situation, würdet ihr euch sicher auch freuen, wenn jemand hilft», sagt Lorena. Sie wisse aber auch, dass sie erst im Team am meisten ausrichten könne.
Beim Kuchenbacken zum Beispiel haben Lorenas Mutter und Schwester Coralie (13) mit angepackt. «Gemeinsam sind wir stark. Zusammen können wir mit kleinen Schritten für die Flüchtlinge etwas erreichen.»

Flüchtlingen ist Lorena auch schon ­begegnet. Einem Eritreer etwa, der ein paar Klassen über ihr zur Schule ­gegangen sei, aber kaum Deutsch konnte – was die Ver­ständigung erheblich erschwert habe. «Sie ­gehören zu jenen Menschen, die das Glück hatten, in die Schweiz kommen zu dürfen. Aber mir tut es leid, was sie vorher durchmachen mussten.»

Lorena spricht mit ihren Eltern viel über die Flüchtlingsproblematik, liest parallel dazu zahlreiche Artikel zum Thema. Erst kürzlich hat sie von den Camps erfahren, wo Tausende auf ein besseres ­Leben hoffen. Sie wisse auch, dass es nicht nur «liebe» Flüchtlinge gebe. Eines steht für Lorena jetzt schon fest: Wenn sie gross sei, möchte sie als Journalistin arbeiten und sich so noch mehr für jene engagieren, die auf der Schattenseite des­ ­Lebens stehen. 

Infos zu Smile: www.facebook.com/refugeesmile oder www.mytdh.ch/de/camenzind-lorena/lorena-smile

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Anne Gabriel-Jürgens