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16. Januar 2012

«Ein Kopftuch tragen zu müssen, wäre grausam für mich»

Tunesien gilt als fortschrittlich – trotzdem bestimmt die Tradition das Leben der Frauen.

Frauen in Tunesien
Stephanie Hugentobler, Nadine Aroua-Amrein und ihre Schwägerin Ines Aroua (von links) am Strand von Djerba; Das schweizerisch-tunesische Trio sieht in der getrennten Männer- und Frauenwelt Tunesiens auch Vorteile.

Gut ausgebildet, mehrsprachig, selbstbewusst. Das Image der tunesischen Frauen ist hervorragend. Denn Tunesien tickt in Sachen Gleichberechtigung moderner als andere arabische Staaten: Seit 1956 sind Polygamie und Zwangsehen verboten, 1957 erhielten die Tunesierinnen das Stimmrecht — 14 Jahre vor den Schweizerinnen.

Mittlerweile herrscht auch Gleichberechtigung im Scheidungsrecht, und Abtreibung ist legal. Das hört sich gut an. Die Praxis sieht anders aus.

Im Alltag ist die Männer- und Frauenwelt noch immer oft getrennt, so besuchen Frauen beispielsweise keine sogenannten Männer-Cafés.

Der Grund: Die religiösen Traditionen sind weiterhin stark in der Gesellschaft verankert, 98 Prozent der Bevölkerung ist muslimisch. Und während die Hauptstadt Tunis weltlich ist, lebt man auf dem Land traditionell.

«Hier bleibt eine gute Muslima im Haus», sagt Ines Aroua (34). Sie ist in Tunis aufgewachsen und arbeitet nun als Teilhaberin einer Tourismusagentur im ländlichen Djerba. «Müsste ich mich daheim verstecken und mit einem Kopftuch einpacken, wäre das für mich grausam!» Am Telefon hört sie oft: Kann ich den Chef sprechen? «Das macht mich wütend!», sagt sie. Eine Frau als Chef, das ist noch immer eine Ausnahme.

Ines hofft, dass es mit der Demokratie besser wird. Denn nun ist die moderate islamische Ennahda an der Macht. Für sie ist das Gesetz der persönlichen Freiheit, das die Frauen gleichstellt, zwar nicht heilig, aber: «Mittlerweile wagt niemand mehr, etwas gegen die Frauen zu sagen.»

Dass die alltägliche Trennung von Männern und Frauen auch Vorteile hat, finden die Agenturpartnerinnen von Ines, die beiden Schweizerinnen Stephanie und Nadine: «Die klare Rollenaufteilung bedeutet Entspannung», sagt Stephanie. «In Europa herrscht vordergründig Gleichberechtigung, hinter den Kulissen sieht es oft anders aus.» Und so sehr eine Frau die männliche Welt respektieren muss, so sehr achtet der tunesische Mann die weibliche.

Auch wenn Ines vom Kopf her Europäerin ist, im Herzen ist sie eine Muslima. Und als solche will sie jungfräulich in die Ehe gehen. Da will sie weder Vater noch Brüder enttäuschen.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Jorma Müller