Archiv
31. März 2014

Ein Königreich für Pirlo

Sie mögen sich gefragt haben, weshalb unsere verwöhnten Goofen nicht mit dem Velo zur Schule führen. Eine Erklärung dafür ist, dass dies ein bisschen aus der Mode ist. Manche meinen, die Jugendlichen nähmen heute lieber Postauto, Tram oder Bus, weil es sich so besser SMS-eln, whatsappen, quasseln und Gratisblätter lesen lasse. In Hans’ Fall kommt hinzu, dass Velofahren in Zürich gefährlich ist. Radwege sind rar, und hat es mal eine Spur eigens für Fahrräder, besteht Gefahr, dass sie abrupt in einer Bauabschrankung endet, geradewegs in eine Betonwand führt oder sich zwischen drei Fahrspuren für Autos im Nichts auflöst. Halsbrecherisch! Und für Anna Luna in Kentucky ist Velofahren schlicht kein Thema. Das grosse Land ist ganz aufs Auto ausgerichtet …

Ich war drauf und dran, es erstmals seit 1970 bleiben zu lassen.

An dieser Stelle muss ich mich kurz an die Leserin wenden, die befand, ich solle jetzt bitte nicht dauernd von meiner Tochter in Amerika schreiben: Woran würden Sie tagein, tagaus denken, weilte Ihr eigenes Kind in Übersee? Eben. Und es gibt Momente, da fehlt sie mir besonders. Ich bilde mir nämlich ein, sie hätte sich meiner erbarmt und mir zuliebe zumindest vorgegeben, sie würde auch heuer wieder gern Panini-Bilder sammeln. Ihr Bruder, das schiere Gegenteil eines Fussballfans, war schon bei der letzten WM nicht mehr bei der Sache; und das Jahr 2006, als wir zu dritt drei Alben füllten, scheint Ewigkeiten her. Mir war schon klar, dass der Tag kommen würde – der Tag, da keines meiner Kinder mehr Schüttelervisagen würde sammeln mögen und ich die Kinderei ganz für mich allein betreiben müsste. Nun kam er rascher als erwartet. Sie im Ausland, und den Hans interessiert das leere Album auf dem Küchentisch nicht die Bohne.

Panini-Bildchen.
«Ich war drauf und dran, es erstmals seit 1970 bleiben zu lassen.»

Ich war schon drauf und dran, es erstmals seit 1970 selber bleiben zu lassen. (Und die Liste der guten Gründe dafür würde den Rahmen dieser Seite sprengen!) Da hat ein Besuch bei meinen Grossneffen Petteri und Henrik mich wieder «angefixt». Ich wollte ihnen ja eigentlich nur ein paar Stickertüten mitbringen. Und behielt – ohne recht zu wissen, weshalb – vorerst drei, vier Tüten in der Jackentasche zurück. Als sie nach mehr verlangten, sagte ich, mehr zum Scherz, dafür müssten sie aber den Pirlo rausrücken, den sie doppelt hatten (und von dem ich jetzt schon weiss, dass er mein Lieblingsspieler an der WM wird). Die beiden Kerlchen sind gewiefte Täuschler, für Pirlo musste ich ein ganzes Fünferpäckchen rausrücken … Und schon war es um mich wieder geschehen. Mein Album wird vollständig sein, wenn Anna Luna aus den USA zurückkehrt. Aber sie wird noch rechtzeitig wieder hier sein, um mit mir den Final zu schauen, in dem Pirlo vielleicht … Greifen wir nicht vor!

Drüben in Harrodsburg, Kentucky, sagt Anna Luna zu allen «You». Wenn ich es mir jedoch überlege, hat kein Gschpänli meiner Kinder je «Sie» zu mir gesagt. Es ist nicht mehr wie in meiner Kindheit, als die Nachbarin für mich Frau Bandi war und ich für sie der Bänzli. Als es noch eine Ehre war, wenn die Eltern meiner Jugendfreunde später mit mir Duzis machten und ich mit 25 zu Frau Dubler plötzlich Anne-Marie sagen durfte! Heute wird halt einfach geduzt. Ich stelle mich ja meist schon vor mit: «Ich bin der Bänz.» Die Schüchternen sagen vielleicht «Hallo», die meisten aber: «Hoi, Bänz!» Kein Kind in der Siedlung, das mich nicht duzen würde. Das sei falsch, mögen Sie einwenden, Kinder müssten Respekt vor Erwachsenen lernen, solcherlei Distanzlosigkeit führe zu unangebrachter Kumpanei. Aber ich bin froh: Dass ich für alle reihum der Bänz bin, erleichtert das Panini-Tauschen. Von Kind zu Kind, sozusagen.

ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Erfahren Sie, warum momentan beide nicht velofahren. Zum Blog

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

Die Hörkolumnen bei iTunes

Die Hörkolumnen mit RSS-Client

www.derhausmann.ch
Sein Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli