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22. April 2013

Ein Hoch auf die Azoren

Die Azoren liegen mitten im Atlantik, zwischen Portugal und Nordamerika. Abgeschiedener geht es kaum. Und genau dort liegt ein Ferienparadies für Geniesser, Kulturinteressierte und wetterfeste Naturfreunde. Ein Besuch auf der Hauptinsel São Miguel.

Ein Fischer entlädt Thunfische
Ein Fischer entlädt Thunfische im 
Hafen des alten 
Fischerorts Ribeira Quente.
Aussicht über Seen und Hügel
Aussicht über den Kratersee Lagoa das Furnas und Hügel in São Miguels Nationalpark

VON DER ANREISE BIS ZUM ZNACHT
Die besten Reisetipps zur Entdeckung der Azoreninseln mit Unterkünften, Wissenswertem zur Inselgruppe und allgemeinen Infos sowie weiteren Bildern zur Reportage im Migros-Magazin.
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Nein, das Azorenhoch entsteht nicht über den Azoren. Seinen Namen trägt es nur in Ermangelung eines anderen Fixpunktes mitten im Atlantik. Dennoch ist die portugiesische Inselgruppe eine Wetterküche. Sonnenschein und Regen wechseln sich rasant ab. Kommt dazu, dass es ständig windet. So können dem Besucher in den Bergen schon mal Wolken um die Ohren fliegen, denn mitten im Atlantik sind die Azoren die einzigen Wolkenbremsen. Obwohl man hier durchaus baden kann, sogar in vulkanisch gewärmtem Wasser, zählen die Azoren nicht zu den typischen Badezielen. Dafür sind sie ein gutes Terrain für entdeckungsfreudige Natur- und Kulturreisende.

Auf blumigen Umwegen geht die Autofahrt von der Hauptstadt Ponta Delgada nach Furnas. Die Strassen sind oft von Hortensien gesäumt, und wenn sie im Juli in voller Blüte stehen, ist die Fahrt farblich geradezu berauschend. Hinter den Hortensienhecken grasen Kühe. Sie mögen diese Pflanze nicht, und so wirken Hortensien wie ein natürlicher Zaun. Ganz anders die Kamelien, die als Windschutz gepflanzt werden. Sie sind als grüne Schranke ungeeignet, denn die Kühe würden sie sogleich wegfuttern. Weitere Farbtupfer sind Azaleen. Sie sind meist so geschnitten, dass sie wie Blumensträusse aussehen. Bei der Chá Goreana wird ein Stopp eingelegt, sie ist eine der beiden letzten noch verbliebenen Teeplantagen Europas und Besuchern zugänglich.

Hermano Mota produziert exquisiten Biotee
Hermano Mota produziert exquisiten Biotee in der fünften Generation.

Hermano Mota (70) pflegt die seit 1883 aktive Teefabrik in fünfter Generation und mit viel Herzblut. Er produziert grünen und schwarzen Tee und freut sich mit schelmischem Glanz in den Augen, dass seine uralte Verpackungsmaschine die geschmacklich besseren Resultate für Beuteltee liefert, als die moderne, schnellere, die er mal ausprobiert hat. Abschliessend darf man sich durch die frei von Luftverschmutzung, Pestiziden und anderen Giften gewachsenen Teesorten probieren. Gestärkt gehts weiter Richtung Osten.

Schon von Weitem sieht man weisse Schwaden aufsteigen, das untrügliche Zeichen, dass Furnas mit seinen heissen Quellen naht. In den Caldeiras blubbert, brodelt und dampft es, und es riecht etwas nach Schwefel. Doch das Beste: Im vulkanisch geheizten Erdboden verbuddeln die Leute von Furnas grosse Töpfe mit allerlei Gemüse, Fleisch, Chorizo-Salami und Blutwurst. Nach etwa sieben Stunden ist der Eintopf gar und wird den Gästen aufgetischt. Da es sich beim Cozido das Furnas um eine Spezialität handelt, muss sie in vielen Restaurants vorbestellt werden. Es lohnt sich!

Im botanischen Garten liegt die wohl grösste Badewanne Europas
Nach dem feinen Mahl ist etwas Bewegung angesagt. Man könnte in etwa drei Stunden um den Kratersee Lagoa das Furnas wandern oder im Terra-Nostra-Park spazieren gehen. Er ist ein riesiger botanischer Garten und beherbergt 3000 Bäume und 300 Kamelienarten. Zum Park gehört auch die wohl grösste Badewanne Europas, gefüllt mit 35 bis 40 Grad warmem Thermalwasser. Der stattliche Pool wird von Quellen gespeist, die vulkanisch aufgeheiztes, undurchsichtig braunes und eisenhaltiges Wasser liefern.

Familie Pandisca
Familie Pandisca fand im Westen der Hauptinsel ein neues Zuhause.

Eine Schweizer Familie fand hier ein Stück heile Welt
Ganz am anderen Ende, im Westen von São Miguel, lebt das Schweizer Ehepaar Paolo (54) und Jolanda (52) Pandiscia. Die beiden bieten im Ort Ginetes Ferienunterkünfte an. Dass die Auswanderer gerade hier gelandet sind, liegt am Azorenhoch, das sie neugierig gemacht hat. Sie haben einen Neuanfang im Ausland gesucht, die Schweiz war ihnen zu eng geworden. Aber mit einem kleinen Kind musste die Auswahl vorsichtig getroffen werden. Sohn Valentino war damals gerade zweijährig. Nach mehreren Ferienaufenthalten war klar, dass São Miguel passt und alles bietet, was wichtig ist; von der gut ausgestatteten Klinik bis zur Universität. 2004 war es dann so weit: Jolanda, Paolo und Valentino wanderten aus, während die beiden anderen, bereits volljährigen Söhne in der Schweiz blieben.

«Ein Jahr lang haben wir einfach das Leben genossen und gefaulenzt», erinnert sich Paolo, der früher in der Informatikbranche arbeitete und mit Jolanda im Tessin, dann in Basel und schliesslich wieder im Tessin lebte. Dann ging es daran, die Zukunft aufzubauen. Seit 2006 stehen den Feriengästen zwei Bungalows zur Verfügung, und seit letztem Jahr dient auch das einstige Wohnhaus der Pandiscias, ein traditionelles azorisches Steinhaus, als Ferienunterkunft. Sie selber sind in ein neues Haus gezogen, samt ihrem kleinen Zoo. Paolo zählt auf: eine Kuh, ein Schwein, eine Eselin, Ziegen, Schafe, Enten, Hasen, Wachteln, Hühner, Gänse sowie Hund und Katze. «Die machen natürlich etwas Arbeit, aber auch viel Freude.»

Die Pandiscias geniessen nicht nur den Kontakt mit den Leuten des Dorfs und den Feriengästen, sondern auch die Ruhe, die Gelassenheit, die Landschaft, die saubere Luft — Dinge, die man mit Geld nicht aufwiegen kann. «Wir sind hier zwar immer ein wenig vom Winde verweht», witzelt Paolo, «aber auf einer Insel gelandet, auf der die Zeit scheinbar stehen geblieben ist. Erinnern Sie sich an den Bäcker, der sein Brot mit einem Wagen ausgetragen und verkauft hat? Oder an die kleinen Läden, in denen man die Einkäufe in ein Büchlein eintrug und Ende des Monats bezahlte? In der Schweiz gibt es das nicht mehr — hier schon!» Als Reisender spürt man die Urtümlichkeit nicht so intensiv wie Jolanda und Paolo. Doch wer bei ihnen wohnt, kommt in den Genuss ihrer echten Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft. Zwei Eigenschaften, denen man auf der Insel neben heiterer Betriebsamkeit und Gelächter ohnehin häufig begegnet. Ein guter Flecken Erde, für freiheitsliebende Auswanderer und wetterfeste Feriengäste, die auslüften wollen.

Diese Reise wurde unterstützt von Travelhouse/Sierramar.