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05. Dezember 2016

Ein Haus zu Weihnachten

Yves Störi leistete seinen Zivildienst in Brasilien. Als er in der dortigen Pampa eine Familie besuchte, die in einer undichten und gefährlichen Palmenhütte lebte, wusste er ganz plötzlich: «Da will ich etwas ändern.»

Yves Störi (rechts)
Yves Störi (rechts) auf dem Bau in Brasilien.

Statt ins Militär wollte Yves Störi in den Zivildienst. Der junge Mann aus Diepoldsau im St. Galler Rheintal bewarb sich bei verschiedenen Entwicklungshilfeorganisationen und durfte im Sommer 2012 für ein halbes Jahr als Musiklehrer nach Brasilien. «Ich kam in eine Kindertagesstätte in Fortaleza dos Nogueiras, im Bundesstaat Maranhao», erzählt der 25-Jährige. «Die ersten Wochen waren anstrengend, und es gab viele Verständigungsprobleme. Ich konnte kaum Portugiesisch, und im ganzen Dorf verstand niemand Englisch.» So fragte er sich bald einmal, was er hier denn verloren habe. «Doch bei der ersten Begegnung mit meinen Schülern wusste ich, ich bin am richtigen Ort.»

Es war der Anfang einer speziellen Verbindung zu Fortaleza dos Nogueiras, die bis heute bestehen blieb. Eines Tages besuchte Yves mit der Leiterin der Kindertagesstätte eine Familie und sah, unter welch misslichen Bedingungen die Menschen dort lebten. «Es war ein Palmenhaus, das Wasser floss unten durch, und Schlangen konnten in die Hütte kriechen.» Das habe ihn erschüttert: «Ich sah mich mit meinem tollen Zivildienstlohn und dann diese hart arbeitenden Einheimischen, die sich kaum etwas leisten konnten. In diesem Moment dachte ich, was läuft hier falsch?» Die Idee für sein Projekt, mit dem der junge Mann bis heute sechs Häuser gebaut hat, war geboren.

«Ich wollte den Menschen dort etwas zurückgeben»

Zusammen mit der Schulleiterin beschloss Störi, dieser Familie ein Haus zu bauen. «Ich durfte eine wunderschöne Erfahrung als Musiklehrer machen und wollte den Menschen etwas zurückgeben», erzählt der Rheintaler. Er spendete seinen Zivildienstlohn, engagierte einen erfahrenen einheimischen Bauleiter und half selber mit, gemeinsam mit der Familie und einigen Nachbarn, das Haus zu bauen. Rechtzeitig zu Weihnachten konnte die Familie ihr neues Heim beziehen.

Yves Störi kehrte danach in die Schweiz zurück und machte seinen Bachelor in Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik. Doch Fortaleza dos Nogueiras liess ihn nicht mehr los, und 2014 zog es ihn zurück nach Brasilien. Zuvor aber startete er einen Aufruf in der Regionalzeitung und sammelte so Spenden für drei weitere Häuser.

«Ich wollte den Häuserbau nun noch nachhaltiger gestalten und kam auf die Idee, die Einheimischen im Hausbau auszubilden», erklärt er. Der einheimische Bauleiter liess sich ebenfalls begeistern, erstellte Kursunterlagen und übernahm auch die Kursleitung. Mittlerweile gibt es in Fortaleza dos Nogueiras ein Team aus drei Personen, die die Kurse leiten und die Bauarbeiten koordinieren, während Yves nur noch alle zwei Jahre nach Brasilien zurückkehrt.

Der dritte Kurs läuft an

Der Baukurs besteht aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. «Nach fünf Monaten Ausbildung erhalten alle Teilnehmenden ein Zertifikat und damit eine bessere Chance auf einen späteren Job.» Mittlerweile läuft der dritte Kurs an. «Seit dem ersten Kurs sind auch weibliche Teilnehmerinnen dabei, darauf bin ich besonders stolz», sagt Störi.

Er ist seit 2014 wieder in der Schweiz und hat hier den Verein «Mauern fürs Leben» gegründet. Er wollte nicht, dass das ganze Projekt nur von seiner Person abhängt. Über Facebook und WhatsApp erhält er laufend Rückmeldungen von Kursteilnehmern und von der Kursleitung und stellt fest: «Mauern fürs Leben» ist gut unterwegs.

Sechs Häuser stehen bereits und am siebten wird derzeit gebaut. Der Kursleiter ist mittlerweile festangestellt und erhält einen fixen Lohn. Und die Spendengelder fliessen: Mit nur 7000 Franken kann der Verein mindestens zwölf Menschen eine berufliche Grundausbildung sowie einer ganzen Familie ein sicheres Zuhause bieten.

Autor: Krisztina Scherrer

Fotograf: Sarah-Louisa Rohrer