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21. Oktober 2013

Ein Händchen für Mammutzähne

Er hat bei der Arbeit einen Mammutzahn gefunden. Bereits zum zweiten Mal. Nun interessieren sich die Medien für ihn. Doch der Maschinist Peter Honauer versteht den Rummel gar nicht und bleibt auf dem Boden.

Peter Honauer posiert vor seinem Bulldozer, mit dem er den Mammutzahn aus dem Kies holte. (Bild: Pascal Mora)

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Peter Honauer und sein 40-Tonnen-Bulldozer sind ein eingespieltes Team. Nicht verwunderlich, arbeitet Honauer doch bereits seit 40 Jahren als Maschinist im Kieswerk Eschenbach LU. Seiner Routine ist es wohl auch zu verdanken, dass der Mammutstosszahn ganz geblieben ist. «Ich war seit zirka einer Stunde am Material Abtragen, als ich plötzlich etwas strahlend Weisses am Boden entdeckte. Ich hatte es mit dem Schild des Bulldozers vor mir hergeschoben», erinnert sich der 62-Jährige.

(Bild: Getty Images)

Es war bereits der zweite Mammutstosszahn, den Honauer bei der Arbeit im Kieswerk fand. Der Erste, den er 2010 entdeckte, konnte allerdings nur noch zu Forschungszwecken verwendet werden. Für ein Museum war er in einem zu schlechten Zustand. Das aktuelle Fundstück ist deutlich besser erhalten. Es ist 90 Zentimeter lang, hat einen Durchmesser von zirka 23 Zentimetern und ist 29'000 Jahre alt. Ursprünglich soll es doppelt so lang und drei Mal so schwer gewesen sein.

Honauer wusste sofort, was zu tun war. Er rief seinen Vorgesetzten an, der wiederum sofort die Kantonsarchäologie informierte. Währenddessen transportierte Honauer den Zahn vorsichtig zum Betriebsgebäude. Der Maschinist weiss: «Wichtig ist, dass man den Knochen feucht hält, sonst zerfällt er.» Kantonsarchäologe Ebbe Nielsen erklärt: «Der Knochen ist 29'000 Jahre im Wasser gelegen, zur Konservierung wird das Wasser langsam entzogen und durch Wachs ersetzt.» Ein spezialisiertes Labor in Deutschland führt den Prozess, der etwa ein Jahr dauert, durch.

Ich hatte den Zahn mit dem Schild vor mir hergeschoben.

Ursprünglich ist der Ballwiler Peter Honauer gelernter Postbote. Er lebte und arbeitete während zweier Jahre in der Stadt Zürich. Warm wurde er mit seinem Beruf aber nie richtig. Stattdessen kehrte er ins Luzerner Seetal zurück und machte sich auf die Suche nach einer neuen Aufgabe. «Ich sah das Inserat des Kieswerks Eschenbach und bewarb mich um die Stelle. Ich wollte draussen arbeiten, und die grossen Maschinen faszinierten mich.» 40 Jahre später ist er immer noch dort. «Mir gefällt es hier, wieso sollte ich dann weggehen?»

Tennis, Töfffahren und die Familie

Kantonsarchäologe Ebbe Nielsen (links) und Peter Honauer mit dem Mammutzahn. (Bild: Pascal Mora)
Kantonsarchäologe Ebbe Nielsen (links) und Peter Honauer mit dem Mammutzahn. (Bild: Pascal Mora)

Ohne grosse Vorkenntnisse musste er sich vieles neu aneignen. Die Erfahrung wuchs mit den Jahren. Heute lenkt er alle tonnenschweren Gefährte und ist als stellvertretender Werkmeister zuständig für den Abbau und die Rekultivierung. Honauer kennt jede Ecke und jede Erhebung des Kieswerks und ist sich auch der Gefahren bewusst: «Im Winter, wenn die Kieswände gefroren sind, muss man besonders auf der Hut sein. Ein, zwei Sonnenstrahlen reichen und der Kies kommt die Wand runter», sagt Peter Honauer. Auch der Verkehr im Kieswerk sei nicht zu unterschätzen. Die Arbeitskollegen kommunizieren untereinander mit dem Funkgerät.

Der grosse Rummel, der nach dem Fund um seine Person entstanden ist, bringt ihn nicht aus der Ruhe. «Ich hätte nie gedacht, dass ein Mammutzahn auf so grosses Interesse stösst.» Er grinst und blickt wieder Richtung Kamera. Posiert auf seinem Bulldozer, als ob er nie etwas anderes getan hätte. «Wir hier sind halt so, bleiben am Boden, sind hemdsärmlig.» Klar, werde er öfter auf der Strasse angesprochen, aber eine Berühmtheit sei er deswegen nicht, und das vergehe auch wieder, ist er sich sicher.

Finderlohn hat Honauer keinen erhalten, das stört ihn jedoch überhaupt nicht. Er habe stattdessen viel über Mammuts gelernt. «Ein besonders geschichtsinteressierter Mensch bin ich aber dadurch nicht geworden», sagt er und fragt: «Sieht man eigentlich noch mein blaues Auge?» Er habe gestern beim Tennisspielen einen Ball ins Auge bekommen. Honauer treibt regelmässig Sport, hält sich fit. Auch mit seinem Töff sei er viel unterwegs. «Das ist mein Ausgleich zur Arbeit.»

Dann klingelt das Telefon, und seine Familie erkundigt sich, wie lange er denn noch beschäftigt sei. Honauer vertröstet, freut sich aber sichtlich über den Anruf. «Meine Familie ist mir sehr wichtig, und es ist halt schon toll, wenn ich meine Enkel mit ins Kieswerk nehmen kann», sagt der vierfache Grossvater.

Autor: Sandra Kohler

Fotograf: Pascal Mora