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13. Oktober 2014

«Ein guter Dirigent ist bescheiden»

Der neue Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters ist Franzose und gerade mal 28 Jahre alt. Und er macht vor jedem Konzert ein Nickerchen.

Lionel Bringuier
Lionel Bringuier, der neue Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters.

Name: Lionel Bringuier (28)

Sternzeichen: Waage

Wohnort: Zürich und Nizza

Weshalb leben Sie in Zürich und Nizza?

Ich bin in Nizza geboren und aufgewachsen, und da ich so viel unterwegs bin, ist es für mich wichtig, eine Heimatbasis zu haben. Nun habe ich zwei. Und lustigerweise wohne ich in beiden Städten in der Altstadt, in Nizza unweit vom Opernhaus und in Zürich nahe der Tonhalle.

Wo würden Sie gern leben?

Nizza und Zürich. Da ich als Dirigent überall auf der Welt auftrete, komme ich ohnehin viel herum.

Beruf und Lebenslauf:

In eine Musikerfamilie hineingeboren. Cello- und Pianounterricht mit 5 Jahren. Ab 13 Ausbildung am Konservatorium in Paris. Mit 14 erster Einsatz als Dirigent, live vom Fernsehen übertragen. 2007 bis 2013 stellvertretender Dirigent bei der Los Angeles Philharmonic und 2009 bis 2012 Chefdirigent beim Orquesta Sinfónica de Castilla y León in Valladolid (Spanien). Seit September Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters in Zürich.

Meine Lieblingsmusik:

Immer das, was ich gerade einstudiere, weil das ein sehr intensiver Prozess ist. Ansonsten mag ich Jazz und Salsa.

Mein liebster Konzertsaal:

Die Tonhalle! Es ist ein wunderschönes altes Gebäude mit einer enormen Historie. Johannes Brahms sass bereits auf dem Dirigentenstuhl, den ich benütze. Die Akustik ist fantastisch, und weil die Halle nicht so gross ist, fühle ich mich immer sehr stark mit den Musikern und dem Publikum verbunden.

Was macht ein richtig gutes Orchester aus?

Musiker, die harmonieren, die das Stück gemeinsam quasi fühlen, die nicht zufrieden sind, bis die Musik perfekt ist. Jetzt leite ich genau ein solches Orchester.

Was macht einen guten Dirigenten aus?

Bescheidenheit – der Dirigent ist nicht da, um seine eigene Show durchzuziehen. Er muss zu verstehen versuchen, was der Komponist mit dem Stück will. Deshalb mag ich zeitgenössische Musik, weil man sich mit den Komponisten austauschen kann. Und er muss gut vorbereitet sein, dann läuft die Kommunikation mit den Musikern fast automatisch.

Wie wird klassische Musik wieder interessanter für junge Leute?

Wir haben einen Tag der offenen Tür organisiert, der 7500 Personen angelockt hat, darunter zahlreiche Familien mit Kindern, die offensichtlich Spass hatten. Und dann gibt es weiterhin die tonhalleLATE für Jugendliche, eine Mischung aus Klassik und Moderne, die mein Vorgänger David Zinman erfolgreich eingeführt hat.

Was ich an Zürich und der Schweiz mag:

Die Altstadt und den See, ich bin dort jeden Tag. Ich freue mich, im Winter in die Berge Ski fahren zu gehen. Und was ich sehr schätze: Alles hier ist sehr gut organisiert, alle sind pünktlich; in Frankreich ist es oft chaotischer.

Mein Lieblingsessen:

Alles Italienische!

Mein Tick:

Ich mache vor jedem Konzert ein Nickerchen, um mich zu entspannen und zu fokussieren. Egal, zu welcher Zeit es stattfindet.

Meine Heimat:

«An der Promenade des Anglais in Nizza habe ich als Jugendlicher viele Sommer verbracht, ich war tagelang mit Freunden und der Familie am Strand.»

Mein Taktstock:

«Ich dirigiere mit Taktstock, vielleicht weil ich als Cellist gewohnt bin, etwas in der Hand zu haben. Diese begleiten mich schon lange, aber ich könnte auch mit anderen dirigieren. Valery Gergiev verwendet manchmal eine Zahnbürste, auch das funktioniert.»

Mein Lokal:

«Ich gehe gern ins Café Odeon auf einen Kaffee oder um Zeitung zu lesen. Der Look und die Atmosphäre erinnern mich an Frankreich.»

Mein Sport:«Ich geniesse den See, spaziere gerne an seinem Ufer entlang und gehe dort auch regelmässig joggen.»

Mein neues Reich:

«Schon 2011, als ich das erste Mal als Gastdirigent hier war, spürte ich eine besondere Verbindung zu den Musikern und der Tonhalle. Es ist wunderbar, nun hier Chefdirigent zu sein.»

Fotograf: Paolo Dutto