Archiv
30. Januar 2012

«Ein grosses Mass an Gemeinsinn»

Deutlicher Einbruch der Anmeldungen für den Zivildienst. Trotz einem Minus von 30 Prozent gibt es immer noch viele junge Männer, die sich fürs Gemeinwohl einsetzen wollen.

Zivildienst
Zivildienstler sind anderthalbmal so lange im Einsatz wie Soldaten. Davon profitieren auch viele ältere Menschen. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)
Samuel Werenfels (55) ist seit 1996 Leiter Zivildienst. Er selber leistete keinen Zivil-, sondern Militärdienst im Rang eines Majors. (ZIVI/Gaetan Bally)

Samuel Werenfels, wer darf überhaupt Zivildienst leisten?

Generell alle, die Militärdienst leisten müssen und am Aufgebot für tauglich befunden wurden.

Ausschlaggebend ist immer noch das Gewissen. Aber es gibt keine Prüfung mehr. Wie ist das nun genau?

Früher musste schriftlich und in einer Anhörung ausführlich begründet werden, warum jemand keinen Militärdienst leisten wollte. Seit 2009 müssen die Gründe nicht mehr angegeben werden. Man geht davon aus, dass jemand, der bereit ist, einen anderthalbmal so langen Dienst zu leisten, dies wirklich aus Gewissensgründen tut.

Was für Gründe sind das – religiöse?

Die sind auch dabei. Es sind moralische Gründe im weitesten Sinn. Ein Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit etwa oder einfach persönliche Grundsätze, die jemanden im Leben leiten und die nicht vereinbar sind mit dem Dienst an der Waffe.

Es kann jeder Zivildienst leisten, der möchte?

Im Prinzip schon. Ein Gesuch kann stellen, wer den Militärdienst nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann.

Was tun Zivildienstler?

Drei Viertel der Einsätze finden im Sozial- oder Gesundheitswesen statt. Das geht vom Kindergarten bis zum Betagtenheim, betrifft Behindertenbetreuung, Nachtaufsicht in einem Asylheim oder Patiententransport im Spital.

Lehnen Sie trotzdem Bewerber ab?

Ja, aus formellen Gründen. Es gibt eine vierwöchige Bedenkfrist. Wird das Gesuch in dieser Zeit nicht schriftlich bestätigt, treten wir nicht darauf ein. Viele haben bis zu diesem Moment gar nicht begriffen, worauf sie sich einlassen.

Warum ‒ wo liegen die Schwierigkeiten?

Die Militärpflicht dauert 260, der Zivildienst 390 Tage. Dazu kommt regelmässig Nacht- oder Wochenendarbeit. Das passt nicht jedem. Aus gesundheitlichen Gründen wird man aber kaum mehr aus dem Zivildienst entlassen.

Wenn der Trend anhält und sich immer weniger zum Zivildienst melden, fehlen diese Männer irgendwann irgendwo?

Nein, denn keine Institution darf von Zivis abhängig sein, das wäre verheerend. Darum ist die Zahl streng beschränkt.

Leserfragen

Samuel Werenfels beantwortet Fragen unserer Leserinnen und Leser:

Ich habe die RS und mehrere WKs geleistet. Kann ich mich immer noch in den Zivildienst umteilen lassen?

Roman Strebel, Basel

www.zivi.admin.ch

Sind die jungen Leute heute einfach nicht mehr bereit, sich solidarisch für die Allgemeinheit einzusetzen?

Elsbeth Dürr, Aarau

Autor: Ruth Brüderlin