Archiv
29. April 2013

Ein Freund und Betreuer für Nicki

Mehrmals monatlich unternimmt Altan Yilmaz etwas mit dem autistischen Nicki und verschafft dadurch dessen Familie etwas Luft. Der 28-Jährige arbeitet neben seiner Ausbildung zum Lehrer als Betreuer für den Entlastungsdienst für Angehörige behinderter Menschen. Die Entlastungsdienste sind stets auf der Suche nach neuen Betreuern. Mitmachen!

Betreuer bowlt mit Autist Nicki
Ein vertrauenswürdiger Begleiter, mit dem die Freizeit mehr Spass macht: Altan Yilmaz mit dem autistischen Nicki im Bowlingzentrum.

TIPPS FÜR BETROFFENE
Besonders behindertenfreundlich: Wir stellen behindertenfreundliche Bars, Kinos, Konzertsäle und viele weitere Freizeitangebote aus der ganzen Deutschschweiz vor.

Laut singend kommt Nicki die Treppe herunter. Auf seinem blauen T-Shirt grinsen Bud Spencer und Terence Hill. Nicki freut sich, dass Altan Yilmaz gekommen ist. Erst gemeinsam Pizza essen und danach noch eine Runde Bowling spielen, steht heute auf dem Programm. Eigentlich ein Samstagnachmittag, wie ihn viele junge Männer gemeinsam verbringen. Doch beim 21-jährigen Nicki und dem 28-jährigen Altan ist das Verhältnis anders: Nicki ist Autist und Altan Yilmaz sein Betreuer. «Na ja, offiziell ist das so, aber mittlerweile sind wir Freunde», sagt Yilmaz. Nicki vertraut ihm, und ebenso tun dies seine Eltern.

Ein Betreuer, der mit sportlichem Nicki mithalten kann

Der angehende Primarlehrer verbringt seit letztem Sommer rund zwei- bis dreimal pro Monat einen Nachmittag mit Nicki. Die beiden gehen Velo fahren, schwimmen, ins Kino, Theater oder eben zum Bowlen. Die beiden jungen Männer sind sportlich unterwegs. «Zum Glück», sagt Nickis Mutter. «Eine frühere, etwas ältere Betreuerin hatte ihre liebe Mühe mit der sportlichen Art meines Sohns.» Die Mutter freut sich deshalb umso mehr, dass Nicki einen sportlichen Betreuer gefunden hat. Das ist alles andere als einfach, arbeiten doch nur wenige junge Männer als Betreuer beim Entlastungsdienst für Angehörige behinderter Menschen des Kantons Zürich (siehe Interviewbox rechts).

Altan Yilmaz und Nicki auf der Bowlingbahn.
Altan Yilmaz und Nicki.

Yilmaz hatte die Stellenanzeige in einem Newsletter für Medizinstudenten der Universität Zürich entdeckt. «Ich bin zwar kein Medizinstudent, aber traute mir die Aufgabe trotzdem sofort zu», erzählt er. Der Pädagogikstudent hatte nicht aktiv nach einer solchen Stelle gesucht, aber als er die Anzeige sah, wusste er sofort, dass die Arbeit als Betreuer das Richtige für ihn ist.

Ich verbringe gerne Zeit mit Nicki, der Verdienst ist dabei zweitrangig.

Berührungsängste hat er keine und dazu ein ruhiges und geduldiges Gemüt. «Als Primarlehrer kann es sein, dass ich im Rahmen der integrierten Schule behinderte Kinder in meiner Klasse unterrichte. Meine Arbeit als Betreuer behinderter Menschen ist also eine grosse Bereicherung. Ausserdem verbringe ich meine Zeit gerne mit verschiedenen Menschen.»

Vor seinem Pädagogikstudium studierte Yilmaz Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Universität Zürich. Doch der gebürtige Türke spürte schnell, dass er damit nicht am richtigen Ort war. Stattdessen begann er, als Jugend-und-Sport-Lehrer Schulsport zu unterrichten. Die Arbeit mit den Kindern bereitete ihm viel Freude, weshalb er sich für den Lehrerberuf entschied. Die Hälfte des Pädagogikstudiums hat er bereits hinter sich. An zwei Halbtagen pro Woche unterrichtet er eine 6. Klasse im Schulhaus Letten in Zürich. «Ich bin glücklich und im richtigen Beruf angekommen», ist Yilmaz überzeugt.

Dass es weitaus lukrativere Nebenjobs für einen Studenten geben würde, interessiert ihn nicht. «Ich verbringe gerne Zeit mit Nicki, der Verdienst ist dabei zweitrangig.» Über die Krankheit Autismus hatte Altan Yilmaz bereits einiges gelesen. Er konnte sich also ungefähr vorstellen, was auf ihn zukommen würde. Vor dem ersten Treffen war er denn auch überhaupt nicht nervös. Und er hat auch keine Angst davor, etwas falsch zu machen im Umgang mit Nicki. Während der gemeinsamen Freizeit trainieren Yilmaz und Nicki das Lesen, Schreiben und Rechnen — ganz spielerisch. «Nach jedem Ausflug kleben wir Fotos davon in ein Buch und schreiben einen Satz dazu», sagt Yilmaz. Nicki nickt.

Yilmaz schämt sich nicht, wenn Nicki auffällt

«Hey Nicki, renn nicht so, du kannst mit mir gemeinsam laufen», ruft Yilmaz Nicki hinterher. Die beiden sind in der angesteuerten Pizzeria keine Unbekannten. Und Nicki hat seine Pizza schnell ausgewählt. Mit Salat, bitte schön. ­Nicki mag Salat. Er arbeitet selber als Koch, und Salatsauce ist eine seiner Spezialitäten. Für Yilmaz hat Nicki auch schon gekocht.

Altan Yilmaz und Nicki beim Armdrücken.
Beim Armdrücken hat Altan Yilmaz (noch) die Oberhand.

Kaum ist das Essen da, wird es still. Nicki konzentriert sich auf das Essen. Es scheint ihm zu schmecken. Yilmaz reicht Nicki ein Stück seiner Pizza. «Ich versuche jedes Mal, Nicki etwas Neues zu zeigen.» Schnell wird aber klar, dass Nicki die Pizza nicht mag: Das bereits gekaute Stück Pizza landet auf dem Teller. «Hoppla, das hat er noch nie gemacht», sagt Yilmaz, bleibt gelassen und lässt das Stück in seiner Serviette verschwinden. Solche Reaktionen sind kein Problem für ihn. «Bevor ich mich mit Nicki treffe, stelle ich mich auf die Situation ein.» So schämte er sich auch nicht, als Nicki beispielsweise einmal im Tram zu singen begann. Wieso auch? «Mir ist wichtig, dass Nicki sich wohlfühlt und Spass hat», sagt Yilmaz ruhig und lächelt Nicki an.

Mir ist wichtig, dass Nicki sich wohlfühlt und seinen Spass hat

Beim Bowlen schlägt Nicki seinen bisherigen Rekord und erreicht über 100 Punkte. «Hast du heimlich geübt?», fragt ihn Yilmaz lachend. Nicki schmunzelt, antwortet aber nicht. Das Resultat wird mit einem Foto festgehalten. Das nächste Mal werden es eventuell noch mehr Punkte. Die beiden freuen sich bereits darauf.

Autor: Sandra Kohler