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27. Januar 2014

Ein filmreifer Abschied

Als auf meinem Nachttisch kurz vor sieben in der Früh das Handy surrte, zum Zeichen, dass Anna Luna heil in Kentucky gelandet sei, war ich schon wieder wach. Genauer: noch immer wach. Denn natürlich habe ich während ihrer Reise – bei uns war längst Nacht – kaum ein Auge zugetan. Dann, endlich, war sie am Bestimmungsort angelangt, lange nach Mitternacht Ortszeit. «Bin gut angekommen, zwar mit einer Stunde Verspätung, aber mit super Empfangskomitee», stand in ihrem SMS, und hier war es bereits 06.59 Uhr und Zeit, dem Hans Frühstück zu machen.

Jetzt bist du weg, liebe Anna Luna. Und als wären die Stunden vor deinem Abflug nicht hektisch genug gewesen, tramptest du noch mit voller Wucht in den Dorn eines Bundesordners, der aufgeklappt am Zimmerboden lag. Das Blut spritzte nur so. Notfallmässig ins Spital, die Wunde musste genäht werden. Und ehe wir dann am Abreisetag das Haus verlassen konnten, musstest du noch die Semesterarbeit zu William Shakespeare losschicken, eine zehn Seiten starke Deutung des Stücks «Was ihr wollt». Du wärest nicht du, hättest du sie nicht auf den letzten Drücker fertiggestellt. (Das Dumme ist, ich weiss, woher du das hast …) Zmorge mit der einen Hand, mit der anderen auf dem Laptop «Senden» gedrückt … Und los gings Richtung Flughafen.

Dort erwies sich der Not- als Glücksfall. Du durftest mit deinen Krücken an einem Spezialschalter einchecken und stiessest auf sehr verständige Frauen, die ob des Übergepäcks ein Auge zudrückten. Hast aber auch viele Geschenke eingepackt! Für deinen Gastvater ein Jagdmesser von Victorinox, echt Swiss Quality. Warne ihn bitte, die Dinger seien scharf! Als wir dein Mitbringsel kauften, habe ich mir einen Schnitzer desselben Herstellers gegönnt – und mich prompt schon bei der zweiten Benützung, dem Vierteln von Kartoffeln, brutal geschnitten. Weil ich scharfe Messer nicht gewohnt bin. Und vermutlich auch ein bisschen, weil ich durch den Wind bin, seit du weg bist. Wobei noch immer meine Ehrfurcht überwiegt, wie du das durchgezogen hast – mir hätte mit 15 der Mut gefehlt.

Ich kann mich trösten, es sei ja nur ein halbes Jahr und unsere Tochter sei nicht mehr ganz so «weg», wie Austauschschüler es früher waren. Via Skype schauten wir schon vor der Abreise bei ihrer Gastgeberfamilie in die gute Stube, sahen den Schnee vor dem Haus und den fetten Kater – jetzt hat Anna Luna endlich ein Haustier! Und ich erhalte Zuspruch. Freund Manfred schreibt, auch seine beiden mittlerweile erwachsenen Kinder hätten einen Austausch gemacht, die Tochter in Südafrika, der Sohn in Ghana. «Meine Frau und ich sind fast gestorben vor Heimweh und Angst, und dann ist alles gut herausgekommen. Mit Anna Luna wird es nicht anders sein.» Es scheint ihr gut zu gehen. Am Montag schickte sie ein Bild, das sie auf den Rängen eines Basketballmatchs zeigt. «Wer hat das Spiel gewonnen?», schrieb ich zurück. Antwort: «We won it.» Ist sie also schon ganz angekommen in dem Land, das so gross ist, dass man sich wo immer möglich ein lokales Wirgefühl schafft! Offenbar hat das Team ihrer Schule gesiegt, und sie schreibt: «Wir haben gewonnen.» Sie ist angekommen in dem neuen, anderen Zuhause. Ihre Gasteltern lagen richtig mit den Ballonen, die bei der Ankunft ihr Zimmer schmückten, Aufschrift: «Welcome home.»

Anna Luna goes West
Anna Luna goes West

Lesen Sie, was Bänz Friedlis Tochter Anna Luna aus den USA berichtet, und wie es ihrem Bruder Hans in der Schweiz ergeht.
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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli