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05. März 2012

Ein eiskaltes Abenteuer

Senkrechtes, blankes Eis – nur Muskelkraft und sechs kleine Stahlzacken verhindern ein Abrutschen: Outdoor-Experte Üsé Meyer ist Eisklettern gegangen.

Peter Gujan
Das Eisgerät nicht zu fest einschlagen: Bergführer Peter Gujan demonstriert, mit welcher Technik man einen Eisfall erklettert.

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Ohne Worte. Die Lippen der Protagonisten bewegen sich, zu hören ist aber nur Musik, Trompeten und ein Kontrabass. Der rechte Arm holt aus, treibt die Spitze des Pickels in den gefrorenen Wasserfall. Paukenschlag. Das splitternde Eis in Grossaufnahme. Schnitt. Die Augen der Frau weit aufgerissen, die beiden Frontzacken ihrer Steigeisen finden im Eis keinen rechten Halt. Kameraschwenk zum Bergführer, die Geigen streichen leise, er lächelt breit, nickt emsig der Kletterin zu. Texteinblendung: «Nur Mut, du machst das gut, Barbara!» Dann Pauken und Trompeten zusammen, der Pickel bricht aus dem Eis, die Zacken der Steigeisen rutschen ab.

So ist uns geschehen. Und so würde die Szene wohl in einem Stummfilm daherkommen: die klassische Musik zur Unterstützung der Dramatik, genauso wie die übertriebene Mimik der Darsteller. Und wegen eines Stummfilms sind meine Freundin Barbara (41) und ich zusammen mit Bergführer Peter Gujan (35) auch hier an den Montebello-Fall hinter Pontresina zum Eisklettern gekommen. In «Die weisse Hölle vom Piz Palü» aus dem Jahr 1929, einem der letzten grossen Stummfilme und einem Klassiker des Bergfilms, versucht sich eine Dreierseilschaft an der noch unbezwungenen Nordwand des Piz Palü.

Die Frontzacken der Steigeisen rutschen ab

Auf ebendiese Wand hätten wir von hier, hoch über der Berninastrasse, einen schönen Blick — wenn sich der Palü nur nicht hinter den Wolken verstecken würde. Beim ersten Kletterversuch am beinahe senkrechten Eis bricht Barbaras Eisgerät, eine Art spezieller Pickel mit geschärfter Haue, tatsächlich aus, die Frontzacken der Steigeisen rutschen ab — dramatisch ist es aber nicht. Am Seil von Bergführer Peter ist sie sicher. Als Novizen des Eiskletterns müssen wir uns erst an die richtige Technik gewöhnen: Die beiden Eispickel, mit denen wir uns in die Höhe ziehen, nicht zu fest einschlagen — zum Teil reicht es bereits, wenn man es an einem kleinen Eisvorsprung einhängt, und die Frontzacken der Steigeisen im richtigen Winkel in das Eis hacken.

Sicherheit dank dem Seil von Bergführer Peter.
Sicherheit dank dem Seil von Bergführer Peter.

Frontzacken an den Steigeisen kamen erst in den 50er-Jahren auf. Zuvor mussten die Bergsteiger in steilem Gelände mit ihrem schweren Pickel noch Stufen ins Eis schlagen. Eine anstrengende Angelegenheit, die in «Die weisse Hölle vom Piz Palü» anschaulich gezeigt wird. Angeführt von Bergsteiger Johannes Krafft, der an diesem Berg seine Frau verloren hat, will das junge Paar Karl und Maria Stern die Nordwand bezwingen. Karl stürzt ab, und Johannes bricht sich bei dessen Rettung das Bein. Die Verletzungen der beiden sowie hereinbrechende Stürme machen den Abstieg unmöglich. Es folgen drei lange Nächte im Schnee und Eis, die für Johannes tödlich enden. Regisseur Arnold Fanck hat mit seinen Kameramännern für die damalige Zeit unglaublich schöne und eindrückliche Aufnahmen auf Zelluloid gebannt: Eisabbrüche, Lawinen und die Rettungstrupps aus dem Dorf, die mit ihren rauchenden Pechfackeln in der Nacht aufbrechen. Maria, die weibliche Hauptrolle, wurde überzeugend gespielt von Leni Riefenstahl. Der gute Ruf der ehemaligen Tänzerin, gefeierten Schauspielerin und Regisseurin und Fotografin nahm später aber erheblichen Schaden aufgrund ihrer Nähe zum Nationalsozialismus und zu Adolf Hitler.

Das Eis hat etwas Unergründliches, Tiefes

«Weisst — es kommt mir auf einmal unheimlich vor, das viele Eis hier oben», sagt Maria im Film gemäss Texteinblender einmal zu ihrem Karl. Irgendwie können wir das nachvollziehen. Es hat etwas Unergründliches, Tiefes dieses blau schimmernde Eis. Einmal gibt es Halt, ein anderes Mal bricht es unerwartet weg. Letzteres ist gemäss Bergführer Peter die zweitgrösste Gefahr beim Eisklettern. Die grösste aber lauert meist weiter oben: Schnee und Eis, die sich lösen können und im gefrorenen Bachcouloir gesammelt nach unten stürzen und einen verletzen oder aus der Wand reissen. Diese Gefahr besteht hier beim Montebellofall aber nicht.

Eisklettern ist auch ein bisschen Materialschlacht.
Eisklettern ist auch ein bisschen Materialschlacht.

Eis, im speziellen Eisfälle, sind noch nicht gross erforscht, erklärt uns Peter. Die Stabilität eines Eisfalls richtig einschätzen zu können, braucht deshalb viel Erfahrung. Und etwas Ungewissheit bleibe immer, führt Peter weiter aus: «Welche Spannungen im Eis herrschen siehst du nicht.»

Bald wird das Eis verschwunden sein

Der zweite Versuch auf der rund 25 Meter hohen Route klappt schon bedeutend besser. Ein gezielter und weniger kräftiger Schlag ins Eis, und die Haue hält. Mit dem einen Fuss hoch, Frontzacken ins Eis, durchstrecken, das eine Eisgerät lösen, und wieder ein gezielter Schlag. Anstrengend ist das allemal, gerade im fast senkrechten Eis sind die Muskeln konstant belastet, vor allem diejenigen in den Unterarmen und Waden. Und so kommen wir selbst bei minus 19 Grad schnell ins Schwitzen. Doch so bald wir etwas mehr Sicherheit gewinnen und einen gewissen Rhythmus finden, nimmt die Schinderei ab und der Spassfaktor zu. Das Erlebnis beim Eisklettern ist einzigartig — im wahrsten Sinn des Wortes: Morgen wird der Eisfall schon wieder anders aussehen, in einigen Tagen könnte dessen Eis eine völlig andere Qualität haben und in einigen Wochen wird er verschwunden sein.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Andrea Badrutt