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08. Juli 2013

Ein eigenes Völkli

Die Schweiz ist ein Eldorado für Camper — fast 300 Plätze stehen hierzulande zur Auswahl. Immer mehr Menschen verbringen hier nicht nur die Ferien, sondern verlegen ihren Lebensmittelpunkt während vieler Monate im Jahr in einen Wohnwagen oder einen Campingbus. Fünf überzeugte Langzeit-Campierer erzählen, was sie an dem einfachen Leben fasziniert.

Pascal Geebelen springt vor seinem Camper in die Luft
Mutiger Sprung: Gleitschirmpilot Pascal Geebelen hat sich auf dem Campingplatz 
in Interlaken ein einfaches Zuhause eingerichtet.

«Das ist mein Haus.» Pascal Geebelen (38, Bild oben) zeigt auf seinen VW Transporter mit Jahrgang 1983 auf dem Campingplatz River Lodge in Interlaken Ost BE. Ein kleines Zelt dient als Lagerraum. Pascal hat seinen Haushalt aufgelöst, in der Garage seines Bruders in Genf acht Kartons deponiert und lebt seit Mitte Juni allein in Interlaken unweit des Aare-Flussufers. Der in Lüttich geborene Sohn eines Flamen und einer Romanshornerin arbeitet im Berner Oberland als Gleitschirmpilot. Badelatschen der Marke Havaianas sind seine treuen Begleiter. «Ich habe vor zwei Jahren mein Leben verändert. Vorher verdiente ich als Projektleiter bei Dell viel Geld, hatte ein grosses Auto und eine schöne Wohnung in Genf. Aber ich wollte nicht mehr in diesem System eingepresst sein und immer noch mehr konsumieren.» Eine leere Sechs-Liter-Roséweinflasche zeugt von einer feucht-fröhlichen Party am Vorabend. Im Hintergrund pfeifen die Vögel, in den Bäumen hört man das Rauschen des Winds. Das Lebensgefühl auf dem Platz sei «ganz einfach geil». Wenn Pascal grad nicht Touristen mit seinem Gleitschirm pilotiert, paddelt er mit dem Kanu zum Brienzersee. Und immer wieder besuchen ihn Freunde aus der ganzen Welt auf dem Campingplatz River Lodge.

Ich wollte nicht mehr in diesem System eingepresst sein

Für Ende September plant er, ein weiteres Mal nach Nepal zu fliegen, wo er bereits in der Vergangenheit als Gleitschirmpilot gearbeitet hat. Über die Festtage möchte er mit seiner 15-jährigen Tochter Sara, die bei ihrer Mutter in Genf lebt, irgendwo in den Philippinen oder in Indonesien tauchen gehen. «Das Leben geht schnell vorbei. Man sollte so viele Erfahrungen wie möglich sammeln», sagt Pascal Geebelen. Auf seinem Rücken prangt eine Tätowierung in Schnürlischrift: «Too much is never enough». Ganz ohne moderne Technik kommt er auf dem Campingplatz nicht aus: Er tauscht sich mit Sara auf seinem Laptop regelmässig via Skype aus.

Leben im Sommer in ihrem Mobilehome am Bodensee: Daniela Dörig und Thomas Werthmann.
Leben im Sommer in ihrem Mobilehome am Bodensee: Daniela Dörig und Thomas Werthmann.

Das Reich von Thomas Werthmann (51) und seiner Lebenspartnerin Daniela Dörig (50) befindet sich von Mai bis Ende September auf dem Camping Seelust in Egnach TG, umgeben von einer Apfelplantage und 250 Meter vom Bodensee entfernt. Vor einem Jahr hatten sie dort ein Mobilehome aufgestellt, nachdem der gebürtige Bayer 15 Jahre lang den Sommer im Wohnwagen verbrachte. «Ich ziehe nach der Arbeit die kurzen Hosen an und fühle mich hier auf dem Camping sofort frei und ungezwungen. Abends werfen wir den Grill an und geniessen die Ruhe», begründet Werthmann. Und er lobt den Zusammenhalt: Die Campierer giessen sich gegenseitig die Blumen, schneiden sich die Hecken und mähen den Rasen. «Das nachbarschaftliche Verhältnis ist sehr gut.»

Abends werfen wir den Grill an und geniessen die Ruhe

Jeden Werktagmorgen fährt er von Egnach zur Brauerei Schützengarten in St. Gallen, wo er als Leiter Informatik arbeitet. Als er mit dem Job anfing und noch in der Nähe des Geschäfts wohnte, kam es häufig vor, dass er abends nochmals an den Arbeitsplatz zurückkehrte.

An Silvester ein Fondue unter freiem Himmel

Die räumliche Distanz zum Arbeitsort sei ein weiteres Argument für die Sommer auf dem Campingplatz. Heute wohnt das Paar allerdings in Herisau. Wenn es an einem Wochenende durchregnet — und das soll ja bei der Ausgabe «Sommer 2013» auch schon vorgekommen sein —, gehen die begeisterten Töfffahrer in ihre Eigentumswohnung, kümmern sich um Wäsche und Post.

Schlafen in einer Röhre
Schlafen in einer Röhre (Bild: TCS).

SCHLAFEN IN EINER RÖHRE
Ausserdem zum Thema: Übernachten in einem Baumhaus oder in einer Röhre. Klicken Sie sich durch die speziellsten Campingplätze des Landes. Zum Artikel.

Daniela Dörig, die 26 Jahre für die Jowa arbeitete und heute als Servicetechnikerin ebenfalls bei der St. Galler Brauerei angestellt ist, schwärmt: «Mir gefällt die Abwechslung mit zwei Wohnsitzen. In Egnach sind wir unter der Woche mehr oder weniger allein und fühlen uns ein wenig wie in den Ferien, gehen schwimmen oder Velo fahren.» Einmal pro Jahr steht die Umrundung des Bodensees auf dem Programm. Das Mobilehome mit der Terrasse, dem Grill und einer chilenischen Schmucktanne davor sei eine Miniaturausgabe ihrer Eigentumswohnung. Die Miniaturausgabe gefällt ihnen so gut, dass sie vergangenen Silvester im Cheminée ein Feuer entfacht und zum verspäteten Saisonabschluss ein Fondue unter freiem Himmel gegessen haben.

Michael Utiger vor seinem Zuhause am Walensee.
Michael Utiger ist begeistert von der Natur am Walensee.

Auf dem Camping Murg SG direkt am Südufer des Walensees duftet es nach Lindenbäumen. Die Nachbarn von Michael Utiger (31) haben Windrädli und Geranien vor dem Wohnwagen hängen. Er zieht es vor, seinen Dethleffs-Wohnwagen mit Vorzelt zweckmässig einzurichten. Seit 2012 wohnt er zur warmen Jahreszeit in Murg und fährt werktags mit seinem Auto oder Töff nach Landquart, wo er ein Kundencenter leitet. «Mich fasziniert die Natur. Hier am Walensee fühle ich mich frei und nicht in vier Wänden eingeschlossen. Ich bin ein Sommermensch», sagt Utiger. Er staune immer wieder, «was der Chef da oben geschaffen hat. Die Sonnenuntergänge sind der Hammer.»

Hier fühle ich mich frei und nicht in vier Wänden eingeschlossen

Gerne setzt er sich am Feierabend an den See, schaut auf das malerische Quinten am gegenüberliegenden Ufer, wirft seine Fischerrute aus und geniesst die Natur. Oder er bekommt Besuch von Freunden, die mit ihm ein Bier trinken und grillieren. Habe er es pressant, müsse er jeweils hinter den Wohnwagenreihen durchgehen, weil sonst jeder zweite Nachbar ihn zu einem Apéro einlädt.

Bei Regen und Kälte hat der Campingplatz ebenfalls Charme

Bis zum 15. Oktober lebt Utiger in Murg, erst danach wieder in seiner 3,5-Zimmer-Wohnung in Landquart. Dort holt er derzeit einzig jeden zweiten Tag seine Post ab; Michael Utiger verbringt die nächsten Monate auch bei Regen und Kälte im Wohnwagen. Ihm gefällt es auf dem Campingplatz sogar bei schlechtem Wetter. «Es hat dann fast keine Leute, und ich geniesse die Ruhe.» Wenn es stark auf das Blechdach des Wohn­wagens regnet, montiert er vor dem Schlafengehen Ohrenstöpsel.

Manuela Muff vor ihrem Wohnwagen mit Vorzelt.
Manuela Muff verbringt den elften Sommer auf dem TCS-Camping in Gampelen BE am Neuenburgersee.

Bereits den elften Sommer lebt Manuela Muff (43) auf dem TCS-Camping Gampelen BE am Neuenburgersee, mitten im Natur- und Vogelschutzgebiet. Sie ging schon als Kind mit ihren Eltern campieren. Zusammen mit ihrem Freund Christoph Graber verbringt sie zur warmen Jahreszeit jede freie Minute in ihrem Wohnwagen mit Vorzelt, das sie mit viel Liebe eingerichtet hat — mit einer aufblasbaren Ente aus Plastik, Solarlämpchen, Kugeln mit Kerzen und Tomatenstauden. «Hier kann ich viel besser herunterfahren vom Berufsleben. Ich schätze die Ruhe und die frische Luft», sagt sie, die zusammen mit einer Arbeitskollegin einen Coiffeurladen in Lyss BE führt. Dort ist auch ihre Wohnung, wo sie den Sommer über lediglich einmal pro Woche lüften geht.

Auf einer Wiese in der Nähe sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht

Viel lieber jasst Manuela Muff mit ihrem pensionierten Vater, der im Wohnwagen gegenüber logiert, geht spazieren, Velo fahren oder baden. Danach grilliert sie praktisch täglich. Und sie schätzt die Campierer. Sie seien ein eigenes «Völkli», das einander unterstütze, etwa wenn ein Sturm aufzieht. «Der schönste Fleck hier ist auf einer Wiese, wo ich abends schon Wildschweine, Rehe, Hasen und Füchse gesehen habe.»

Ende Juli leitet Manuela Muff ihre Post auf den Campingplatz um, denn dann hat sie zwei Wochen Ferien. «Wenn man an einem so schönen Ort lebt, wäre man ja blöd, in die Ferien zu fliegen», sagt sie, die in Gampelen jeden Tag ein bisschen Ferien hat. Am 6. Oktober, wenn der Campingplatz schliesst, heisst es für sie, zusammenpacken und wieder in ihre Wohnung nach Lyss ziehen, wo sie wehmütig an den Sommer denkt — und sich auf die nächste Saison freut.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Stephan Rappo