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28. April 2014

Ein ehrgeiziger Chäfer

Der komme dann noch auf die Welt, der Chrigel, «ich sägs der!», raunt Robert, nimmt noch einen Schluck und beugt sich verschwörerisch über den Tisch zu mir: «Weil, weisst, dem seine ist im Fall ein ehrgeiziger Chäfer! Die bleibt ihm dann nicht daheim beim Goof! Und er wollte es doch beruflich auch noch zu etwas bringen …» Ein gemeinsamer Bekannter, der Chrigel, wird Vater. Keine unerfreuliche Nachricht, wie mir scheint. Aber Robert ist besorgt. Man werde den Chrigel bestimmt nie mehr im Stadion sehen, im Spunten schon gar nicht, und der werde dann noch sehen, der Chrigel, wo er sich da reinmanövriert habe. «Statt zu verhüten, das Chalb!»

«Ich möchte entgegnen, wie beglückend es ist, Kinder zu haben …»
«Ich möchte entgegnen, wie beglückend es ist, Kinder zu haben …»

Ich bin etwas baff. Gern würde ich entgegnen, vielleicht freue er sich ja ganz einfach auf das Kind, der Chrigel? Vielleicht sei es ihm gerade recht, beruflich in den nächsten Jahren etwas kürzerzutreten, und er mache sich mit seiner Partnerin vorfreudig daran, eine Lösung zu finden, wie beide Zeit mit dem Kleinen verbringen und ihre Berufe doch nicht aus den Augen verlieren könnten?

Aber Robert redet sich ins Feuer: «Anwältin oder so etwas», weiss er über Chrigels Liebste zu berichten, «en ehrgiizige Chäfer, 'ch sägs der!» Mich befremdet der halb gönnerhafte, halb hämische Ausdruck, und ich überlege mir, ob ich je über einen Mann sagen hörte, er sei «en ehrgiizige Chäfer». Nein, bei Männern ist es ja ganz normal, dass sie beruflich Gas geben – nur Frauen wird Ehrgeiz vorgeworfen, mit dem Unterton, der arme Mann, in diesem Fall Chrigel, werde gegen seinen Willen an den Herd gezwungen.

«Unsinn!», möchte ich einwenden. Warum muss man ein erwartetes Kind, sei es auch ungeplant, als Problem sehen? Weshalb sollte Chrigel, der sich im Beruf doch schon ziemlich ausgetobt hat, die neue Situation nicht als Chance nutzen? Mich stören Wörter wie «Karriereverzicht», denn wie ich den Chrigel kenne, entscheidet er sich bewusst dafür, sein Kind aufwachsen zu sehen. Ich finde es ideal, wenn Vater und Mutter Alltagszeit mit den Kindern verbringen, wenn sie Znünibrote schmieren und das Eltern-Kind-Singen besuchen, Fudis putzen und Kindergeburtstage organisieren. Und wenn dennoch beide den Draht zur Berufswelt behalten.

Ich möchte dem Robert schildern, wie bereichernd es ist, Kinder zu haben; möchte anführen, dass die Schweiz es sich gar nicht leisten könne, gut ausgebildete Frauen wie Chrigels Freundin aus der Berufswelt auszuschliessen, sobald sie Mütter würden; bin versucht, mein Modell zu erläutern, wonach künftig Frauen und Männer in der Lebensmitte einige Jahre nur halb arbeiten und sich hälftig um Haushalt und Kinder kümmern sollten, und dafür blieben sie dann halt bis 70 im Job. «Vielleicht müssen wir die Gesellschaft grundsätzlich umbauen?», schlüge ich gern vor. Stattdessen sage ich, als er vom Pinkeln zurückkommt, nur: «Ach, Röbu …», tausche mit ihm, dem glühenden FCZ-Fan, noch ein paar Belanglosigkeiten über den Cupsieg aus, bestelle dann die Rechnung. Und werfe mir erst auf der nächtlichen Heimfahrt mit dem Velo vor, welch verdammter Feigling ich doch sei.

Daheim angelangt, erblicke ich ein SMS von Regula (und man muss wissen, dass Regula eine engagierte Berufsfrau ist, die in ihrer 60-Prozent-Anstellung mehr leistet als manch männlicher Vollzeitler): «Heute Kindergeburi mit Schatzsuche – meine erste! So herzig!» Schatzsuchen … O ja, wie gern ich sie organisierte! Und wie die Kinder sie mochten! Gottlob bin ich zu müde, um zurückzusümseln: «Geniess es! Ist dann rasch vorbei, und eh du dichs versiehst, weilt das eine Kind im Austausch in den USA, und das andere macht sich nicht mehr allzu viel aus Schatzsuchen …»

ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Lesen Sie aktuell, was Anna Lunas Gastvater mit ihr unternimmt. Zum Blog

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Autor: Bänz Friedli

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