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06. Juni 2017

Ein Chef steigt aus und lernt zu leben

Die Karriere des Topmanagers Markus Müller verlief jahrelang steil nach oben – bis er sie selbst abrupt beendete. Denn ganz glücklich war er nicht als CEO. Heute ist der ehemalige Blackberry-Chef Sterbebegleiter und Tantramasseur.

Ein Chef steigt aus und lernt zu leben
Markus Müller hatte als CEO von Blackberry Europa das Gefühl, zwei Leben zu leben. Heute fühlt er sich «eins mit seinem Leben».

Markus Müller (43) war eine Maschine. Als Blackberry-Chef Europa arbeitete er rund um die Uhr, war verantwortlich für 2000 Angestellte und eine Milliarde Dollar Umsatz. Ständig war er unterwegs. Entweder fuhr ihn sein Chauffeur von Meeting zu Meeting in Deutschland, oder er jettete nach London, Stockholm, New York. Kurz nach seiner Ernennung zum CEO sah Müller sich gezwungen, Hunderte von Stellen abzubauen. «Am Anfang ging es mir unter die Haut, Leute zu entlassen. Dann stumpfte ich ab, weil ich es sonst nicht geschafft hätte.»

Dann, eines Tages, im Sommer 2014, kam ihm ein kleines Buch mit dem Titel «5 Dinge, die Sterbende bereuen» in die Hände. Die wenigen Sätze auf dem Umschlag trafen ihn. Die Sinnfrage, die ihn schon länger beschäftigte, der er aber keinen Raum gegeben hatte, wurde plötzlich dringend. «Mir wurde schlagartig klar, dass ich mein Leben vergeudete und mir selbst fremd geworden war.» Müller kündigte, wurde sofort freigestellt und flog noch am selben Abend für sechs Wochen nach Thailand in die Ferienanlage eines Freundes.

Dort fuhr er von Hundert auf Null herunter. Er verbrachte die Tage in der Hängematte, plauderte mit Leuten, genoss das Essen. «Was macht mich glücklich im Leben?», fragte er sich. Müller wurde klar, dass er Erfolg und ein hohes Einkommen nicht mehr als erstrebenswert erachtete. Mutig findet er seinen Ausstieg rückblickend nicht. «Ich war finanziell abgesichert, das ist ein Privileg.» Zurück in München legte er sich einen Hund zu. «Der hielt mich davon ab, eine Dummheit zu begehen. Kein Headhunter konnte ihn von einem Managerjob überzeugen. Lieber machte er Spaziergänge mit Mika, dem Hund.

Eine Karriere wie aus dem Bilderbuch

Bis zum dem Tag, als Markus Müller die Reissleine zog, war seine Karriere ziemlich gradlinig verlaufen. Nach der Matur besuchte er ein Jahr die Polizeischule und studierte dann Jus mit dem Ziel, Manager zu werden. Sein Grossvater hatte ihm erklärt, was er dabei lerne, könne er bei allen wichtigen Entscheidungen brauchen: beim Heiraten, beim Hauskauf, beim Unterzeichnen eines Vertrags. Den Ehrgeiz, Karriere zu machen, hat Müller von seinem Vater. Dieser kam als erstes Kind der Familie in Deutschland zur Welt, nachdem seine Mutter, Geschwister und Grossmutter aus der damaligen Tschechoslowakei nach Berlin geflüchtet waren. Dort musste die Familie ganz von vorn beginnen.

Während des Studiums arbeitete Müller für das Elektronikunternehmen Palm in der Werbung. Die Frage, wie digitale Assistenten in Firmennetzwerke eingebunden werden konnten, faszinierte ihn. Mit einem Freund suchte er Antworten darauf. Sie gründeten eine Beratungsfirma, dann eine Softwareentwicklungsfirma, wuchsen rasch, expandierten in die USA und verkauften ihr Start-up im Jahr 2011 für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag an Blackberry.

Zehn Jahre hatte Müller damit verbracht, Firmen zu befähigen, die Mitarbeiter-Smartphones aus der Ferne zu verwalten. Nach seiner Kündigung standen plötzlich die gros­sen Fragen des Lebens im Zentrum. Ein Artikel über Sterbehilfe brachte ihn zum Weinen – er versuchte, diese Trauer zu verstehen. Weil Müller schon immer einer war, der gern aus seiner Komfortzone ausbrach, meldete er sich für die Ausbildung zum Sterbehelfer an und begleitete betagte Menschen, die zu Hause sterben wollten. Er war einfach für sie da, und sie schätzten das sehr. «Das gab mir das Gefühl, die Prioritäten wieder richtig zu setzen.» Als Manager hat er gelernt, zu jedemProblem fünf Lösungen zu erarbeiten. BeimSterben aber gibt es keine Lösung. «Das zu akzeptieren, fällt mir heute noch schwer.»

Nur noch Projekte, die die Welt verbessern

Nach seinem Ausstieg hat sich Müller auch intensiv mit der Tantramassage beschäftigt. «Früher hatte ich stets Beziehungen, bei denen ich mit dem Herz dabei war oder es vor allem um Sex ging.» Dank Tantra sei es ihm gelungen, die beiden Ebenen zusammenzuführen. Bei der Ausbildung zum Tantramasseur lernte er seine heutige Lebens­partnerin kennen und zog zu ihr nach Bern. Gemeinsam führen sie eine Tantrapraxis.

Daneben engagiert Müller sich bei der Spitex-Freiwilligengruppe in Bern als Sterbebegleiter. Und tüftelt an neuen Projekten. Sein Unternehmergeist ist wieder erwacht. Heute möchte er damit die Welt verbessern. So plant er, ein Sterbehospiz mitten in Bern zu gründen. «Früher hatte ich das Gefühl, zwei Leben zu leben», sagt er, «heute bin ich eins mit meinem Leben.» 

Weitere Infos: www.tantralove.ch

Autor: Monica Müller

Fotograf: Ephraim Bieri