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11. Februar 2013

«Ein Burn-out zu haben, gilt als legitim»

Die Zahl der Burn-out-Patienten in der Schweiz nimmt zu. Ebenso die Zahl der spezialisierten Kliniken. Allerdings erhält nicht jeder Betroffene eine angemessene Behandlung.

Thomas Ihde (44) ist Chefarzt psychiatrischer Dienst 
Interlaken und Stiftungsrat von Pro Mente Sana.
Thomas Ihde (44) ist Chefarzt psychiatrischer Dienst 
Interlaken und Stiftungsrat von Pro Mente Sana.

Thomas Ihde, als Stiftungsrat von Pro Mente Sana und psychiatrischer Chefarzt wissen Sie bestimmt, weshalb es immer mehr Burn-out-Kliniken gibt?

Ja, die Kantone haben angefangen, in der psychiatrischen Versorgung immer mehr zu sparen. Ein Effekt davon ist, dass sich die Psychiatrie gewinnorientieren muss und deshalb spezialisierte Angebote wie Burn-out-Stationen aufbaut. Dass man damit erfolgreich sein kann, demonstrierte als Erste die Privatklinik Hohenegg im zürcherischen Meilen.

Seither eröffnet eine spezialisierte Station nach der andern, zuletzt in Kilchberg am Zürichsee.

Das stimmt. Es scheint im Trend zu sein, auf diese Klientel zu fokussieren. Privatversicherte sind aber für jedes Spital interessant — in der Psychiatrie sind es die Burn-out-Betroffenen, die beides mitbringen: eine psychische Krankheit und — oft — eine Privatversicherung.

Wird «dank» Burn-out ein willkommenes Bedürfnis geschaffen?

Es wird gelenkt. Es gibt ja keine Burn-out-Klienten, die nicht leiden. Diese Leute sind psychisch krank. Aber man muss auch sehen, dass sie für die Kliniken finanziell interessant sind und es sich lohnt, sie mittels Wellness, Komplementärmedizin und Hotelambiente zu gewinnen. Privatversicherte mit Burn-out würden nicht einfach in eine Klinik gehen, auch nicht auf eine Privatstation.

Es braucht also eine Art Versprechen von «Psychiatrie Light», damit die Betroffenen sich stationär behandeln lassen?

Ja, in den Spitälern ist das ja schon länger so. Wenn Sie wegen eines kardiologischen Problems in ein Privatspital gehen, werden Sie von einer Welcome-Managerin empfangen, die mit Ihnen als Erstes den Menüplan und die Fernsehkanäle durchgeht.

Wir reden hier von Privatversicherten. Wie sieht es bei Allgemeinversicherten aus, erhalten da alle Burn-out-Betroffenen die Leistung, die sie brauchen?

Die Unterschiede zwischen Privat- und Allgemeinversicherten sind gross. Ein allgemeinversicherter Arbeiter aus dem Kosovo, der auf dem Bau ein Burn-out entwickelt, wird eine andere Behandlung erhalten.

Was für eine?

Wenn es eine akute Hospitalisation ist, dann wird das auf einer Akutstation sein. Von der ärztlichen und psychologischen Versorgung her finden dort relativ wenig Gespräche statt. Es dauert eher lange, bis die Zusatztherapien anfangen. Und vor allem sind die Therapien nicht auf ihn persönlich zugeschnitten wie auf einer Burn-out-Station. Und der Miteinbezug des Arbeitgebers findet nicht auf dieselbe Art und Weise statt.

Stressbedingte Krankheiten sind eindeutig am Zunehmen.

Wegen des Berufs oder weil er Kosovare ist oder weil er allgemeinversichert ist, oder alles zusammen?

Alles zusammen.

Gibt es weitere Nachteile?

Die Versicherungsklasse gibt quasi vor, wie schnell man Zugang zur spezialisierten Burn-out-Station hat. Meine Erfahrungen: Für einen Privatversicherten erhalte ich morgen oder übermorgen ein Bett. Für einen Allgemeinversicherten muss ich alle zwei Wochen anrufen und dann dauert es am Schluss doch zwei Monate, bis er aufgenommen wird — viel zu spät. Ferner ist beim kosovarischen Patienten die Wahrscheinlichkeit viel geringer, dass er überhaupt eine Burnout-Diagnose erhält. Viel eher wird die Diagnose «somatoforme Schmerzstörung» lauten.

Warum?

Aus Kostengründen.

Dann lautet die Diagnose also «unerklärliche körperliche Beschwerden»?

Ja. Und der Patient kommt dadurch auf eine ganz andere Behandlungsschiene — obwohl er ähnliche Symptome hat wie ein Burn-out-Patient. Bei Menschen mit Migrationshintergrund wird nur selten Burn-out diagnostiziert — und wenn, dann nur bei solchen in Kaderpositionen.

Das klingt, als wäre Burn-out für den Patienten die vielversprechendere Diagnose.

Das ist sie, nüchtern betrachtet, tatsächlich. Denn für Burn-out-Patienten gibt es viel spezifischere Behandlungen, sowohl im stationären wie im ambulanten Bereich. Und auch hier geht es wieder um Stigmatisierung: ein Burn-out zu haben, gilt heute als legitime Störung. Wer hingegen die Diagnose «Somatoforme Schmerzstörung» erhält, gilt als Simulant.

Gibt es entsprechend auch bei den Versicherungsleistungen Unterschiede?

Selbstverständlich. Für die Invalidenversicherung (IV) gilt die Somatoforme Schmerzstörung als überwindbares Leiden. Es heisst, man müsse einfach auf die Zähne beissen, dann könne man auch arbeiten.

Wie wird ein Burn-out, das ja streng genommen keine Diagnose ist, eigentlich genauer definiert?

Man geht von einer chronischen Stresserkrankung aus und diagnostiziert, mangels der Kategorie «Burn-out», etwas im depressiven Bereich, im Angst-Bereich, oder eine Anpassungsstörung. Früher diagnostizierte man bei den Frauen in der Regel eine Depression oder eine Erschöpfungsdepression.

Burn-out wird bereits zu einem Reizwort.

Die Depression war stigmatisiert, aber mit Burn-out musste man sich nicht schämen?

Genau. Aber mehr und mehr ist nun auch der Begriff Burn-out stigmatisiert.

Haben Sie ein Beispiel?

In einer Gruppentherapie, die ich leite, stellte ein Mann gleich zu Beginn klar: «Ich habe nicht nur ein Burn-out, sondern schon etwas mit Depression.» Das könnte eine Reaktion darauf sein, dass bald jeder jemanden kennt, der oder die schon ein Burn-out hatte. «Burn-out» wird bereits zu einem Reizwort, die ehemals stigmatisierte Depression hingegen klingt heute medizinischer und ernster.

War der Begriff Burn-out also eine Krücke, um die Diagnose Depression gesellschaftsfähig zu machen?

Rückblickend gesehen wohl ja. Interessant ist auch: Obwohl «Burn-out» ein amerikanischer Begriff ist, fand er nie Einzug in die amerikanische Alltagssprache. Ein Grund ist der, dass in den USA die Depression nicht so stigmatisiert war wie bei uns, es brauchte den Begriff Burn-out also gar nicht.

Zu Burn-out gibt es wegen der mangelnden offiziellen Definition keine statistischen Angaben. Lässt sich etwas zu stressbedingten Krankheiten sagen?

Sie sind ganz eindeutig am Zunehmen.

Also stark?

In allen regionalen psychiatrischen Diensten des Kantons Bern gibt es jährliche Zunahmen im Bereich von 20 Prozent bei den Konsultationen.

Wie erklären Sie sich diese Zunahme?

Krankheiten zeigen sich immer dort, wo die Gesellschaft den Schwerpunkt legt. Unsere Welt ist sehr mental geworden, kopflastig.

Deshalb ist auch die Psyche mehr gefordert?

Auf jeden Fall. Vor 30 Jahren waren die Leute noch viel mehr auf körperlicher Ebene belastet und gestresst. Heute sind es die ständigen Veränderungen am Arbeitsplatz, das sogenannte Change Management, das nie aufhört. Es gibt viel weniger Jobsicherheit. Die Anforderungen an Flexibilität und Tempo sind enorm. Und das nicht nur im Beruflichen, sondern auch im Privaten.

Autor: Esther Banz

Fotograf: Vera Hartmann