Archiv
30. Dezember 2013

Ein bisschen sein wie sie

Mir ist nicht wirklich das Christkind erschienen. Aber etwas Ähnliches. Mitten im Weihnachtstrubel. Torschlusspanische Kundschaft drängelt und ellbögelt, Trampilotinnen raufen sich die Haare, und beim Verkaufspersonal in Bahnhofstrassennähe liegen die Nerven blank. Nur eine strahlt übers ganze Gesicht, eine junge Frau mit einer Art Pagenschnitt. Steht hinter der Kasse und ist üüüberhaupt nicht in Eile, erklärt gerade einer Kundin, weshalb sie sich eine Molekularstruktur auf den Unterarm habe tätowieren lassen. Ich schnappe nur «Liebe» auf und «einmal anders dargestellt» – offenbar ein Liebes- oder Glückshormon –, betrachte die anderen Tattoos, mit denen die Arme der Frau übersät sind; künstlerisch hochwertig allesamt, wie ich meine. Und denke bei mir: Die ist anders. Irgendwie anders. Und ganz offenbar ist sie völlig bei sich.

Ein Hippie-Playmobil-Männchen inmitten normaler Playmobil-Männchen.
«Bist du nicht der ähhh, der Dings?»

Tochterherz und ich sind in dem lustigen Seifenladen, den sie so mag. (Anna Luna findet immer einen Vorwand, um dorthin zu gehen, und so kurz vor Weihnachten findet der sich leicht.) Nun sind wir zuvorderst in der Schlange angelangt, die junge Kassenfrau ist gerade dabei, unsere Seife … Nein, nicht in ein Papier zu wickeln, sondern kunstvoll in ein Tuch zu hüllen. Solch ein Weihnachtsgeschenk hab ich noch nie gesehen! Und ob allem Hüllen und Schlingen hält sie inne: «Bist du nicht der … ääh? Kommst mir irgendwie bekannt vor.»

Bist du nicht der ähhh, der Dings?

Wie meist in solchen Fällen murmle ich etwas von: «Kann schon sein …» und «Neinnein, ich bin der kranke Bruder.» Sie insistiert: «Autor? Dings, dieser … ich habs! Du bist der Bänz! Ich bin die Lycra.» Und so baff ich bin, entfährt mir doch automatisch: «… Nike Stella Cosma Caterpillar Laiber-Stattmann.» Ihren Namen weiss ich auswendig, wiewohl wir uns in diesem Moment zum allerersten Mal begegnen. «Genau die bin ich», lacht sie. Wir mailten hin und her, vor Jahren, nachdem ich hier gefragt hatte, ob es menschenmöglich sei, dass Eltern, wie mir zu Ohren gekommen war, ihr Kind auf den Namen Lycra Nike Stella Cosma Caterpillar getauft hätten, worauf sie sich noch am Erscheinungstag meldete: Ja, es sei möglich. Sie lebe und sei bester Dinge.

Jetzt steht sie vor mir, und ich schwörs, Leute! Sie sieht nicht wie eine Lisbeth aus, nicht wie eine Cornelia, nicht wie ein Vreni und schon gar nicht wie eine Cheyenne – nein, müsste ich ihr in diesem Augenblick einen Namen geben, ich riefe: Lycra! Denn genauso sieht sie aus. Und mit einem Mal kommt es mir bünzlig vor, dass ich mich je über ihren Namen aufgehalten habe. Ist ja so ein bisschen mein Hobby: eigenartige Namenskombinationen. Und ich habe Britney Gäggeler, Kevin Hugentobler und Rihanna Lanz meines Mitgefühls versichert, glaubend, mit solchen Namen lebe es sich nicht leicht.

Aber Lycra Nike Stella Cosma und so weiter? Kann es sein, dass die Art, wie sie mir hier gegenübersteht, knapp 20 Jahre alt und mit bewundernswertem Selbstbewusstsein, eigenständig, charmant … Und wenn ich sie frage, was sie denn so treibe im Leben, sagt sie schalkhaft: «Seifen verkaufen!» Kann es sein, dass diese Persönlichkeit mit dem besonderen Namen zusammenhängt, den sie trägt? Dann wären ihre Eltern dazu nachträglich zu beglückwünschen. Und ich glaube, es täte uns allen gut, im neuen Jahr ein bisschen zu sein wie Lycra. Weniger brav. Weniger angepasst. Einzigartig.

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

Die Hörkolumnen bei iTunes

Die Hörkolumnen mit RSS-Client

www.derhausmann.ch
Sein Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli