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27. Juni 2016

Ein bisschen Freiheit für betagte Fahrer

Ab 1. Juli gelten für Autolenkerinnen und Autolenker ab 70 neue Regeln im Strassenverkehr. So können sie einen Ausweis für bestimmte Strecken oder Tageszeiten beantragen. Die Neuerung macht nicht alle glücklich.

kurze Fahrten für ältere Lenkerinnen
Dank dem «Fahrausweis light» bleiben kurze Fahrten für ältere Lenkerinnen und Lenker länger erlaubt. (Bild: iStockPhoto)

Drohende Demenz, verlangsamte Reaktions­fähigkeit und vermindertes Sehvermögen: Senioren gehören nicht mehr hinters Steuer – so die Meinung vieler.
Auf der anderen Seite bedeutet der Führerausweis für viele betagte Lenker, die körperlich noch fit sind, ein Stück Freiheit, Unabhängigkeit und Autonomie.

Seit 1970 ist ein Gutachten eines Arztes entscheidend, ob ein Senior ab 70 noch Auto fahren darf oder nicht. Ab 1. Juli gibt es neu nicht nur ein Ja oder Nein, sondern auch noch eine Zwischenlösung mit dem «Fahrausweis light». Mit der revidierten Verkehrszulassungsverordnung soll es Senioren erlaubt sein, zu bestimmten Zeiten, in einem bestimmten Rayon, auf bestimmten Strassentypen und zu einer bestimmten Höchstgeschwindigkeit unterwegs zu sein. Sie ist Teil des Verkehrssicherheitspakets Via sicura.

Beispielsweise wäre es einem älteren Lenker weiterhin erlaubt, den Weg von zu Hause ins Einkaufszentrum zurückzulegen, nicht aber den Weg über die Autobahn. Die Strassenopfervereinigung Road Cross steht der neuen Regelung skeptisch gegenüber: Gerade innerorts würden sich die meisten Fussgängerstreifen, Schulhäuser und spielenden Kinder befinden.

Der Aargauer SVP-Nationalrat Maximilian Reimann (74) fordert zudem, dass die obligatorische Fahrtauglichkeitsprüfung erst ab 75 und nicht schon ab 70 stattfindet. Beide Kammern haben der parlamentarischen Initiative zugestimmt. Die Gesetzesrevision könnte auf 2018 in Kraft treten. 

Rolf Seeger ist Verkehrsmediziner beim Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich
Rolf Seeger ist Verkehrsmediziner beim Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich

EXPERTENINTERVIEW

«Es gibt wenige Senioren, die von einer Rayonbeschränkung profitieren»

Rolf Seeger ist Verkehrsmediziner beim Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich.

Rolf Seeger, wie wichtig ist Mobilität für Senioren?

Mobilität hat eine enorme Bedeutung erlangt. Wir von der Verkehrsmedizin wollen sie deshalb so gut wie möglich erhalten. Gerade Gehbehinderte sind stark auf das Auto angewiesen. Sie haben Mühe, in einen Stadtbus einzusteigen, wenn sie etwa Rheumaschmerzen haben. Es gibt aber viele Senioren, die problemlos auf den ÖV umsteigen könnten. Sie haben sich einfach angewöhnt, dass man seit Jahrzehnten für alles das Auto nimmt. Das hat viel mit Bequemlichkeit und Gewohnheiten zu tun.

Neu gibt es die Möglichkeit einer Rayonbeschränkung für Senioren ab 70. Red Cross kritisiert das, weil Senioren innerorts die grösste Gefahr darstellten. Ist die Beschränkung überhaupt sinnvoll?

Für mich gibt es wenige Senioren, die von einer Rayonbeschränkung profitieren würden. Wer gut im Kopf ist, beschränkt sich selber und geht mit 85 nicht mehr auf die Autobahn. Wer allerdings an Demenz erkrankt, merkt es krankheitsbedingt nicht mehr, wenn der Zeitpunkt zur Führerausweisabgabe gekommen ist. Doch demente Leute machen die schlimmsten Fehler eben genau am Wohnort: Sie fahren mit 60 beim Schulhaus vorbei, übersehen Fussgänger oder fahren ohne Kontrollblick aus dem Parkplatz heraus.

Braucht es da nicht regelmässigere Kontrollen als nur ein Mal pro Jahr?

Es wäre wünschenswert, wenn der Hausarzt alle paar Monate ein Auge auf die Gesundheit werfen würde. Wenn wir jemanden mit einer leichten Form von Demenz zulassen, wollen wir ihn nicht erst nach zwei Jahren wiedersehen. Wir bereiten den Senior, nach Möglichkeit zusammen mit den Angehörigen, darauf vor, dass er den Ausweis bald los sein könnte.

Eine vom Parlament gutgeheissene parlamentarische Initiative verlangt nun zusätzlich, dass die obligatorische Fahrtauglichkeitsprüfung erst ab 75 stattfindet. Pro Senectute und das BfU sind gegen eine Erhöhung des Alters.

Ich bin auch nicht glücklich darüber. Es gibt Menschen, die vor 70 Krankheiten haben, die sie fahruntauglich machen. Diese Menschen werden mit 70 erstmals kontrolliert und merken erst dann, dass beispielsweise der Star operiert werden muss. Im Kanton Zürich geben pro Jahr rund 1000 Senioren im 70. Altersjahr ihren Ausweis ab, oder er wird ihnen ent­zogen. Ab 71 sind es etwa 200 pro Jahr. Das zeigt, dass viele gefährliche Auto­fahrer mit 70 ausscheiden und es fahrlässig wäre, noch fünf weitere Jahre zuzuwarten.

Ab welchem Alter gehören Seniorinnen nicht mehr auf die Strasse?

Zwischen 80 und 85 Jahren erreichen 90 Prozent ihre Leistungsgrenze, auch Menschen ohne Demenz. Ab 75 steigt das Risiko, dass Senioren Unfälle bauen. Diesen Tatsachen muss man ins Auge sehen. Eine Leistungsabnahme ist bei Senioren normal.

Wann geben Sie Ihren Ausweis ab?

Auch wenn ich kerngesund bleibe, rechne ich damit, dass ich den Ausweis ungefähr mit 80 abgeben werde. Es ist wichtig, dass man sich sehr früh Gedanken darüber macht, was es bedeuten würde, ohne Führerausweis weiter zu leben. Notfalls muss man auch den Wohnort wechseln. Für Personen, die etwas ausserhalb wohnen, gibt es Alternativen wie etwa Elektromobil-Einplätzer, die bis zu 20 Kilometer pro Stunde fahren. Meine Eltern haben ihren Fahrausweis beide vor 85 abgegeben. Einige Jahre vor der Abgabe haben sie sich bereits ein Generalabonnement gekauft, um sich langsam umzustellen. Der öffentliche Verkehr gibt ihnen eine gewisse Lebensqualität zurück. Sie kommen auf diese Weise mit ­anderen Menschen ins ­Gespräch, ­öffnen sich gegenüber der Aussenwelt und bleiben nicht isoliert im ­eigenen Auto. 

Autor: Anne-Sophie Keller