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14. Oktober 2013

Ein Bäbi namens ...

Manchmal will der Konsumentenschutz uns unnötig schützen, gopf. Vor den Migros-«Minis», zum Beispiel, den Spielzeugprodukten, die derzeit erhält, wer in der Migros einkauft: Kleinstcervelats, Mineralwässerchen, WC-Papierrölleli … «Mit dieser Aktion manipuliert die Migros unsere Kinder», meckerte die Präsidentin des Konsumentenforums. Es sei «verwerflich», die Kleinen auf Eigenmarken der Migros anzufixen — reines, fieses Marketing.

Cremetta Bisquit Packung ovn Chocolat Frey, M Classic Paprikachips und eine Packung Vanilleglacé aus der Migros auf einem Tisch.
«Ich muss von meiner ersten Liebe erzählen.»

Aber ich bitte Sie, Frau Konsumentenschützerin! Lockern Sie Ihre Nackenpartie, nehmen Sie einen Schluck Aproz und relaxen Sie ein bisschen. Diese Aktion ist einfach nur cool. (Und damit das klar ist: Das schreibe ich aus freien Stücken und nicht, weil der Herr Bolliger mich dazu gedrängt hätte.) Anfangs wollte ich, da ich unsere Kinder dem Verkäuferlialter entwachsen wähnte, ja gar nicht mitsammeln. Aber wenn die 15-jährige Tochter einen dazu anhält …? Easy, natürlich ist es Teil einer Biografie, wo und wie die Eltern einkaufen. Aber deshalb wird man noch nicht zum Markenjunkie. Ich kenne eine junge Frau, die ihr Bäbi einst spielerisch nach einem damaligen Migros-Label taufte: Migrosana. Die Frau ist heute 20 und alles andere als eine Konsumtussi. Aber, huch! Können die Besorgten hypern! Ein Kindheitssoziologe warnt: «Bei Kindern bis zwölf besteht bei solcher Eigenwerbung die Gefahr der Manipulation. Der Ausdruck ‹Handy› wird mit Geschirrspülmittel gleichgesetzt, die Produktvielfalt auf die Form reduziert, wie sie in der Migros erhältlich ist.» Im Soziologenjargon heisst das dann: Der Erfahrungsspielraum der Kinder werde eingeschränkt.

Ich muss von meiner ersten Liebe erzählen.

Klar, ist die rote Flasche für ein Migroskind wie mich Synonym für Abwaschmittel, Herr Soziologe! Aber das heisst doch noch nicht, dass Kinder doof sind und sich leichthin manipulieren lassen? Nehmen Sie noch grad mal mich: Ich planschte im elterlichen Bassin eine Jugend lang mit einem Wasserball der Benzinmarke «Fina» — und besitze heute trotzdem kein Auto. Ich trug, wie nahezu jedes Schweizer Kind in den 70er-Jahren, die blau-weiss-rote Skimütze der Kreditanstalt — und hatte dort später dennoch nie ein Konto. Ich schwatzte, wenn im Dorf ein WK einquartiert war, den Soldaten kiloweise Militärbiskuits ab — und wurde doch dienstuntauglich. Hey, wir leben im Kapitalismus, und Kinder lernen früh, sich dagegen zu wappnen. Wer sich nun wegen irgendwelcher Mini-Joghurts um die Kleinen sorgt, unterschätzt sie. Die «Minis» sind herzige Spielzeugchen, nicht mehr und nicht weniger, und die Migros wäre ja blöd, sie hätte dafür nicht Eigenmarken gewählt.

Vielleicht muss ich von meiner ersten Liebe erzählen? Von Cremetta, der Schoggi, die Füllungen in drei Farben enthält. Vor Kurzem schichtete ich wahllos Süssigkeiten in den Einkaufskorb. Wollte einem armen Rekruten ein Fresspäckli schicken. Auch eine Tafel Cremetta nahm ich (Gar nicht gewusst, dass es die noch gibt!), vergass sie dann aber ins Päckli zu legen, probierte sie, nach Jahrzehnten, selber und … Mmmh! Schon war ich ich wieder der Bub von damals. «Aber da steckt bestimmt noch immer jede Menge Chemie drin», tröstete ich mich, «das Kleingedruckte will ich gar nicht wissen …» Dann las ich es doch und erfuhr, die Farben der Füllungen seien natürlich erzeugt: mit Gemüseextrakt. Verheerend für meine Linie, denn nun werde ich noch mehr Cremetta kaufen. Nur, warum gibt es die eigentlich nicht als «Mini»?

Bänz Friedli live: 23.10. in Schüpfheim LU

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli