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08. August 2016

Ein Armreif, himmelblau

Farbige Armreife
Farbige Armreife wie jeen von Mariagrazia.

Meinen ersten Tag an der Sekundarschule, der Uni, beim ersten Arbeitgeber? Daran habe ich null Erinnerungen. Aber an den ledernen Tornister mit dem braunweiss gescheckten Kuhfell erinnere ich mich und an den ersten Morgen in der ersten Klasse. Frau Krüger war lieb und alt, schien mir. Doch sie muss blutjung gewesen sein, eben von einem Trip im VW-Bus heimgekehrt, der sie und ihren Liebsten in Hippie-Manier bis nach Nepal geführt hatte. Mit «Namasté» begrüsste sie uns, der Grussformel der Hindus, und legte dazu ihre Handflächen aneinander.

Wer könnte nicht vergilbte Fotos vom ersten Schultag hervorkramen, vom eigenen und von dem der Kinder? Noch sehe ich meinen Sohn vor mir in seiner orangefarbenen Sommerjacke, glühend vor Vorfreude und dennoch mit einem Anflug von Ängstlichkeit. Vor allem aber mit dem Stolz, endlich «ein Grosser» zu sein. Und wehe, die Lehrerin hätte am ersten Tag keine Hausaufgaben gegeben! Denn zu Beginn wollen die Kleinen zur Schule gehen, mit aller Kraft. Allmählich erst wird aus dem Wollen ein Müssen.

Sie fiel mir gleich auf mit ihrem roten Haar und ihrer zärtlich kindlichen Art: Mariagrazia. Tief in Kalabrien, wo das europäische Festland sich verliert, und dann nur noch Meer und Afrika. Es ging gegen Mitternacht, als sie uns Spaghetti alla carbonara servierte. Nach ihrem Namen habe ich erst später gefragt, und sie bemühte sich auf beinahe erwachsene Weise, mir statt im Dialekt in richtigem Italienisch zu erklären, weshalb ein so kleines Mädchen abends noch in der Trattoria aushelfe. Und dass sie, verschmitzt kam es hinter den herbstlichen Sommersprossen hervor, elfjährig sei.

Wie wissbegierig sie war! Sie stellte Frage um Frage. Es war der 4. Oktober, und weil die neuen Schulzimmer noch nicht fertig gebaut waren, war sie nach den grossen Ferien noch nicht in die Schule zurückgekehrt. Die hätte schon Anfang September beginnen sollen. Sie wartete sehnlichst. Später wolle sie das Realgymnasium besuchen, weil ihr grosser Bruder noch die Bücher habe und eine ihrer Tanten dort Sekretärin sei. «Und wenn ich gut genug bin, möchte ich danach an die ‹Università›.» Sie würde es schwer haben, zumal als Frau, in einem Süditalien, das von Europa immer mehr wegdriftete. Ihre farbigen Armreife gefielen mir, ich durfte einen auswählen, den himmelblauen, und sie streifte ihn mir über die viel zu grosse Hand. In den Schweizer Winter hinein trug ich ihre Entschlossenheit am Handgelenk. Und ihre Sommersprossen.

Grazie, Mariagrazia! Ich wüsste gern, was aus dir geworden ist. Unsere Begegnung liegt 27 Jahre zurück. Zur Schule gehen müssen? Wenn ich an dich denke, fällt mir auf, dass es eigentlich ein Dürfen ist.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli