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13. Februar 2017

Ein Anfang am Ende der Flucht

Fünf Jahre lang waren Mengsiteab Ambasajer und seine Frau unterwegs. Seit fünf Jahren sind sie nun in der Schweiz. Im August hat der Eritreer eine Lehre beim M-Industriebetrieb Micarna begonnen. Er ist der erste Teilnehmer des Projekts «Maflü», das jungen Migranten eine berufliche Perspektive bieten will.

Mengsiteab Ambasajer macht die Lehre bei Micarna und ist Teil des Projekts «Maflü».
Mengsiteab Ambasajer macht die Lehre bei Micarna und ist Teil des Projekts «Maflü».

Mengsiteab Ambasajer kommt aus Eritrea. Mit seiner kleinen Familie lebt der junge Mann in Freiburg. Zurzeit macht der 29-Jährige bei Micarna in Courtepin FR eine Ausbildung zum Anlagenführer. Vor zehn Jahren flüchtete der damalige Sekundarschüler aus seiner Heimat vor dem obligatorischen Militärdienst, der für seine Härte bekannt ist und willkürlich verlängert werden kann.

Zusammen mit seiner Frau verliess Mengsiteab seine Geburtsstadt Senafe. Auf der Suche nach einer besseren Zukunft reisten die beiden durch Äthiopien, den Sudan bis nach Libyen, wo sie vier Jahre im Gefängnis verbrachten, weil sie illegal ohne Papiere eingereist waren. Nach seiner Freilassung floh das Paar in Richtung Europa.

Übers Mittelmeer und Italien ging es in die Schweiz nach Freiburg. Hier leben Mengsiteab und seine Frau seit fünf Jahren, hier kamen ihre Kinder zur Welt. Der Sohn ist inzwischen fünf, die Tochter drei Jahre alt. Mit Hilfe der Caritas und der Unterstützung des Kantons Freiburg besuchte der Eritreer zwei Jahre lang Französischkurse. «Am Anfang habe ich nichts verstanden. Ich ging zum Kurs und dann nach Hause. Weil ich die Übungen zu Hause wiederholte, machte es nach einem Jahr klick», erinnert er sich.

Arbeitsalltag und Ausbildung

Die erste Ausbildung als Elektriker musste Mengsiteab aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Caritas-Mitarbeiter erzählten ihm von «Maflü», dem Flüchtlingsprojekt des M-Industriebetriebs Micarna – daher auch der Name «Maflü». Dank seiner Französischkenntnisse und der grossen Motivation konnte er im August ohne Vorlehre eine drei- jährige EFZ-Ausbildung beginnen. Seither werden seine Wochen vom Arbeitsalltag in der Micarna und den Kursen in der Berufsfachschule bestimmt.

Um 4.30 Uhr steht Mengsiteab auf. Arbeitsbeginn in Courtepin ist bereits um 6 Uhr. Es folgt das Abstempeln, die Umkleide und, wie für alle Arbeiter, das tägliche Reinigungsitual, bevor er seinen Arbeitsplatz in der Produktionshalle betreten darf. Diese Gewohnheiten hat der Eritreer schnell verinnerlicht: «An den Maschinen arbeiten, Fleisch zubereiten, die Folien wechseln, die verschiedenen Programme verwalten, der Kontakt mit dem Team. Momentan gefällt mir alles.»

Um 16 Uhr ist Feierabend. Dann geht Mengsiteab wie jeder Angestellte nach Hause, verbringt Zeit mit seinen Kindern und bespricht das Erlebte mit seiner Frau. Noch hat er wenig Zeit für Freizeitaktivitäten, und es mangelt ihm auch an sozialen Kontakten, was die Integration erschwert. Doch er ist zuversichtlich.

Seine Kinder, die in Freiburg in den Kindergarten gehen, sprechen besser Französisch als er. Mengsiteab hofft, dass er dank seiner Ausbildung bei der Micarna auch bald besser Französisch spricht, Freunde findet und später einem festen Beruf nachgehen kann. «Ich bin glücklich, dass ich hier in der Schweiz sein darf und gut aufgenommen wurde. Ich bedanke mich bei Caritas, der Schweiz und Micarna für die Chance, die mir gegeben wurde.»

Ein Gewinn für beide Seiten

Auch wenn eine Geschichte, wie die von Mengsiteab noch selten ist, so kann sie zweifellos als Beispiel dienen. Am 1. Oktober hat ein zweiter Flüchtling seine Vorlehre bei der Micarna begonnen. Ihn erwartet ein intensives Ausbildungsprogramm. «Das ist Teamwork und eine Win-win-Situation», sagt Benoît Berset, Leiter der Personalentwicklung.

Wir brauchen qualifiziertes und interessiertes Personal. Im Gegenzug ermöglichen wir diesen Menschen eine berufliche Zukunft in der Schweiz.» Und er ergänzt: «Um sich zu integrieren, müssen sich die Kandidaten aber auch mit unseren Werten identifizieren und sich an die Arbeitsweisen anpassen.» Motivation und Sprachkenntnisse sind die Schritte auf dem Weg zur Integration – beruflich und auch sozial.

Autor: Estelle Dorsaz