Archiv
27. Dezember 2016

Für Giacobbo/Müller ist es kein Vergnügen, eigene Sketches zu schauen

Die SRF-Komiker und Schauspieler verraten ihre Highlights aus der Satiresendung «Giacobbo/Müller» – mit Video-Ausschnitten – und die Gründe, weshalb sie nicht gerne über Persönliches sprechen. Lesen Sie dazu auch das Interview mit ihrem «Jahresrückblick».

«Giacobbo/Müller»
Mike Müller und Viktor Giacobbo gehen glatt als altes Ehepaar durch.

Mike Müller und Viktor Giacobbo, haben Sie Ihre Sketche immer selbst geschrieben?

Giacobbo: Es gab in den neun Jahren nur ganz wenige Ausnahmen, als unser Co-Autor Domenico Blass mal einen geschrieben hat, aber 90 Prozent sind entweder von Mike oder von mir. Ich habe in der Regel die Regie gemacht, so liessen sich die günstig und mit kleinem Team produzieren.

Sketch bei «Giacobbo/Müller»: Frau Martullo Blocher und Toni Brunner

Sehen Sie sich selbst gerne später im Fernsehen in diesen Sketchen?

Giacobbo: Wir müssen.
Müller: Es gehört zum Beruf. Wir schauen sie bei der Abnahme und dann auch später in der Sendung.
Giacobbo: Aber es ist kein Vergnügen. Vieles in der Sendung läuft ja spontan ab, und oft weiss ich unmittelbar nach einem Talk nicht mehr, was ich alles gesagt habe. Wenn ich es mir später ansehe, fällt mir natürlich jede Unebenheit auf, die mich dann ärgert. Selbst bei den vorbereiteten Sketchen findet jeder von uns Passagen, bei denen er mit kleinen Details nicht zufrieden ist. Zum Glück merkt so was ausser uns meist niemand.

Ihre Lust auf die Sendung habe ein wenig nachgelassen, hiess es zur Begründung ihres Endes …

Müller: Das haben wir nie gesagt.
Giacobbo: Doch, ich habe da schon mal …
Müller: Was? Da sieht man mal wieder, was du für einen Mist erzählst.
Giacobbo: Ich habe es aber anders gesagt: Wir wollen aufhören, solange die Lust noch da ist. Das impliziert, dass sie mal nachlassen könnte. Hat sie nicht, hätte aber passieren können. Und so finden wir beide, dass das jetzt der richtige Zeitpunkt zum Aufhören war.
Müller: Und wie die Zuschauer uns wirklich fanden, konnten wir, von der Quote abgesehen, nur schwierig beurteilen.
Giacobbo: Das Kriterium war immer: Wenn wir es lustig finden, kommt es in die Sendung. Und mit der Zeit entwickelte sich ein Stammpublikum, das diesen Humor teilte. Aber auch die fanden nicht alle unsere Figuren gleich lustig. Manchmal haben wir auch welche gespielt, wo wir wussten, dass die nur eine Minderheit lustig findet – aber die dafür umso mehr.

Ein Sketch aus früheren Zeiten: Roger Schawinksi hat Weihnachten erfunden.

Haben sich karikierte Politiker oft beklagt? Stimmt der Eindruck, dass SVPler in solchen Dingen entspannter sind als die Linken?

Giacobbo: Der Eindruck stimmt definitiv.
Müller: Wobei sich die meisten eigentlich nicht beklagt haben, im Grunde nur einer.
Giacobbo: Der noch amtierende Bundespräsident. Ansonsten gab es kaum je direkte Klagen bei uns. Nicht mal Ueli Maurer hat sich beschwert, obwohl der ja im Laufe der Jahre häufig drankam. Er sagte mal, er schaue die Sendung nicht – und das ist okay. Ab und zu kam es vor, dass sich jemand beklagt hat, wenn einer von der Gegenseite im Talk gut angekommen ist. Dann wurde beklagt, dass man dem so unkritisch ein Forum gegeben habe.

Haben sich auch manchmal Politiker gemeldet, die unbedingt kommen wollten?

Giacobbo: Ja, Andreas Glarner zum Beispiel.
Müller: Den hatten wir in vorherigen Sendungen thematisiert. Und wir fanden es sportlich, dass er sich dieser Kritik stellen wollte.
Giacobbo: Andere signalisierten indirekt, dass sie gerne würden. Das spürte man, wenn man sie an irgendwelchen Anlässen traf.

Kamen welche auch nur unter Bedingungen?

Giacobbo: Nein, das hätten wir nicht akzeptiert. Es gab auch nie Vorgespräche, wir haben ihnen einfach immer Verhaltenstipps gegeben – zum Beispiel, dass es gut ankommt, etwas Selbstironie zu zeigen.
Müller: Manche haben dann versucht, besonders lustig zu sein, das ist nicht immer geglückt.

Wer war in den neun Jahren ein Highlight und hat Sie positiv überrascht?

Giacobbo: Ausserordentlich war sicher Eveline Widmer-Schlumpf, die als erste Bundesrätin zu uns kam, und als trockene Amtsperson galt. Aber man merkte rasch, wie viel Humor sie hat. Sie zog auch über uns her und wirkte wahnsinnig sympathisch dabei. Es hat uns echt gefreut, dass wir eine ganz andere Seite von ihr zeigen konnten. Und natürlich der locker-souveräne Auftritt von Doris Leuthard in unserer letzten Sendung.

Sketch bei «Giacobbo/Müller»: Sternstunde Rating.

Sie sprechen beide äusserst ungerne über Persönliches. Warum eigentlich?

Giacobbo: Privat ist privat, und das geht niemanden etwas an. Wir stehen schon so genug im Schaufenster. Und fragen kann man immer.
Müller: Ja, wir zeigen eigentlich sehr viel von uns, geben unsere Meinung preis.
Giacobbo: Wir machen uns beruflich zum Affen, aber dafür verzichten wir auf Homestorys.

Dann sind Sie nicht so gerne öffentliche Personen?

Müller: Doch. Wir fanden unseren Job neun Jahre super, und der war öffentlich. Die Journalisten fragen immer, was unser Highlight war – darauf haben wir eine gute Antwort: Dass Viktor und ich nach neun Jahren intensiver Zusammenarbeit immer noch so dick befreundet sind. Das ist öffentlich, es findet nicht im Verborgenen statt. Auch wenn ich vor der Kamera stehe, zeige ich etwas von mir, riskiere etwas, denn auf der Bühne kann ich auch öffentlich abschiffen. Wie ich hingegen aussehe, wenn ich eine halbe Flasche Weissen und eine ganze Flasche Roten getrunken habe …
Giacobbo: … das ist dann allerdings schon ein ziemliches Spektakel …
Müller: … das halten wir für nicht sehr wesentlich für unsere Arbeit.
Giacobbo: Aber es hat uns immer gefreut, wenn die etwas dümmliche Boulevardpresse den Köder schnappte, sobald wir in unserer Sendung irgendetwas Blödes behauptet haben.
Müller: Wir haben auch schon recht persönliche Dinge im Fernsehen und auf der Bühne preisgegeben, und niemand hat es bemerkt.
Giacobbo: Das Stück «Erfolg als Chance» war etwas vom Privatesten, was wir je gespielt haben – und da ist niemand drauf gekommen.
Müller: Die Fotos vom Schaumbad und den Wohnwänden in der «Schweizer Illustrierten» hingegen sind doch bloss ein Ritual. Damit zeigt man doch nichts wirklich Privates.

Sie werden von Leuten geschaut, die sich entspannen und den Abend ausklingen lassen wollen. Was schauen Sie selbst zur Entspannung?

Giacobbo: Oft nichts – lieber lese ich oder sitze mit Freunden zusammen und trinke ein Glas Wein. Oder ich schaue eine Netflix-Serie: «Die Brücke», «Breaking Bad», «Black Mirror» …
Müller: Hast du «Suits» gesehen? Soll ich mir die anschauen?
Giacobbo: Ja, das lohnt sich, schauspielerisch ist es sehr gut, es spielt in der New Yorker Anwaltsszene.
Müller: Ich bin auch ein grosser Leser. Bin ich selbst am Drehen, schaue ich allerdings nicht gern Serien. Dann konzentriere ich mich automatisch zu sehr auf die technischen Aspekte – und das finde ich blöd.
Giacobbo: Wir lesen beide viel, ich am liebsten Belletristik. Schliesslich bin ich auch noch im Verwaltungsrat des Verlags Kein und Aber.

Welche Comedians schauen Sie?

Giacobbo: Gar nicht so viele. Vielleicht mal Louis C.K., wie du ja auch …
Müller: … ja klar. Ich schaue mir die Comedians lieber im Theater an.
Giacobbo: Ich sehe alle, die im Casinotheater Winterthur auftreten – also die gesamte Schweizer Szene und viele aus dem deutschsprachigen Raum.
Müller: Sogar Australier wie die Umbilical Brothers. Da waren die deutschen Kollegen neidisch, als die bei uns in der Sendung waren.

Autor: Monica Müller, Ralf Kaminski

Fotograf: Dan Cermak