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26. Januar 2015

Eifersucht bei Kindern

Kinder wollen oft das, was die andern haben. Wie Eltern auf diese Wünsche reagieren können ‒ und wie sie lernen, auch mal Nein zu sagen.

Eifersucht bei Kindern
Kinder wollen oft das, was die andern haben (Illustrationen: Illumüller).

Unsere Tochter Davina hat vermutlich schon 50 Handtaschen», lässt sich Cervelat-Promi und Selfmade-Millionär Robert Geiss (50) in der Zeitschrift «Closer» zitieren. «Wir versuchen zwar, den Kindern ein Verhältnis zu Geld beizubringen, nur eben nicht sehr erfolgreich.» Die Beschenkte ist zehn Jahre alt, kann sich aber dank unzähliger Schuhe, Taschen und anderer Accessoires kleiden wie eine Grosse.

Immerhin ist die Frage der eigenen Tochter, wieso sie keine 50 Handtaschen habe, für die meisten Eltern relativ einfach zu beantworten: «Weil wir im Gegensatz zu der Familie Geiss keine Multimillionäre sind.» Schwieriger wird es, wenn die Kleine ein iPhone will, weil alle Klassengspänli bereits eins haben.

Mit der Aussage «Alle habens, nur ich nicht!» werden Eltern immer wieder konfrontiert. Wie reagiert man darauf? «Bleiben Sie erst einmal gelassen», rät Robert Schmuki (51), Direktor der Pro Juventute und selber Vater von zwei bald erwachsenen Söhnen. Schmukis Tipp Nummer Eins dazu: «Fragen Sie Ihr Kind, wer denn all die anderen seien. Fragen Sie nach Namen.» Oftmals sei das Argument dann vom Tisch, weil der Gefragte keine Gspänli nennen kann. «Fallen tatsächlich konkrete Namen, können Sie deren Eltern fragen, was sie zur Anschaffung bewogen hat. Vielleicht gibt es ja gute Gründe dafür.»

Eine Alternative ist auch, einen Kompromiss zu finden. Etwa, indem der Nachwuchs das iPhone von Mami oder Papi zu bestimmten Zeiten nutzen darf. «Und wenn man als Eltern schlicht gegen eine solche Anschaffung ist», so Schmuki, «sollte man das dem Kind auch sagen und erklären, warum man dagegen ist.» So nimmt man seine Sprösslinge ernst und setzt ihnen gleichzeitig Grenzen. Dies brauche Zeit, und gerade darum ist der wichtigste Rat an Eltern: «Setzen Sie sich mit Ihrem Kind auseinander. Finden Sie heraus, wozu es das Gewünschte benötigt.»

Zeit ist das Wichtigste, was man dem Nachwuchs schenken kann

Sieht man sich genauer an, warum Eltern ihren Nachwuchs verwöhnen und in welchen Bereichen sie dies tun, so zeigt sich: Verwöhnung ist eher Mangel als Überfluss. «Es ist im Prinzip eine Form der Vernachlässigung», so Schmuki. Kinder wollen, dass Eltern sie anleiten, fordern und fördern, kritisch hinterfragen oder auch loben. Für Schmuki ist deshalb die Zeit, die Mutter und Vater ihren Nachkommen schenken, indem sie sich mit ihnen befassen, das Wichtigste in der Erziehung. Und unter «Zeit haben» versteht der ehemalige Stadtplaner und langjährige Jugendarbeiter nicht die Zeit, in der man die Kleinen permanent unterhält und vom Kino über den Golfkurs und das Ballett bis zum Reitunterricht schleppt. «Die gemeinsame Familienzeit sollte man bewusst verbringen, zum Beispiel bei einem Gesellschaftsspiel wie <Eile mit Weile>.»

Ob ein Kind das iPhone, den Tabletcomputer oder das Luxusmountainbike mit neun oder zwölf Jahren bekommt, ist dabei nicht so relevant. «Wichtig ist», so Robert Schmuki, «wie es das Gadget einsetzt und ob es dafür Regeln gibt.» Wenn der Computer in Begleitung der Eltern zum Einsatz kommt, gebe es im Prinzip nichts dagegen einzuwenden.

Etwas anderes ist es, wenn die Kleine ihr Spielzeug selbst kauft

Das Gleiche gilt für Computerspiele, die es heute bereits für Fünfjährige gibt. Werden diese gemeinsam in der Familie gespielt, ist auch dies sinnvolle Zeit, die man den Kindern schenkt. Und man setzt sich gleichzeitig mit den Bedürfnissen und Wünschen der Sprösslinge auseinander.

Deshalb sollten Eltern auch nicht partout Nein sagen, wenn sich der Nachwuchs Spielwaren selber kaufen möchte. Schmuki ist der Ansicht, dass ein Spielzeug eine ganz andere Bedeutung bekommt, wenn das Kind es selber kaufen kann und darauf sparen muss. «Die Gebrauchsregeln müssen dennoch die Eltern festlegen», sagt der Fachmann.

Autor: Thomas Vogel