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22. Dezember 2014

Zeit vergeht, Eifersucht bleibt

Familiäre Konkurrenz ist unter Kindern ein grosses Thema, selbst wenn das jüngere Schwesterchen oder Brüderchen das ältere schon längst entthront hat. Wie kommen Erstgeborene zu ihrem Recht – und worauf achten Sie als Eltern?

Kampf um den Plüschbären
Heftiger Kampf um den Plüschbären mit der Mutter in der Zuschauerrolle. (Bild: Stockbyte)

Der Artikel im Migros-Magazin vom 22. Dezember 2014 ( «Nur noch Nummer zwei» ) streicht neben dem Bedarf, ältere Geschwister vorzubereiten, auch Vorteile eines Neuankömmlings für Bruder oder Schwester heraus: den Stolz oder das spätere gemeinsame Spielen.
Dennoch sind damit keineswegs alle Spannungen und Gefahren ausgeräumt – im Gegenteil: Ein Grossteil der Probleme entsteht meistens erst später, nach Jahren im Alltag. Wenn das jüngere Geschwisterchen sich bereits frei in Wohnung oder Haus bewegen kann, lauthals seine Ansprüche anmeldet oder herausposaunt. Das ältere sich vehement zu wehren beginnt, mindestens dieselbe Aufmerksamkeit der Eltern verlangt und mit Aggression oder frustriertem Rückzug reagiert, wenn es diese nicht erhält.

Die Notwendigkeit, bei eskalierendem Streit schlichtend einzugreifen, sehen die meisten Eltern ein. Einige auch einen gewissen Bedarf, bestimmte Regeln im Alltag aufzustellen oder gar spezielle Freiräume für das ältere Kind zu schaffen. Bisweilen nehmen sie sich auch vor, sich regelmässig Zeit ausschliesslich für das ältere Kind zu nehmen. In der Umfrage (rechts) können Sie angeben, welche Strategie Sie verfolgen – und sehen, wie es die Mehrheit der anderen Eltern macht.

Dazu verrät Migrosmagazin.ch die wichtigsten Elterntipps zu den verschiedenen Ansätzen:

1. STREIT SCHLICHTEN
Eltern von mindestens zwei Kindern müssen oft eingreifen, wenn es mal wieder laut und hektisch zugeht, Tränen fliessen und/oder Gewalt angewendet wird. Wichtig ist, zuerst einmal für Beruhigung zu sorgen. Der eigentliche Streit wird besser später aus der Welt geschafft.

a) Streithähne zuerst einmal (räumlich) trennen
b) Keine schnellen Schuldzuweisungen, im Zweifel nicht einmal Entscheide fällen
c) Später alle Streitparteien anhören
d) Oft braucht es keine Sanktionen, fast immer aber Konsequenzen, die vielleicht für beide gelten
e) Wenn möglich die Kinder Streitfälle selbst austragen respektive lösen lassen – nimmt man ihnen dies ab, beraubt man sie gleichzeitig einer grossen Chance: Streitkultur zu entwickeln, für Interessenausgleich zu sorgen

2. REGELN AUFSTELLEN
Kinder brauchen wie die meisten Erwachsenen verlässliche Regeln. Diese müssen sich entwickeln, auch mal angepasst werden, aber stets allen bekannt und klar sein.

a) Regeln können bestimmen, wann das ältere Kind sich mit dem jüngeren abgibt
b) Sie können klarstellen, wann das jüngere Geschwister das ältere in Ruhe lassen soll
c) Legen Sie fest, welche Spielzeuge wem gehören und nur mit dem Einverständnis des Besitzers verwendet werden dürfen – oder welche mehreren/allen Kindern gehören
d) Stellen Sie Regeln auf, was geschieht, wenn ‚fremde‘ Kinder eingeladen sind, mit den Eltern gespielt oder gegessen wird

3. RÜCKZUGSRÄUME SCHAFFEN
Als zentral stellt sich häufig die Frage heraus, wer wo ‚zu Hause‘ ist, einen Schutzraum sein Eigen nennen darf. Und dass es daneben genug Platz gibt, der allen gehört, wo man sich mit den anderen zu arrangieren hat.

a) Kleinere und grössere Kinder (auch Eltern?) sollten einen Ort haben, an den sie sich zurückziehen können und der von den andern respektiert wird
b) Dabei kann es sich um ein (ganzes) Zimmer handeln, muss es aber nicht: Beim geteilten Kinderzimmer kann es zum Beispiel auch ‚bloss‘ der Bereich um ein Bett sein
c) Bei grösserem Altersunterschied kann auch ein Türgitter zur räumlichen Trennung geeignet sein, allenfalls mit Tageszeiten, zu denen es angebracht werden darf
4. AUFMERKSAMKEIT NICHT TEILEN
So sehr es den Aufwand für die Eltern erhöht, so gilt doch, dass jedes Kind zwischendurch die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern erhalten soll. Die Kleineren erhalten dieses Recht fast automatisch, ältere nicht unbedingt.

a) Ein paar Stunden festlegen, die das ältere Kind regelmässig mit den Eltern (einem Elternteil) für seine Projekte nutzen darf: Unternehmungen, gemeinsames Spielen usw.
b) Bei der Planung von Ferien oder Ausflügen möglichst nicht bloss an das kleinste Familienmitglied denken (zugegeben: leichter gesagt als getan!)

Autor: Reto Meisser