Archiv
02. April 2012

Ei, ei, was läuft denn da?

Volkstümliche Bräuche sind ein kostbares Gut. Darum hat das Bundesamt für Kultur der Unesco eine Liste mit lebendigen und schützenswerten Traditionen erstellt. Darauf verzeichnet sind auch zwei Osterbräuche: die Eierläset in der Nordschweiz und die historischen Prozessionen in Mendrisio.

Urs Feigenwinter und seine elfjährigen Zwillinge Kim (links) und 
Nik üben im heimischen Garten für die Eierläset 
in Therwil. Es geht um Ehre, Sport 
und viele, viele Eierbrötchen. (Bild: Daniel Winkler)

Nordschweiz: Grosses Eiergaudi

Vor dem Sonntag nach Ostern graut den Hennen. Dann findet in vielen Ortschaften in den Kantonen Baselland, Solothurn und Aargau ein Fest statt, das ihnen nochmals richtig viel Arbeit beschert: die Eierläset.

Grosses Eiergaudi in der Nordschweiz. (Bild: Rolf Cleis)
Grosses Eiergaudi in der Nordschweiz. (Bild: Rolf Cleis).
Das Team, das zuerst alle Eier aus dem Sägemehl gelesen, zur Ziellinie getragen und von dort in den Korb geworfen hat, gewinnt. Geht ein Ei kaputt, muss der Läufer zurück und ein neues holen. (Bild: Rolf Cleis)
Das Team, das zuerst alle Eier aus dem Sägemehl gelesen, zur Ziellinie getragen und von dort in den Korb geworfen hat, gewinnt. Geht ein Ei kaputt, muss der Läufer zurück und ein neues holen. (Bild: Rolf Cleis)

Im Basellandschafter Dorf Therwil ist dieses Jahr wieder einer an vorderster Front mit dabei, der sich auskennt: Kim Feigenwinter (11). Er nimmt zum dritten Mal teil. «Ich bin ein wenig nervös, schliesslich kann man etwas gewinnen», sagt der Viertklässler mit den blauen Augen. Einen Wanderpokal mit Steinei drauf, Schlüsselanhänger oder Becher mit der Aufschrift Därwil, wie die Einheimischen ihr Dorf nennen. Kim tritt mit seinen Gspändli vom Handballverein an, und alle trainieren schon fleissig. Meist mit Tennisbällen. Schliesslich müssen Eierläser nicht nur spurtstark sein, sondern brauchen auch eine gute Portion Feingefühl, um die Eier von der Ziellinie aus punktgenau in eine mit Spreu gefüllt Wanne zu werfen.

Sein Zwillingsbruder Nik, der mit den braunen Augen, ist diesmal nur als Zuschauer dabei. Ehrensache, wird er Kim lautstark anfeuern. Nicht nur er. Das ganze Dorf ist in irgendeiner Weise involviert. Als Teilnehmer, Zuschauer, Helfer wie Vater Urs Feigenwinter oder als Eierlieferant. In der Woche nach Ostern nämlich gehen die Mitglieder der Sportvereine von Tür zu Tür und sammeln Eier oder Geld für den Kauf von Eiern. «Wir zeigen einen Flyer, auf dem steht, dass wir das dürfen», sagt Kim. Erstens hält das potenzielle Eierräuber fern — das kam in der Vergangenheit schon vor —, und zweitens ist es Werbung für Neuzuzüger, die den Brauch noch nicht kennen. Am Weissen Sonntag dann trifft sich tout Therwil an der Bahnhofstrasse. Die Vereine treten in verschiedenen Teams an. Zuerst Kinder bis zwölf Jahre, dann die jungen Erwachsenen, die sich mit Verve und grossem Ernst in den Wettkampf stürzen. Den Schluss bestreiten kostümierte Teams.

Zum Gaudi des Publikums baut das OK jedes Jahr ein paar Schikanen in den Parcours: Mal müssen die rohen Eier sackhüpfenderweise befördert werden, mal auf dem Skatebord oder in einem Teesieb. Sind die Rennen vorbei, trifft man sich in der Mehrzweckhalle zum Eier­schmaus. Dort gibt es gratis Rührei oder mit gekochten Eiern belegte Brötchen für alle. Ausser für Kim Feigenwinter. Der isst lieber Kuchen.

Medrisio TI: Hunderte von Statisten, 50 Pferde und ein Jesus

Umzug mit Fakeln und dem «Ave Maria» ab Band: Gründonnerstagsprozession in der malerischen Altstadt von Mendrisio. (Bild: ©Ti-Press/Francesca Agosta)
Umzug mit Fakeln und dem «Ave Maria» ab Band: Gründonnerstagsprozession in der malerischen Altstadt von Mendrisio. (Bild: ©Ti-Press/Francesca Agosta)
Seit 25 Jahren organisiert Giuseppe Poma die Osterprozessionen am Gründonnerstag und Karfreitag. (Bild: ©Reto Albertalli/phovea)
Seit 25 Jahren organisiert Giuseppe Poma die Osterprozessionen am Gründonnerstag und Karfreitag. (Bild: ©Reto Albertalli/phovea)

Der römische Zenturio spricht Tessiner Dialekt, und der Hohepriester, der an der «Funziun di Giüdee», der Prozession am Gründonnerstag, die Tafeln mit den zehn Geboten durch die Gassen von Mendrisio trägt, kommt eigentlich in der Kreuzigungsgeschichte gar nicht vor. Trotzdem gilt die Figur als wichtig. «Denn», erklärt Darsteller Fabrizio Poma (38), «vor 200 Jahren konnte kaum jemand lesen, darum musste man auf diese Weise der Bevölkerung die Gebote in Erinnerung rufen.»

Christus zu spielen, ist ein Ehre, die man nur einmal im Leben hat

Wie alle, die in Mendrisio aufwachsen, ist auch Fabrizio Poma — im zivilen Leben Treuhänder — seit frühester Jugend dabei. Angefangen hatte er als Schleppenträger von König Herodes. Diese Aufgabe übernimmt dieses Jahr seine Tochter Alessia (7). Sohn Nicola (3) ist noch zu klein und wird auf dem Arm seiner Mutter Virna in den malerischen Gassen Spalier stehen. Zusammen mit rund 10'000 anderen Zuschauern, die aus dem ganzen Kanton und Oberitalien anreisen, wenn ganz Mendrisio Jesu Gang zum Kalvarienberg nachstellt. Rund 50 Pferde und 200 Einheimische sind am Gründonnerstag aktiv dabei. Sogar 800, meist Schüler, sind es an der streng liturgischen Karfreitagsprozession am Tag danach. Die «Processioni storiche», die historischen Prozessionen, finden nur bei trockenem Wetter statt, erklärt Giuseppe Poma (80), seit über 25 Jahren Präsident des Organisationskomitees. «Die prächtigen Kostüme und vor allem die zum Teil uralten, mit Kreuzigungsszenen bemalten wertvollen Laternen vertragen keinen Tropfen Regen.» Nie im Voraus bekannt gegeben wird, wer den Christus spielt. Eine besondere Ehre, die einem Mann nur einmal im Leben widerfährt. OK-Präsident Giuseppe Poma war Anfang der 50er-Jahre dran. Sein Sohn Fabrizio 2006: «Ich war sehr nervös, denn das ist hier natürlich eine grosse Sache.» Eine anstrengende obendrein: «Die ganzen vier Kilometer geht man barfuss, und unterwegs muss man dreimal zusammenbrechen. Ich gestehe, ich war froh, als ich nach zwei Stunden am Ziel das Kreuz abgeben konnte.»

Diego Bernasconi (links) spielt dieses Jahr an der Gründonnerstagsprozession einen römischen Zenturio, Fabrizio Poma (rechts) ruft als Hohepriester der Bevölkerung die Zehn Gebote in Erinnerung. (Bild: ©Reto Albertalli/phovea)
Diego Bernasconi (links) spielt dieses Jahr an der Gründonnerstagsprozession einen römischen Zenturio, Fabrizio Poma (rechts) ruft als Hohepriester der Bevölkerung die Zehn Gebote in Erinnerung. (Bild: ©Reto Albertalli/phovea)
Diego Bernasconi (links) spielt dieses Jahr an der Gründonnerstagsprozession einen römischen Zenturio, Fabrizio Poma (rechts) ruft als Hohepriester der Bevölkerung die Zehn Gebote in Erinnerung. (Bild: ©Reto Albertalli/phovea)
Diego Bernasconi (links) spielt dieses Jahr an der Gründonnerstagsprozession einen römischen Zenturio, Fabrizio Poma (rechts) ruft als Hohepriester der Bevölkerung die Zehn Gebote in Erinnerung. (Bild: ©Reto Albertalli/phovea)

Autor: Ruth Brüderlin