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10. November 2014

WWF-Chef: «Die Ecopop-Initiative ist ökologisch wirkungslos»

Thomas Vellacott vom WWF Schweiz teilt die Sorge der Ecopop-Initianten, der Schweiz drohe Zersiedelung. Doch für weit entscheidender als die Zuwanderung hält er Raumplanung und Ressourcenverbrauch.

Schafweide vor Wohnsiedlung
Laut Studien trägt das Bevölkerungswachstum rund 20 Prozent zur Zersiedelung der Schweiz bei, zu 70 Prozent sind gestiegene Platzansprüche schuld, sagt Thomas Vellacott. (Bild Ex-Press)

Thomas Vellacott, der WWF ist gegen die Ecopop-Initiative. Wieso?

Die Initiative argumentiert vordergründig stark ökologisch, ist aber eine Einwanderungsvorlage, die mit einem grünen Deckmäntelchen versehen ist. Das stört mich. Der WWF engagiert sich für Klimaschutz, für effiziente Ressourcennutzung und vernünftige Raumplanung. Das ist echter Umweltschutz. Aber einfach die Grenzen für Einwanderer zu schliessen, nützt der Umwelt nichts.

Die Initiative will die jährliche Nettozuwanderung in die Schweiz auf gut 16'000 Personen beschränken, um auch die Landschaft zu schützen. Das müsste eine Umweltorganisation doch befürworten.

Die Sorge der Initianten über den zu hohen Ressourcenverbrauch und die Zersiedelung der Landschaft teilen wir. Doch die Initiative löst die Probleme nicht – sie ist ökologisch wirkungslos. Ob Sie in der Schweiz oder in Ländern wie Deutschland oder Portugal, wo viele der Einwanderer herkommen, zu viele Ressourcen verbrauchen, ist für die Umwelt wenig relevant.

Tatsache ist aber, dass die Bevölkerung der Schweiz jährlich um die Anzahl Einwohner der Stadt Winterthur wächst.

Chef des WWF Schweiz: Thomas Vellacott
Chef des WWF Schweiz: Thomas Vellacott. (Bild Keystone)

Laut wissenschaftlichen Studien trägt das Bevölkerungswachstum rund 20 Prozent zur Zersiedelung bei, die steigenden Platzansprüche der Bevölkerung 70 Prozent. 1980 lebte ein Einwohner im Schnitt auf 34 Quadratmetern. Heute sind es über 50. Wenn die Initianten vorgeben, man könne mit einer beschränkten Zuwanderung das Problem der Zersiedelung lösen, streuen sie den Leuten Sand in die Augen. Wenn alle so leben würden wie die Schweizer Bevölkerung, bräuchte man drei Planeten. Bei diesem viel zu hohen Ressourcenverbrauch pro Kopf müssen wir den Hebel ansetzen – dazu aber schweigt die Initiative.

Was heisst denn das genau, es bräuchte drei Planeten?

Wir brauchen mehr, als die Erde regenerieren kann. Wirtschaftlich gesprochen leben wir nicht von den Zinsen, sondern vom Kapital. Die Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen leidet.

Ganz offensichtlich wollen aber die Schweizer auf grösserem Fuss leben. Wollen Sie die Wohnfläche pro Person vorschreiben lassen?

Nein. Aber ein wichtiger Teil der Zersiedelung ist durch schlechte Planung verursacht. Ich lebe in Zürich-Altstetten, wo sehr viel gebaut und stark verdichtet wird. Trotzdem ist es ein Quartier mit hoher Lebensqualität. Ich glaube nicht, dass wir zu unserem Glück möglichst viel Wohnfläche brauchen. Sonst würden nicht immer mehr Leute in die Städte ziehen.

Wie viele Einwohner verträgt die Schweiz Ihrer Meinung nach?

Die Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, denn das hängt ganz entscheidend davon ab, ob wir pro Einwohner 30, 50 oder noch mehr Quadratmeter Wohnfläche beanspruchen. In Grossbritannien, wo ich einen Teil meiner Wurzeln habe, ist die Bevölkerungsdichte 40 Prozent höher als in der Schweiz. Und trotzdem gibt es auch dort schöne Landschaften und Städte mit hoher Lebensqualität. Schuld an unserer Zersiedelung ist schlechte Raumplanung.

Und wie will der WWF den Ressourcen­verbrauch reduzieren?

Mit Effizienz! Ein Drittel aller gekauften Lebensmittel wird fortgeworfen. Unser Stromverbrauch für Licht liesse sich mit LED-Lampen um zwei Drittel senken. Rund 50 Prozent der Fische im Netz sind Beifang, den niemand will. Wir können den Ressourcenverbrauch stark reduzieren – und das bei gleichbleibender Lebensqualität.

Diese Beispiele sind weit davon entfernt, den Ressourcenverbrauch der Schweiz von derzeit drei auf einen Planeten zu senken.

Ja, aber es sind Schritte auf dem Weg dorthin. Wenn wir zusätzlich von fossilen auf erneuerbare Energien umsteigen, erreichen wir eine massive Reduktion unseres ökologischen Fussabdrucks.

Was kann der Einzelne machen?

Die drei grössten Hebel sind Wohnen, Essen und Transport. Wohnen heisst beispielsweise: mit erneuerbaren Energien statt mit Öl heizen, die Häuser gut isolieren und Ökostrom konsumieren. Beim Essen sollten wir uns fragen, ob wir wirklich jeden Tag Fleisch essen müssen. Beim Transport sorgen Flüge für einen wesentlichen Teil des Ressourcenverbrauchs. Ist Weihnachtsshopping in New York wirklich notwendig für mein Glück?

Was haben Sie persönlich zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs beigetragen?

Wir haben die Ölheizung in unserem Reiheneinfamilienhaus durch eine Holzpellet-/Solarheizung ersetzt und die Isolation verbessert. Ich ernähre mich vegetarisch und achte auf Regionalität, Saisonalität und biologische Lebensmittel. Meine Familie hat kein Auto und fährt Velo und ÖV.

Die Ecopop-Initiative will zusätzlich 10 Prozent der staatlichen Hilfsgelder für Aufklärung und Zugang zu Verhütungsmitteln in den Entwicklungsländern einsetzen. Immerhin spricht ein Uno-Weltbevölkerungsbericht von jährlich 80 Millionen ungewollten Schwangerschaften in der Dritten Welt.

Das ist ein sehr einseitiger und überholter Ansatz der Entwicklungszusammenarbeit. Heute wissen wir, dass nur eine Reihe von Massnahmen dazu beiträgt, die Geburtenzahl zu reduzieren. Man muss in die Bildung investieren, den Zugang zum Gesundheitssystem ermöglichen und für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung sorgen. Zu all dem aber schweigt die Ecopop-Initiative. Eine Symptombekämpfung mit starren Quoten ist keine zeitgemässe Form der Entwicklungszusammenarbeit.

Nur muss man etwas gegen die rasant wachsende Weltbevölkerung und den damit verbundenen Ressourcenverbrauch unternehmen. Laut dem neusten «Living Planet Report» des WWF hat sich bei den Wirbeltieren der Bestand in den vergangenen 40 Jahren just deswegen halbiert.

Hauptverursacher des Rückgangs der Wirbeltiere sind die Übernutzung der Bestände und die Zerstörung ihrer Lebensräume. In Südamerika beispielsweise sind die Wildtierbestände dramatisch eingebrochen, obwohl das Bevölkerungswachstum stark rückläufig ist. Grosse Naturflächen fielen dort dem Ausbau der Landwirtschaft zum Opfer, die dann Soja oder Rindfleisch für ausländische Abnehmer produziert. Die wachsende Weltbevölkerung dafür verantwortlich zu machen, dass wir immer weniger Arten haben, greift viel zu kurz.

Der Ressourcenverbrauch ist also schädlicher für die Umwelt als das Bevölkerungswachstum?

Ja, der Ressourcenverbrauch pro Person ist der Haupttreiber für die Umweltprobleme. Wir sollten deshalb nicht Einwanderer für die Probleme verantwortlich machen, sondern selber anfangen, umweltgerechter zu leben.

Die Migros ist strategische Partnerin des WWF und unterstützt als Hauptsponsorin auch das WWF-Kinder- und Jugendprogramm.
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Autor: Reto E. Wild