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04. April 2016

«Wir möchten das E-Voting für alle Auslandschweizer»

Der Nationalökonom und ehemalige SP-Nationalrat Remo Gysin (71) ist seit August 2015 Präsident der Auslandschweizer-Organisation (ASO). Von 2007 bis zu seiner Wahl war er bereits ASO-Vizepräsident. Er weiss, wo den rund 762'000 Auslandschweizern der Schuh drückt.

Remo Gysin
Remo Gysin: «Vermehrt möchte ich auch auf jugendliche Auslandschweizerinnen und -schweizer zugehen und ihnen die Tür zur Schweiz öffnen.» (Bild: zvg).

Remo Gysin, Sie reisten von Mitte März bis zum 6. April 2016 ins Ausland. Bereiten Sie Ihre Auswanderung vor?
(lacht). Nein, nein. Ich muss am 15. April ja bereits wieder in Brunnen sein, wo wir 25 Jahre Auslandschweizerplatz feiern.

Verstehen Sie, wenn Schweizer auswandern wollen?
Ja, sehr gut. Wir Schweizer haben eine Sehnsucht nach der Ferne und sind neugierig. Die Schweiz ist klein, die Welt so gross und verschieden. Da findet man nicht alles in der Schweiz. Wir haben kein Meer, keinen Himalaya, kein Kalifornien und keine Südseeinseln.

Was sind die häufigsten Gründe für eine Auswanderung?
Früher war das die Armut, heute sind es berufliche Gründe. Dabei ist die Palette sehr breit – von Studierenden über Künstler, vom Monteur bis zum Top-Manager. Da bietet das Ausland riesige Chancen, aber auch Hürden.

Welche Hürden?
Zuerst einmal ist man in einem anderen Land fremd, hat keine Freunde und Verwandte und möglicherweise sprachliche Probleme. Man muss sich einnisten und viel Aufbauarbeit ins Vernetzen stecken. Und im Ausland gibt es manchmal komplizierte Administrationen, schwierige klimatische Verhältnisse oder Krisensituationen.

Haben Sie auch schon mit dem Gedanken gespielt, auszuwandern?
Ja. Nach dem Studium wollte ich in ein anderes Sprachgebiet und neue Geschäftskulturen kennen lernen. Aber ich bin bei einer amerikanischen Firma in Fribourg gelandet. Und danach stieg ich in die Politik ein. Aktuell decke ich den Wunsch nach der Ferne mit privaten Reisen ab. 2015 war ich mehrere Wochen in Spanien und entdeckte das Land für mich.

Wohin sonst würden Sie auswandern wollen?
Ich könnte mir in Europa verschieden Länder vorstellen, vor allem unsere Nachbarländer Italien, Frankreich und Deutschland. Als Student absolvierte ich je ein Praktikum in Prag und Tunesien. Und 1992 arbeitete ich im Auftrag der Schweizerischen Katastrophenhilfe in Kroatien und Bosnien, 1994/95 zwei Jahre in Slowenien in einem Projekt zur Reform der zentralen Verwaltung. So gesehen habe ich also bereits Erfahrung als Auslandschweizer.

Was wollen Sie nun mit Ihrer neuen Aufgabe als Präsident erreichen?
Der 100. Geburtstag der Auslandschweizer-Organisation stellt uns vor die Herausforderung, die Verbindung zwischen den Auslandschweizern und der Schweizer Bevölkerung zu intensivieren. Bis 2019 hoffen wir, dass alle Auslandschweizer elektronisch abstimmen können. Derzeit ist das nur via vier Kantone möglich. Eine weitere Zielsetzung: Auslandschweizer müssen leichter Zugang zu einem Bankkonto haben. Ein Dauerbrenner in unserer Arbeit ist die Verbesserung bei den Krankenversicherungen. Zudem sollte der Zugang zu den Botschaften und Konsulaten nicht noch schwieriger werden. Sie sind notwendig – von der Passerneuerung bis zum Krisenfall. Vermehrt möchte ich auch auf jugendliche Auslandschweizerinnen und –schweizer zugehen und ihnen die Tür zur Schweiz öffnen. Und den Auslandschweizerrat mit seinen 140 Mitgliedern möchten wir bekannter machen.

Wie?
Er wird mehr Gehör finden, wenn wir ihn demokratischer und repräsentativer organisieren. Das ist nicht ganz einfach, weil Auslandschweizerinnen und -Schweizer in 200 verschiedenen Ländern Auslandschweizer haben. Noch haben nicht alle die Möglichkeit, sich für den Rat aufstellen zu lassen oder abzustimmen. Das muss sich ändern.

Fast 762 000 Schweizer wohnen ausserhalb der Landesgrenzen. Wo drückt bei Ihnen der Schuh am meisten?
Das ist sehr unterschiedlich. Global gesehen sind es die Probleme, die ich genannt habe: Für Auslandschweizer ausserhalb Europas ist es nicht einfach, eine Krankenversicherung abzuschliessen. Wir möchten das E-Voting für alle. Es sollte nicht mehr passieren, dass Abstimmungsunterlagen zu spät eintreffen und Auslandschweizer deshalb ihre politischen Rechte nicht wahrnehmen können. Und schliesslich kommt es auch immer wieder zu einer Diskriminierung im Bankenbereich: Viele Auslandschweizer können kein Konto eröffnen, haben überhöhte Bankgebühren oder Mindesteinlagen von 100'000 Franken einzuschiessen.

Kann man die Auslandschweizer ein wenig eingrenzen? Was sind das für Menschen, die auswandern?
Ein gemeinsamer Nenner ist der Wohnsitz im Ausland, und alle sind auch bereit, neue Ufer anzupeilen. Darunter gibt es relativ viele Doppelbürger, die schon lange im Ausland leben, zu einem grossen Teil in der zweiten und dritten Generation. Jährlich kommen rund 15'000 Auslandschweizer dazu. Dabei beobachten wir eine Zunahme der Auswanderung Richtung Asien, weniger nach China, aber vermehrt nach Japan, Thailand und die Philippinen.

Dank dem wirtschaftlichen Aufschwung in Asien?
Ja, die wirtschaftliche Entwicklungen spielt eine wichtige Rolle. Wir stellen aber auch fest, dass vermehrt ältere Leute etwa nach Thailand und Spanien auswandern. 20 Prozent der Auslandschweizer befinden sich im Pensionsalter. Ansonsten spiegeln die Auslandschweizer die Schweizer Bevölkerung: Es gibt Einzelpersonen und ganze Familien. Und als Folge der Globalisierung nimmt die Mobilität zu. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen wie durch eine Drehtür. Typisch für die Auslandschweizer ist, dass sie oft als Brückenbauer funktionieren, Brücken nicht nur im und zum Gastland bauen, sondern auch aus 200 Ländern zurück in die Schweiz. Beispielhaft dafür steht Toni Rüttimann, der seit 14 Jahren in Südostasien lebt und mit der lokalen Bevölkerung über 300 Brücken gebaut hat.

Autor: Reto Wild