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05. März 2012

E suuberi Sach …

Der Mensch ist im Allgemeinen «stubenrein». Er putzt seine Behausung, sich selbst und die, die es nicht können, wie Kleinkinder und Pflegebedürftige. Hygiene ist in unserem Alltag zur Selbstverständlichkeit geworden. Wann aber ist des Guten zu viel getan?

Daheim bitte keine übertriebene Hygiene.
Daheim bitte keine übertriebene Hygiene. Heisses Wasser und Reinigungsmittel reichen völlig aus, Desinfektionsmittel sind unnötig.

Die Dreck- und Urwaldhypothese: Wie allzu sterile Umgebungen Allergien auslösen können.

Die Liste mit Hygiene-Grundregeln für den Umgang mit Lebensmitteln des Bundesamtes für Gesundheit (das zweite PDF auf der Übersicht).

Emma Pillsbury alias Jayma Mays kompensiert in der US-TV-Serie «Glee» ihren Frust gern mit Putzattacken. Dann bearbeitet sie etwa die Arbeitsfläche ihrer Küche mit der elektrischen Zahnbürste. Wasch- oder Putzzwang nennt man das landläufig.

«Meh Dräck!» forderte dagegen Rocker Chris von Rohr in einem Song — ein Ausruf, der zum Schweizer Wort des Jahres 2004 avancierte. Statt steriler Sauberkeit also Schmuddeligkeit?

Kühlschrank: Leicht verderbliche Lebensmittel wie Fisch, Fleisch, Milch etc. nach dem Einkauf so schnell wie möglich kühl lagern (bei maximal sechs Grad).
Kühlschrank: Leicht verderbliche Lebensmittel wie Fisch, Fleisch, Milch etc. nach dem Einkauf so schnell wie möglich kühl lagern (bei maximal sechs Grad.

Irgendwo dazwischen liegt der richtige, der gesunde Weg. Wir haben schliesslich in den letzten 200 Jahren gelernt, dass der Rückgang von Infektionskrankheiten unmittelbar mit dem Grad an Sauberkeit, Hygiene, zusammenhängt. Hygiene, abgeleitet von Hygieia, der griechischen Göttin der Gesundheit, ist die Lehre von der Verhütung von Krankheiten und der Erhaltung, Förderung und Festigung der Gesundheit.

Keine Sorge, grundsätzlich leben wir im Einklang mit Bakterien und Viren. Barrieren wie unser Immunsystem sorgen dafür, dass diese nicht tiefer als erwünscht in den Körper eindringen und überhand nehmen. Ein Balanceakt. Ist diese Balance jedoch bedroht, muss man etwas tun. Mit dem Händewaschen etwa wird versucht, ansteckende Krankheiten wie Grippe abzuwehren. Aber Vorsicht, mit übermässigem Händewaschen erreicht man genau das Gegenteil: Der natürliche Hautschutz wird zerstört, Mikroben können ungehindert in den Körper eindringen, ihn infizieren. Und auch in Sachen Hygiene bei Babys raten Experten wie der Kinderarzt Rainer Kehrt aus Feldmeilen ZH: «Ein- bis zweimal pro Woche baden reicht völlig. Die Natur hat es so eingerichtet, dass es ein gewisses Milieu auf der Haut braucht, damit der Schutz funktioniert.»

Wie viel Hygiene ist also nötig, um sich vor Krankheiten zu schützen, und wie viel ist des Guten zu viel? Grundsätzlich gilt: Um sich wirksam vor Infektionen zu schützen, muss der eigene Haushalt nicht steril sein. Ein paar Regeln reichen schon. Etwa, dass man …
•  ... die Hände nach dem Toilettenbesuch und vor dem Umgang mit Lebensmitteln mit warmen Wasser und Seife wäscht
•  ... verderbliche Waren kühl lagert
•  ... häufig benutzte Tücher und Lappen regelmässig auswechselt oder bei mindestens 60 Grad wäscht

Badezimmer: Oberflächen und Böden stets sorgfältig reinigen. Denn im feuchten Milieu fühlen sich Mikroben pudelwohl und breiten sich schnell aus.
Badezimmer: Oberflächen und Böden stets sorgfältig reinigen. Denn im feuchten Milieu fühlen sich Mikroben pudelwohl und breiten sich schnell aus.

Dreck, Schimmel, Keime - wie gefährlich sind sie?

Jeder Tag ist eine Herausforderung für unser Immunsystem. Nicht immer ist man sich sicher, ob man das Richtige tut. Hier die häufigsten Fragen:

Schimmel auf Lebensmitteln – kann man die befallenen Stellen grosszügig entfernen?

Verschimmelte oder angeschimmelte Lebensmittel sollten weggeworfen werden. Manche Schimmelpilze können giftige Stoffe (Mykotoxine) bilden, die unsere Gesundheit gefährden. Da sich Pilzfäden, für das Auge nicht sichtbar, im ganzen Lebensmittel verteilen können, genügt es nicht, nur die sichtbar verschimmelten Teile zu entfernen. Schimmelpilzgifte können auch nicht durch Erhitzen zerstört werden.

Wie lange sind Waren noch gut, wenn die Verpackung angebrochen ist?

Wie lange der Inhalt einer angebrochenen Packung – zum Beispiel Tube, Dose, Flasche – noch geniessbar ist, ist schwierig zu bestimmen. Die Haltbarkeit ist nicht nur je nach Produkt verschieden, sondern auch abhängig davon, wie das Produkt nach dem Öffnen gelagert oder überhaupt gehandhabt wird. Aufgrund dieser vielfältigen Einflussfaktoren ist es nicht möglich, Haltbarkeitsfristen für bereits geöffnete Ware festzulegen. Man muss sich auf seine Sinne und seine Erfahrung verlassen. Die meisten Verderbreaktionen sind sichtbar (wie Schimmelbefall) oder geschmacklich wahrnehmbar (muffiger Geruch, Sauerwerden, Ranzigwerden). Im Zweifelsfall: fortwerfen! Reste oder angebrochene Packungen können aber auch tiefgekühlt werden, was die Haltbarkeit verlängert. Tiefkühlgerecht verpacken!

Muss man alles, was ein Säugling in die Finger oder den Mund bekommen kann, abkochen?

Krabbelkinder brauchen keine keimfreie Umgebung. Ganz im Gegenteil: Ein Zuviel an Desinfektion kann bei Kindern die Allergiebereitschaft erhöhen, weil der Organismus nicht lernt, sich gegen Angreifer zu wehren. Es reicht daher völlig aus, Oberflächen im Haushalt, Spielsachen mit heissem Wasser und herkömmlichen Reinigungsmitteln zu behandeln. Spezielle Desinfektionsmittel sind unnötig.

Dreck reinigt den Magen – stimmt das wirklich?

So nicht. Tatsache ist, dass die Magensäure hoch ätzend ist und mit natürlichen Krankheitserregern, wie sie in Blumenerde oder Sand vorkommen, fertig wird. Zur Sicherheit kann man dem Kind den Mund ausspülen. Aber reinigende Wirkung hat Dreck sicher nicht. Der Ausspruch kommt eher aus dem Volksmund und der gesunden Einstellung, dass ein paar natürliche Keime problemlos vom menschlichen Organismus entschärft werden können.

Autor: Dörte Welti