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30. November 2015

Wettkampf der Spitzen-Gamer

Computerspieler und ihre Fans füllen heute ganze Stadien. Diese Woche treten die weltbesten Gamer an der E-Sports-WM in Südkorea an. Einer von ihnen ist der Informatiker Dennis Berg, Captain des Schweizer «League of Legends»-Teams.

E-Sport in der Berliner Mercedes-Benz-Arena
Grosse Show in der Berliner Mercedes-Benz-Arena: Das SK-Telecom-Team triumphiert im «League of Legends»-Final am 31. Oktober. (Foto: Riot Games)

Ein Raunen geht durch den Saal, dann anerkennender Jubel und schliesslich freudiger Applaus. Auf der Leinwand im Zürcher Kino Stüssihof haben sich eben die fünf Kämpfer der KOO Tigers in einem cleveren Manöver auf jene der SK Telecom gestürzt, sie mit diversen fantastischen Computerspielwaffen niedergemacht und damit überraschend die Runde gewonnen.

Nun steht es 2 zu 1 zwischen den beiden südkoreanischen Teams – zur Freude von Dennis Berg (22) und seinen Kollegen, die an jenem Samstag Ende Oktober gemeinsam mit rund 50 anderen Fans und Spielern zum Public Viewing des «League of Legends»-World Championship Finals in Berlin gekommen sind. Hätte sich das favorisierte SK-Team durchgesetzt, wäre der Final bereits zu Ende gewesen (wer als Erstes drei von fünf Runden gewinnt, siegt), so geht es mindestens nochmals eine Runde weiter.

Computerspiele im Team

Was Berg da so begeistert schaut, nennt sich E-Sports – nichts anderes als zwei Mannschaften, die in einem Computerspiel gegeneinander antreten, vor Publikum. Inzwischen finden diese Turniere in gewaltigen Arenen statt, diese hier in der Berliner Mercedes-Benz-Arena, deren 17 000 Plätze innert Sekunden ausverkauft waren. Parallel dazu können die Fans an unzähligen Public Viewings rund um die Welt die Liveübertragung auf Grossleinwänden mitverfolgen, in Sportarenen, Kinos oder Pubs.

E-Sports funktioniert fast genauso wie traditioneller Sport.

Wie im klassischen Sport gibts Moderatoren, die atemlos jeden Zug kommentieren und einordnen, es gibt Fangemeinschaften, Sponsoren, Preisgelder: E-Sports ist zu einem Milliardengeschäft geworden. Online-Kanäle wie Twitch.tv sind entstanden, auf denen man pausenlos solche Spiele verfolgen kann; die Seite hat ähnlich viele Zugriffe wie die Fifa. Beobachter der Szene erwarten, dass E-Sports in 10 bis 20 Jahren klassische Sportarten wie Fussball überholt haben und zum Freizeitsport Nummer eins aufsteigen wird.

Dennis Berg ist aber nicht einfach ein x-beliebiger Fan, er gehört selbst zu den besten «League of Legends»-Spielern (LoL) der Schweiz und tritt als Captain seines Teams Anfang Dezember an der E-Sports-WM in Südkorea für die Schweiz an. Auch deshalb interessiert ihn das Duell in Berlin, denn dort treten drei Superstars der Szene an, junge Südkoreaner mit globaler Fangemeinde, die von E-Sports leben können. «In der Schweiz kann das praktisch niemand», sagt Berg, «aber in Südkorea ist es ein gewaltiges Geschäft.»

Die Präsenz der drei südkoreanischen Stars in Berlin ist ein bisschen so, wie wenn Federer, Djokovic und Nadal gleichzeitig in einem Tennismatch im Einsatz stünden. Die Fans in Südkorea hängen sich Poster ihrer Gamer-Idole zu Hause übers Bett, und das Siegerteam in Berlin kann sich auf eine Million Franken freuen. Bis im Halbfinal waren auch noch zwei europäische Mannschaften im Rennen, die hatten aber, wie so oft, keine Chance gegen die Südkoreaner. Und am Ende gewinnt das SK-Team 3 zu 1.

Das entscheidende LoL-Finalspiel in Berlin in voller Länge.

Seine ersten Computergames hat Dennis Berg mit fünf Jahren gespielt, seit vier Jahren spielt er LoL, seit gut zwei Jahren nationale und internationale Turniere. Heute gehört er zu den Top Ten in der Schweiz. Dass er sich auf LoL spezialisiert hat, sei Zufall, aber das Spiel mache immer noch Spass. Dabei treten zwei fünfköpfige Teams gegeneinander an, jeder steuert einen Spielcharakter mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Waffen durch ein Fantasy-Spielsetting. Ziel ist es, die gegnerische Festung zu erobern, dazu braucht es einerseits strategisches Geschick, andererseits aber auch flinke Finger, um in den unvermeidlichen Kämpfen zu bestehen. LoL ist nur eines von diversen E-Sports-Spielen – fast alle erfordern eine ähnliche Mischung aus Strategie, Konzentration und Geschwindigkeit. In Seoul werden neben LoL auch Hearthstone und StarCraft II gespielt.

Diese Spitzen-Gamer gehen vom 2. bis 5. Dezember in Seoul für die Schweiz ins Rennen.

Entwicklungsland Schweiz

«Mir liegt strategisches Denken, und ich bin ehrgeizig, das war schon früher beim Monopoly so», sagt Berg auf die Frage, weshalb er in diesem Spiel so erfolgreich ist. Hinzu kommt: spielen, spielen, spielen. In Vorbereitung auf die WM trainiert der Informatiker aus Dietikon ZH rund zwei Stunden täglich allein und etwa vier Stunden pro Woche mit dem Team. «Die Trainings und Absprachen sind extrem wichtig, denn LoL ist ein Teamsport. Ein ideales Training ist zum Beispiel, sich in schwierige Situationen zu bringen, die man normalerweise vermeidet – und dann zu versuchen, da heil wieder rauszukommen. Man muss laufend neue Strategien entwickeln, das macht es so interessant.»

Berg gehört zwar zu den Besten in der Schweiz, aber die Schweiz ist im E-Sport nicht sehr bedeutend. «Die Lebenshaltungskosten hier sind so hoch, dass Gamer es sich nicht leisten können, nur zu spielen. In Osteuropa hingegen gibt es einige, die neben E-Sports keinen Job brauchen und viel mehr Zeit haben zu trainieren. Die spielen dann natürlich auf einem anderen Niveau.» Einsam an der
Spitze steht jedoch Südkorea, wo man E-Sports schon seit über zehn Jahren betreibt.

Die Schweiz sei demgegenüber geradezu ein Entwicklungsland, sagt Vinzenz Kögler, Präsident des Schweizerischen E-Sports-Verbands . «Der Stellenwert von E-Sports ist hier im Vergleich mit traditionellen Sportarten relativ gering, den meisten ist gar nicht bewusst, dass es für Videospiele überhaupt einen professionellen Wettkampf gibt.» Generell haben Computerspieler im deutschsprachigen Raum nicht das beste Image. Doch das verändert sich langsam, denn unter Jugendlichen ist
Gaming sehr beliebt, zunehmend auch bei weiblichen.

Doping und Sexismus

Dennis Berg beim Public Viewing im Zürcher Kino Stüssihof. Foto: Basil Stücheli.
Dennis Berg beim Public Viewing im Zürcher Kino Stüssihof. Foto: Basil Stücheli.

Berg schätzt, dass 10 bis 20 Prozent im E-Sports Frauen sind. «Aber die meisten spielen nicht gut genug, um ganz vorne mit dabei zu sein.» Auch im Schweizer Team für Südkorea gibt es keine Frau. Zudem sind die Gamer auch immer wieder mal mit Sexismusvorwürfen konfrontiert. Berg relativiert: «Der Ton ist überall rau und sexistisch, wo viele 14-jährige männliche Jugendliche unterwegs sind. Auch ich muss mir immer wieder mal Beschimpfungen anhören, Sprüche wie ‹Mann, bist du hässlich› oder so was. Mit der Zeit ignoriert man das einfach.»

Und ganz wie im klassischen Sport ist auch Doping ein Thema. Der Counter-Strike-Spieler Kory Friesen liess sich vor Kurzem zitieren, dass alle Spitzenspieler im E-Sports gedopt seien, mit konzentrationssteigernden Medikamenten wie Ritalin oder Adderall. Berg sagt, Doping sei im Schweizer E-Sports kein grosses Thema. «Ich glaube nicht, dass wir hier ein Problem damit haben.» Dennoch wird in der Branche derzeit diskutiert, ob künftig vor grossen Turnieren Tests stattfinden sollen.

Tatsächlich ist eine gute Konzentration extrem wichtig bei E-Sports. Berg sieht zu, dass er vor Turnieren genügend schläft, etwas gegessen hat, aber nicht zu viel und nicht zu fettig. Und er analysiert Verhalten und Strategien der gegnerischen Teams. Die Gegner der Schweiz in Südkorea werden vor Ort ausgelost – es nehmen 23 Nationen teil. Beim letzten grossen Turnier in Bukarest 2014 schaffte Berg es mit seinem Team bis ins Viertelfinal, dort scheiterten sie dann an Südkorea. Diesmal hofft er, dass sie es bis ins Halbfinal schaffen. Zu gewinnen gibts auf den ersten drei Plätzen insgesamt rund 20000 Franken.

Natürlich steht in Seoul das Turnier im Mittelpunkt, aber Berg war noch nie in Südkorea, und die Mannschaft wird schon ein paar Tage vorher anreisen. «Ein bisschen Sightseeing machen und mit anderen Spielern um die Häuser ziehen», sagt Berg. Denn das ist ein netter Nebeneffekt dieses Hobbys. «Man lernt viele Leute aus der ganzen Welt kennen und geht sich dann auch gegenseitig besuchen. Das ist schon sehr cool.»

7th E-Sports World Championship in Seoul, Südkorea: 2. bis 5. Dezember. Live-Übertragung auf Twitch.tv

Die bombastische Opening-Ceremony des LoL-Finals in Berlin – so ähnlich dürfte es diese Woche in Seoul aussehen.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Basil Stücheli