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06. April 2015

E-Bike: Wenn Stromern verbindet

Lange Zeit waren gemeinsame Bikeausflüge mit ihrem Mann eine Tour de Force. Nun hat Tanja Valentin ein E-Bike und hält selbst in steilem Gelände locker mit – sehr zur Freude von Gatte Gian.

Tanja Valentin mit Mann Gian am Walchwilerberg
Steile Tour am Walchwilerberg: Dank des E-Bikes kann Tanja Valentin bergauf ohne Strapazen mit ihrem Mann Gian mithalten.

Tanja Valentin (39) will gar nicht mehr aufhören zu lächeln. Auch ihr Mann Gian (43) hat einen zufriedenen Gesichtsausdruck. Die beiden sind mit ihren Mountainbikes am Walchwilerberg ZG unterwegs. Für Anfang März sind die Temperaturen ungewöhnlich mild. Die Sonne hat den Schnee bereits weggeschmolzen, und die Vegetation erwacht aus dem Winterschlaf.

Dem Zuger Ehepaar eröffnet sich eine wunderbare Aussicht auf den Zugersee und die gegenüberliegenden Berge Rigi und Pilatus.

Den Atem raubt Tanja aber nur das Panorama, nicht die ruppigen Steigungen. Die machen der zierlichen Frau seit Neuestem sogar richtig Spass. Mit leichtem Tritt pedalt sie in den steilsten Rampen hinter ihrem Mann her, der trotz kräftigen Tritts in den kleinsten Gang schalten muss. Ein leises Surren verrät, dass Tanja mit einem E-Bike unterwegs ist, während Gian auf einem vollgefederten, aber unmotorisierten Mountainbike sitzt.

mit Zentralantrieb am Tretlager
Ideal für bergige Strecken: Tanja fährt mit Zentralantrieb am Tretlager – dem gebräuchlichsten Antrieb bei E-Bikes.

E-Bike bringt die Harmonie zurück
Bis vor Kurzem liefen die gemeinsamen Biketouren weniger harmonisch ab. Nicht, dass einer der beiden unsportlich wäre. Aber allein der Grössenunterschied von 20 Zentimetern macht es Tanja schwer, beim Sport mit Gian mitzuhalten. «Sie läuft beim Joggen 8,5 Kilometer pro Stunde, ich 12», bringt Gian ein Beispiel. «Beim Biken erscheint mir der Leistungsunterschied noch viel grösser», sagt Tanja. Wenn er pedaliere, sehe das immer so locker aus. Sie dagegen habe das Gefühl, nicht vom Fleck zu kommen.

Der Grund für die grosse Leistungsdifferenz nur mit dem Grössenunterschied zu erklären, wäre jedoch zu einfach. Gian liebt das Mountainbiken. Mit einem einem Kumpel oder seinem jüngeren Sohn geht er zwei bis drei Mal wöchentlich ins Gelände. In den Ferien macht er Tagestouren von bis zu 70 Kilometer Distanz und 2000 Höhenmeter. So kommen auf dem Mountainbike pro Jahr gut 1500 Kilometer und 30 000 Höhenmeter zusammen, plus nochmals 1000 Kilometer Arbeitsweg mit dem Velo.

Tanja hingegen ist mehr der Fitnesstyp. Sie fährt Velo fast nur mit Gian, trainiert dafür gerne im Studio und macht Zumba. Aber nicht nur, weil es ihr dort besser gefällt: «Es ist mir nicht recht, wenn Gian immer auf mich warten muss.» Gian wiederum tut Tanja leid, wenn sie sich mit ihrem Bike abmüht. «Die gemeinsamen Ausfahrten sollen der Entspannung dienen und nicht zu Spannungen führen», sagt er. Dass es auch anders geht, haben die beiden bei ihren und seinen Eltern beobachtet. Diese sind schon seit geraumer Zeit mit Elektrobikes unterwegs, um den Leistungsunterschied auszugleichen.

Es brauchte jedoch eine gewisse Leidenszeit, bis sich Tanja auf das Experiment einlassen mochte. «Wir haben E-Bikes stets als Alte­Leute-Fahrzeuge belächelt, allerdings ohne jemals selber damit gefahren zu sein», erinnert sie sich.
Irgendwann wurde es ihr dann aber zu bunt. Gian hatte sich wieder mal mit dem Bike verfahren. Sie sah nur noch Berge und wurde sauer. «Ich wollte nicht, dass sich das nochmals wiederholt. Da habe ich mir das Flyer meiner Mutter ausgeliehen. Das war ein richtiges Aha-Erlebnis und hat so viel Spass gemacht, dass ich mir nun ein eigenes E-Bike gekauft habe», erzählt Tanja. Allerdings eines, mit dem sie auch im Gelände fahren kann.

«Ein cooles Teil!», findet Gian. Er freut sich, dass die gemeinsamen Biketouren nun richtig viel Höhenmeter haben dürfen. «Bergauffahren macht Spass», findet jetzt auch Tanja und lächelt verschmitzt.

Ein Velo für alle Fälle

Heute gibt es E-Bikes für jedes Bedürfnis und jeden Geschmack. Immer mehr Menschen nutzen die energieeffizienten Velos für den Arbeitsweg.

Mario Klaus, Sprecher von M-way
Mario Klaus, Sprecher von M-way, ist aktiver E-Biker, Rennradfahrer und Mountainbiker.

Bald jedes fünfte in der Schweiz verkaufte Fahrrad besitzt einen Elektromotor. Das ist für Mario Klaus (42), Sprecher von M-way, der Migros-Tochter für E-Bikes, keine Überraschung: «Mit zunehmender Breite des Angebots nimmt der Coolnessfaktor von E­Bikes rasant zu.» Das spiegelt sich auch in der Breite des Sortiments, das inzwischen alle Velotypen beinhaltet – vom Rennrad über Mountainbikes bis hin zu Lifestyle- und Alltagsrädern sowie schnellen S-Pedelecs. «Mittlerweile können sämtliche Bedürfnisse und Ansprüche von Velofahrern abgedeckt werden, die auf ein E-Bike umsteigen möchten», sagt Klaus.

Über die Gründe für diese zunehmende Beliebtheit bei Herrn und Frau Schweizer gibt eine Studie des Bundesamts für Energie Aufschluss, die 2014 in Zusammenarbeit mit den Verbänden Pro Velo, NewRide und der Firma Biketec (Flyer) entstanden ist. Das Nutzungsverhalten der befragten Fahrerinnen und Fahrer lässt aufhorchen:
2600 Kilometer werden pro Jahr durchschnittlich mit dem E-Bike zurückgelegt. Für die meisten der Befragten ist es das wichtigste oder zweitwichtigste Verkehrsmittel im Alltag – vorzugsweise für den Arbeitsweg und die täglichen Besorgungen. Ersetzt werden dabei etwa 1000 Autokilometer, davon 570 in öffentlichen Verkehrsmitteln und 400 Kilometer mit dem herkömmlichen Fahrrad. Wobei zu ergänzen ist, dass die durchschnittliche Länge des Arbeitswegs mit dem E-Bike zwischen 8 und 9 Kilometer liegt, beim normalen Velo sinds dagegen lediglich 2,9 Kilometer.

Schnell und energieeffizient
Bedenken, dass durch den vermehrten Einsatz von E-Bikes der Energiekonsum unnötig angekurbelt wird, sind deshalb unbegründet. Weil der Komfort der E-Bikes laufend mehr Menschen fürs Fahrradfahren begeistert, die sonst im Auto oder auf dem Motorrad sitzen würden. Selbst bei maximaler Leistung sind schnelle E­Bikes noch immer 50 bis 100 Mal energieeffizienter als ein Auto. Bei Tempi um die 40 km/h verbraucht ein E-Bike auf 100 Kilometer rund eine Kilowattstunde Strom. Das entspricht einem Energieäquivalent von rund 9 Zentiliter Benzin. Ein kleiner Personenwagen dagegen verbraucht 4 bis 6 Liter Treibstoff. Dazu steht er immer länger im Stau – ganz zu schweigen von der nervigen Parkplatzsuche.

SUVs unter den E-Bikes
«Immer mehr Pendler entdecken die schnellen Pedelecs als Ersatz für das Privatauto und den öffentlichen Verkehr», bestätigt auch Mario Klaus. Der M-way-Sprecher stellt ausserdem fest, dass die weibliche Zielgruppe wächst. Die Auswahl an sportlich-eleganten Damenrahmen, Tiefeinsteigern sowie die modisch-trendigen Farben fänden grossen Anklang bei den Kundinnen.
Letzter Schrei sind im Moment die Elektro-Fatbikes mit speziell fetten Reifen – die SUVs unter den Pedelecs sozusagen. Und ideal sowohl für schweres Gelände als auch im urbanen Dschungel. 

Autor: Martin Platter

Fotograf: Pascal Mora